„Das Foto rechts würde  ich nie posten“ – so viel Retusche wäre Jellina zu viel

© Jellina Häuser/KURIER

Style
02/10/2019

Foto-Tricks auf Instagram: Wird der Perfektionsdruck zu groß?

Instagramer erzählen vom Druck der Perfektion und wie sie sich trotzdem ihre Natürlichkeit bewahren.

Jellina Häuser ist eine Naturschönheit. Große, blaue Augen und volle Lippen hat die Jugendliche, dazu makellose Haut und glänzendes Haar. Eine Kombination, die in den sozialen Medien gut ankommt. Mit ihren 16 Jahren ist Jellina bereits ein Star auf Instagram. Über 260.000 Menschen folgen der Deutschen, die vor allem perfekt inszenierte Fotos von sich selbst postet – da wird auch schon mal nachbearbeitet.

Filter verwendet sie manchmal, sagt Jellina: „Ich retuschiere die Augenringe weg. Die Augenfarbe habe ich auch schon mal bearbeitet.“ Und im Winter hilft die App Facetune ihr dabei, die blasse Haut etwas brauner zu schummeln. Die Münchnerin gibt auch zu, dass sie ein einziges Mal ihre Figur auf Fotos verändert hatte, bevor diese online gingen. „Weil ich sehr dünn war, habe ich den Po runder gemacht, damit er weiblicher aussieht.“ Der Schwindel ist bei ihren Followern auf Instagram sofort aufgefallen. „Da habe ich gemerkt, dass es nichts bringt.“ Die Veränderung war zu groß. Heute könne sie darüber lachen – und würde trotz der vielen technischen Möglichkeiten keine unnatürlichen Veränderungen mehr an ihren Fotos vornehmen.

Für jedes Problem eine Lösung

Was früher nur Profis vorbehalten war, kann heute jeder. Vor allem junge Menschen nutzen die technischen Möglichkeiten, die ihnen soziale Medien wie Instagram und Snapchat bieten. Schlechtes Hautbild auf dem Selfie? Wird schnell mit einem Weichzeichner unsichtbar gemacht. Die Taille ist nicht schmal genug? Auch für dieses „Problem“ gibt es eine Lösung. Zu groß ist der Druck, nicht dem gängigen Schönheitsideal zu entsprechen, zu groß auch die Angst, einen negativen Kommentar auf ein unperfektes Foto zu bekommen.

„Die meisten Menschen, die sich über soziale Medien darstellen, haben das Bedürfnis, sich besonders positiv gemäß der jeweilig gültigen Ideale zu zeigen“, erklärt Psychologin Regina Stolz. Selbst wer Filter ablehnt, macht meist Dutzende Fotos, bis eines passt.

Kurz: Wer Instagram öffnet, wird fast ausschließlich mit Perfektion konfrontiert. Das Bedürfnis, nur perfekte Fotos von sich zu teilen, wächst. „Über soziale Medien bekommen wir Bilder in hoher Anzahl präsentiert, die sehr selektiv, nachbearbeitet und somit häufig unrealistisch sind“, sagt Stolz. Das könne zu einer verzerrten Wahrnehmung der Realität und der eigenen Körperformen führen. „Über diese mitunter sehr hohe Frequenz, in der diese Art von Bildern wahrgenommen wird, verändert sich die Vorstellung dessen, was normal ist.“

Schönheit bringt Geld

Hinzu kommt, dass vor allem junge Frauen immer häufiger als Influencer ihr Geld verdienen (wollen). Die haben in den sozialen Medien

hohes Ansehen und somit einen großen Einfluss auf Kaufentscheidungen. Marken nützen diesen, um ihre Mode-, Beauty- und Lifestyle-Produkte zu bewerben. Ab 10.000 Followern werden Influencer als Werbeträger interessant. Mehrere hundert Euro werden dann pro Posting bezahlt. Die Crème de la Crème, also jene mit mehr als einer Million Followern, kassiert mindestens 10.000 Euro pro Foto. Wer so viele Anhänger haben möchte, muss besonders schöne Fotos posten – Filter helfen natürlich dabei. Influencer beeinflussen ihre Abonnenten dann nicht nur bei der Frage, welche neue Mascara sie sich kaufen sollen, sondern eben auch, was sie als schön empfinden. „Meine Tochter bearbeitet jedes Foto stundenlang, bevor es gepostet wird. Ich kann es zwar nachvollziehen, jedoch nur bedingt beeinflussen“, berichtet eine Mutter, deren Tochter auf Instagram aktiv, aber keine Influencerin ist.

Wird Natürlichkeit also nicht mehr als schön empfunden? Leonie, die mit ihrem Instagram-Account leoobalys 780.000 Abonnenten begeistert, beweist das Gegenteil. Die 15-Jährige zieht beim Thema Nachbearbeitung klare Grenzen. „Ich würde auf keinen Fall meine Figur verändern.“ Sie selbst verspüre diesbezüglich keinen Druck von anderen. „Ich kann mir jedoch vorstellen, dass jene ohne viel Selbstvertrauen ihn empfinden“, sagt die Jugendliche.

Von diesem teils immensen Druck wollen sich immer mehr Menschen befreien. Die Engländerin Laura Jackson ließ wegen einer Theaterperformance ihre Körperbehaarung sprießen – und begann, sich damit wohl zu fühlen. Auf Instagram wurde sie für ihre Entscheidung kritisiert. „Ich habe gemerkt, dass es noch immer so viel zu tun gibt, damit wir wirklich in der Lage sind, andere voll und ganz zu akzeptieren, so wie sie sind“, schrieb die 21-Jährige auf ihrem Profil.

Sie rief Anfang des Jahres die Aktion januhairy (aus den englischen Wörtern für Jänner und Haare) ins Leben. Laura wollte andere Frauen dazu ermutigen, sich einen Monat ihre Körperbehaarung wachsen zu lassen. Es gehe um eine solidarische Bewegung, die jungen Frauen vermitteln sollte, wie wichtig es ist, ausschließlich selbst über das Aussehen des eigenen Körpers zu entscheiden.

Vom Handy entmündigt

Doch die Technologie macht jenen, die sich ohne Filter zeigen wollen, einen Strich durch die Rechnung. Die neueste Handy-Generation lässt Makel standardmäßig verschwinden. Beschwerden über den unnatürlichen Effekt mehren sich. „Die automatische Verschönerung am Handy würde ich gerne abstellen, kann es aber nicht“, sagt die Wiener Sängerin Daniela Flickentanz.

Unterdessen fragt sich Influencerin Jellina Häuser, wie ihre Abonnenten auf ihre neue Haarfarbe reagieren werden. Ihre blonde Mähne ist seit Kurzem braun. „Mir wurde immer gesagt, dass meine blonden Haare mein Markenzeichen sind und mich besonders machen“, sagt die 16-Jährige. „Aber es sind doch nur Haare! Bin ich jetzt ein anderer Mensch?“ Sie will sich von den sozialen Medien nicht diktieren lassen, wie sie auszusehen hat. „Mir ist es egal, ob ich dadurch für den einen oder anderen nicht mehr interessant bin.“