Leben
10.02.2019

Kinderpsychiater: „Je schwerer die Verletzung, umso mehr Likes“

Der Kinderpsychiater Prof. Paul Plener über die Gefahren in sozialen Medien und warum man sie trotzdem nicht verbieten sollte.

Nach dem Suizid der 14-jährigen Molly Russell wird in Großbritannien diskutiert, ob soziale Medien Jugendliche ausreichend vor bedenklichen Inhalten schützen. Die Social-Media-Plattform Instagram gerät immer mehr unter Druck, strengere Maßnahmen einzuleiten.

Unter Hashtags wie #ritzen finden sich im Bilder-Netzwerk aktuell fast eine halbe Million (!) Beiträge – bevor diese angezeigt werden, erscheint bisher nur ein Warnhinweis: „Können wir helfen? Beiträge mit Worten oder Markierungen, nach denen du gerade suchst, können oft Verhaltensweisen fördern, die Schaden anrichten oder gar zum Tod führen. Falls du gerade schwere Zeiten durchmachst, würden wir dir gerne helfen.“ Dann wählt man zwischen „Hilfe holen“ oder „Beiträge dennoch ansehen“. Wer Letzteres drückt, bekommt brutale Bilder von blutigen Armen und verheulte Gesichter gezeigt. Ein Bild zeigt eine Rasierklinge, daneben steht „I’m done“ (Ich bin fertig, Anm.).

Hinter dem Button „Hilfe holen“ gibt es drei Optionen: den Rat, eine Vertrauensperson zu kontaktieren. Zweitens wird der Kontakt zu einer Telefon-Hotline angeboten (in Österreich Rat auf Draht) und drittens gibt es Tipps, wie man sich selbst helfen kann: hinaus gehen und Sport machen, sich kreativ betätigen, beim Baden oder mit Musik entspannen.

Der Öffentlichkeit und dem britischen Gesundheitsminister Matt Hancock hat das nicht gereicht: „Es ist offensichtlich, wie einfach es noch immer ist, diese Inhalte zu finden, und ich habe keinen Zweifel über den Schaden, den sie anrichten können, speziell bei Jugendlichen. Es ist Zeit für die Anbieter von sozialen Medien, diese Inhalte zu bereinigen.“

Löschung angekündigt

Instagram-Chef Adam Mosseri hat unter dem Druck jetzt in einem BBC-Interview angekündigt, dass „Fotos, die Selbstverletzungen zeigen oder verherrlichen, künftig entfernt werden sollen. Es wird etwas Zeit brauchen, aber wir sind entschlossen, das zu tun“. Wenn jemand Bilder von seinen Narben zeigt und erzählt, wie er die Probleme überwunden hat, „wird das nicht gelöscht, aber wird schwerer zu finden sein“.

Prof. Paul Plener leitet die Uniklinik für Kinderpsychiatrie in Wien und hat schon vor zwei Jahren an einer internationalen Studie zu Bildern von Selbstverletzungen auf Instagram mitgearbeitet. Seine Warnungen an die Plattform blieben damals ungehört.

KURIER: Hat Instagram genug zum Schutz von Jugendlichen getan?

Prof. Paul Plener: Diese Phänomene waren schon früher mit Live-Suiziden auf Facebook bekannt – Facebook hat mit Sicherheitswarnungen und dem Detektieren von suizidgefährdeten Usern reagiert. Bisher hieß es von Instagram, die Löschung ist technisch schwer zu machen. Man findet da keine Pornografie, nicht einen einzigen Nippel – deswegen war das unglaubwürdig. Sie haben es bisher einfach nicht gemacht.

Reichen die angekündigte Löschung von expliziten Fotos und der Warnhinweis bei bedenklichen Inhalten?

Nein, die Maßnahmen müssen weit darüber hinausgehen. Wenn man es gut macht, können über soziale Medien Hilfsangebote für Jugendliche geschaffen werden, die sonst nicht den klassischen Weg der Hilfe aufsuchen. Wir müssen uns den Lebenswelten der Jugendlichen öffnen und die Chance von sozialen Medien nutzen. Wir haben zum Beispiel ein Online-Therapieprogramm entwickelt (www.star-projekt.de), wo wir kostenfrei Therapie für Jugendliche mit Selbstverletzungsverhalten anbieten.

