„Franz Joseph war sich der Tragweite bewusst“: Manfried Rauchensteiner.

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Interview
12/31/2013

"Der Krieg war ein Experiment"

Der prominente österreichische Historiker Manfried Rauchensteiner über die Ursachen des Ersten Weltkriegs, Schuldfragen und die Verantwortung der Entscheidungsträger.

von Konrad Kramar

Manfried Rauchensteiner ist Österreichs führende Autorität in Fragen zur letzten Phase der Habsburgermonarchie und dem Ersten Weltkrieg. Kürzlich ist sein Buch Der Erste Weltkrieg und das Ende der Habsburgermonarchie (Böhlau), erschienen.

KURIER: Kann man hundert Jahre danach festlegen, wer diesen Krieg zuletzt verursacht hat?

Rauchensteiner: Die Frage, wer ist schuld, kann man letztlich nicht beantworten. Eine Reihe von Entscheidungsträgern hat Verantwortung zu tragen gehabt, der sie nicht gerecht wurden. Wir reden international von einem Dutzend Menschen, die den Entschluss zum Krieg fassen und auch nicht willens sind, gegenzusteuern.

Wie wurden in der Habsburgermonarchie die Entscheidungen für den Krieg getroffen?

In dem Augenblick, als Kaiser Franz Joseph den Weg zum Krieg freigibt, rennt alles wie auf einer schiefen Ebene ab. Es ist erschreckend, dass Franz Joseph seine Audienzen immer als Zweiergespräche führte. Es gab keine Beratungen. Die Leute durften kurz ihren Standpunkt darlegen und dann sprach seine Majestät. So bekommt das Ganze noch einmal so einen absolutistischen Anspruch, also Neoabsolutismus in seinen letzten Auswirkungen. Der Kaiser kann entscheiden, er hat entschieden, und er ist sich der Tragweite bewusst gewesen. Obwohl er sich wahrscheinlich der Wirkung der Waffen, der Dimensionen dieses Krieges nicht bewusst war.

Wusste der Kaiser, in was für einen Krieg er da ging?

Franz Joseph hat natürlich in erster Linie den Krieg gegen Serbien als unvermeidlich gesehen, aber er ist sich bewusst gewesen, dass hinter Serbien Russland steht und, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit Krieg gegen Russland gibt. Er hat ein Jahr später eingestanden, dass er selber einen Fehler gemacht hat, weil er meinte, Serbien in so kurzer Zeit niederwerfen zu können, bevor man sich gegen Russland wendet.

Was waren seine persönlichen Beweggründe?

Das Einzige, wofür sich Franz Joseph während seiner letzten Jahre interessierte, war das Militär. Er umgibt sich vornehmlich mit den zwei Chefs seiner Militärkanzlei. Der eine ist täglich beim Monarchen und das bis zu zwei Stunden. Kein Ministerpräsident hat je so viel Zeit bekommen. Das heißt, politische Überlegungen, etwa eine Reichsreform, spielen überhaupt keine Rolle mehr. Wir müssen uns einen Mann vorstellen, der nach gewissen militärischen Meldungen, die ihm gemacht werden, in Tränen ausbricht. Das hat er beim Begräbnis des Kronprinzen Rudolf nicht zusammengebracht, oder als Elisabeth vor ihm aufgebahrt lag.

Und die anderen Führungspersönlichkeiten der Monarchie?

Die Begeisterung für den Krieg war nun einmal vorhanden, in der Außenpolitik, der Innenpolitik und ganz besonders beim Militär. Der Krieg hätte sich schwer einfangen lassen. Es ist ja nur der serbische Krieg wirklich durchgedacht worden. Es war das Ziel, dass dieses Serbien so geschwächt wird, dass es nicht weiter die slawischen Gebiete der Monarchie destabilisiert, oder aber, dass es geografisch einfach nicht mehr existiert. Da sollten sich dann die Griechen, die Bulgaren nehmen, was sie wollen. Der Kaiser geht im Gleichklang mit der Politik in den Krieg, also etwa mit Berchtold, seinem Außenminister. Der vollzog brav, was ihm der Kaiser vorgab. Sobald Franz Joseph deutlich machte, dass er den Krieg will, setzt Berchtold alles daran, diesen Willen umzusetzen, arbeitet konsequent auf Krieg hin.

Bei den entscheidenden Gesprächen der politischen mit der Militärführung saß Franz Joseph dann im Zug nach Ischl, denn es war alles bereits gesagt.

Wie war die Haltung der anderen Nationen?

Auf der Seite der Franzosen und der Russen war der Kriegswille noch weit ausgeprägter. Man schwor sich bei letzten Direktkontakten in Moskau quasi in die Hand: Wir führen Krieg.

Die Deutschen waren bereit, voll mit Österreich mitzuziehen. Berlin aber hatte von der Dimension einen ganz anderen Krieg vor Augen. Kaiser Wilhelm hatte ja schon zuvor gesagt, notfalls würde er auch einen Weltkrieg gegen alle drei Entente-Mächte (Großbritannien. Frankreich, Russland) durchkämpfen.

Vor welchem gesellschaftlichen Hintergrund geht Österreich in diesen Krieg?

Wir können den Ersten Weltkrieg von Wien um 1900 nicht trennen. Das war im naturwissenschaftlichen, technischen, militärischen Bereich nicht unähnlich dem, was in der Architektur, in der Kunst, in der Musik passierte.

Es war ein Zerbrechen bestehender Formen, der Krieg war ein riesiges Experiment, das ist quasi das Naturwissenschaftliche dran. Es sind also eigentlich alle neugierig, wie das ausgeht. An der deutschen Giftgasproduktion haben sieben Wissenschaftler mitgewirkt, die Nobelpreisträger waren, oder später geworden sind. Das waren die Größten ihrer Zeit – und für sie war das ein großes Experiment. Die Militärs hielten ja Giftgas für humaner als Trommelfeuer.

Gab es je ernsthafte Ansätze für einen Friedensschluss?

Für den Kaiser war Frieden und Waffenstillstand keine Denkkategorie. Es gab ja genügend Nachschub an Menschen und Material. Die Rüstungsindustrie arbeitete seit Jahresende 1914 auf Hochtouren. Ein Ausstieg war auch wegen Deutschland nicht denkbar. Es wäre mit dem Ehrbegriff des Kaisers nicht vereinbar gewesen, den Verbündeten im Stich zu lassen. Er war bis zuletzt überzeugt, dass dieser Krieg weiterzuführen ist, auch wenn er das Ende seines Reiches bedeutete. Und in den späten Phasen des Krieges war Österreich nicht mehr handlungsfähig, weil es so stark von Deutschland abhängig war.

Zwei Bildbände aus Österreich liefern neue An- und Einsichten in den Alltag zwischen Front und Heimat:
- Christian Ortner: „Die k.u.k. Armee und ihr letzter Krieg“.
- Josef Rietveld: „1914–1918 in Bildern“.
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