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THEMA
06/09/2019

Wisch und weg: Wie uns das Handy in der Hand hat

Ohne Smartphone geht nichts mehr. Doch das Abtauchen in die reizüberflutete digitale Welt bleibt nicht ohne Konsequenzen.

von Yvonne Widler

Es ist nicht  sehr lange her, da spotteten wir noch verächtlich über asiatische Touristen, die innig verschmolzen mit ihren Kameras, stets den Finger auf dem Auslöser, wie aus einer Parallelwelt eingeflogen durch unsere doch so weit davon entfernte Realität spazierten. Heute amüsiert sich kaum noch jemand über den zwanghaften Drang, jeden Moment festhalten zu müssen.

Wir alle sind so geworden. Weitreichender noch: Ein Großteil der Österreicher würde lieber sieben Tage auf Alkohol, Sport und Sex verzichten als auf das Smartphone. Das kleine Gerät prägt unseren Alltag, unser Bild von uns selbst und der Gesellschaft. Mit gesenkter Kopfhaltung auf das Handy-Display starrend und stets auf den nächsten Like-Regen hoffend, der sich über unser Ego ergießt, warten wir bei Busstationen. Selbst dann, wenn wir mit einem guten Freund unterwegs sind.

Im Restaurant sitzen wir einander  gegenüber, sind aber ganz woanders. Die Menschen wurden zu Smombies. Zur Erinnerung: Smombie war das Jugendwort 2015. Eine Verschmelzung der Begriffe „Smartphone“ und „Zombie“.  Aktuellen Studien zufolge schauen wir 84-mal pro Tag auf unser Handy – also untertags etwa  alle 13 Minuten. Schon lange sind es nicht mehr nur die Jugendlichen, die vom digitalen Sog angezogen sind und abtauchen. 

 

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Solange das Smartphone in Griffweite liegt, sind wir doch immer irgendwie abgelenkt, und es ist daher wenig verwunderlich, dass unsere generelle Konzentrationsfähigkeit durch den exzessiven Handykonsum abgenommen hat. Ungeachtet der Tatsache, dass der technische Fortschritt zahlreiche Erleichterungen und Vorteile mit sich bringt, so sind sich Experten in einer Sache einig: Wir verlernen nicht nur, uns auf andere Dinge im Leben länger zu fokussieren, wie etwa auf das Auslesen eines Buches. Unser Smartphone mit all seinen Apps konditioniere uns auch noch genau auf das Gegenteil.

 

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Ob eine WhatsApp-Nachricht, ein Tweet, eine Story auf Instagram, ein Post auf Facebook oder ein Snap: Sie alle sind winzige Einheiten, die innerhalb von Sekunden in unseren Timelines und Newsfeeds an unseren Augen und Gehirnen vorbeisausen. Wir haben also gelernt, uns sehr schnell auf neue Inhalte, Abwechslung und Überraschungen einzustellen. Ein kultureller Wandel oder eine neue Form der Sucht? Oder beides? 

Ungeahnte Folgen

Es ist jedenfalls bezeichnend, dass ausgerechnet jener Mann, der den „Like“-Button auf Facebook erfunden hat, im Jahr 2017 eine Warnung ausgesprochen hat. Justin Rosenstein ließ die Welt über den Guardian wissen, dass er bereut. Es sei bedauerlicherweise so, dass Menschen häufig Dinge in der allerbesten Absicht entwickeln würden, die dann unbeabsichtigte, negative Konsequenzen hätten. Und nicht nur bereue er seine Erfindung, er fühle sich auch selbst von ihr in Besitz genommen. Rosenstein gab zu, dass er seinen eigenen Snapchat-Account blockiert und eine Art Schranke auf dem Smartphone installiert hat, die es ihm nicht mehr erlaubt, neue Apps herunterzuladen. 

Wisch, Klick, Like

Aza Raskin, Mitgründer der „Time Well Spent“-Bewegung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, ein Bewusstsein für Zeit und Nutzung in der digitalen Welt zu schaffen, spricht davon, dass Smartphones unsere Fähigkeit zur Selbstregulierung überwältigt haben. Es kursieren unzählige Berichte darüber, dass das ständige Wischen, Klicken und Liken uns längst süchtig gemacht habe.

 

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Während die einen die Rückkehr zum dumb phone, also dem altmodischen Tastentelefon ohne Internetzugang, als einzigen Ausweg sehen, blicken andere der Entwicklung etwas entspannter entgegen. Wirklich Sorgen machen sollte man sich demnach erst, wenn auch schöne Tätigkeiten unterbrochen werden, um den Kopf zu neigen und Smombie zu sein.

 

Der Zeitforscher Marc Wittmann hat einmal gesagt, wir könnten den Kampf gegen das Handy nur verlieren, wenn es tatsächlich immer dabei ist. „Digital Detox“ sei ein populärer Begriff und so müsse jeder Einzelne den Grad seiner Achtsamkeit beobachten und Konsequenzen daraus ziehen. So oder so: Das Handy hat uns in der Hand. Und nicht umgekehrt.