Wie groß schätzen Sie überhaupt die Gefahren für Jugendliche durch solche bedenklichen Inhalte ein?

Es gibt 16 Studien, die alle ergeben haben, dass es „ansteckend“ wirken kann, wenn es in einer eng umschriebenen Gruppe von Jugendlichen wie einer Schulklasse oder Wohngemeinschaft zu selbstverletzendem Verhalten kommt. Der Effekt wurde noch nie in sozialen Netzwerken nachgewiesen – daran arbeiten wir gerade mit einer anderen Plattform.

Würden Sie Jugendlichen von der Nutzung sozialer Medien abraten?

Es geht immer um die Art und Weise wie man sie verwendet. Zwar können solche Phänomene ansteckend sein, aber man kann daraus nicht schließen, dass Jugendliche Instagram nicht verwenden sollen, da sich viele hier ja mit Altersgefährten auseinandersetzen und man fast schon zum Außenseiter wird, wenn man die sozialen Medien nicht benutzt. Ich denke, es geht um einen bewussten Umgang damit.

Sind viele Likes für Bilder von Selbstverletzungen nicht eine Bestärkung, die dieses Verhalten fördern?

Ja, es gibt das Phänomen der sozialen Verstärkung. Das konnten wir in unserer Studie beweisen: Je schwerer die Verletzung, die gepostet wird, umso mehr Kommentare und Likes gibt es. Wir haben viele Interviews mit Usern geführt, die diese Bilder posten und haben oft gehört, dass es in der Mehrzahl darum geht, mit anderen zu kommunizieren und Kontakt halten zu können.

Welche Maßnahmen können Eltern und das Umfeld ergreifen?

Das Wesentliche ist, dass man das Problem sieht – häufig fallen in der Schule beim Sportunterricht Narben auf. Dann ist es wichtig, die Klassenkollegen anzusprechen und zu vermitteln, dass es Stellen gibt, wo man Hilfe bekommen kann.

Wie sehr unterstützen Sie den Vater von Molly, der Instagram verantwortlich dafür macht, dass seine Tochter sich das Leben genommen hat?

Soziale Medien können Selbstverletzungsverhalten verstärken – ob sie es auslösen können, ist eine andere Frage, die noch nicht beantwortet ist. Dazu muss man sagen, es ist ein relativ häufiges Phänomen unter Jugendlichen. Es gibt viele andere Auslösefaktoren, die im Jugendalter eine Rolle spielen können: Mobbing etwa. Wir wissen, dass etwa 90 Prozent der Jugendlichen, die an einem Suizid versterben, an einer psychischen Krankheit gelitten haben. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass sich viele, die sich selbst verletzen, auch in sozialen Medien mit solchen Inhalten auseinandersetzen. Dennoch ist es nicht das alleinige Erklärungsmodell für Suizide.

Hilfsangebote gibt es hier:

– Rat auf Draht: www.rataufdraht.at Tel.: 147 (bundesweit)

– TelefonSeelsorge: www.telefonseelsorge.at Tel.: 142 (bundesweit)

– Star Projekt: www.star-projekt.de

Tipps für den Umgang mit sozialen Medien

Reden statt verbieten: Verbote erhöhen den Reiz – erkunden Sie gemeinsam mit Ihrem Kind die Möglichkeiten und finden Sie gemeinsam heraus, wie es das Netzwerk nutzen kann.

Regeln vereinbaren: Persönliche Daten wie Geburtsdatum, Wohnort oder Schule haben in sozialen Medien nichts verloren. Vereinbaren Sie etwa, dass Kontaktanfragen von Fremden nicht angenommen werden oder dass das Kind keine Fotos von sich posten darf. Unter www.saferinternet.at finden Sie Privatsphäre-Leitfäden für die wichtigsten Datenschutz-Einstellungen.

Risiken ansprechen und Kinder unterstützen: Besprechen Sie Risiken wie Cyber-Mobbing, Sexting oder Kettenbriefe und wie man diese vermeiden kann. Ermutigen Sie es, zu Ihnen zu kommen, wenn etwas Eigenartiges passiert oder Probleme auftauchen und suchen Sie nach gemeinsamen Lösungen.