Leben
09.02.2019

Die dunkle Seite von Instagram: Vom Schönheitswahn zum Suizid

Achtung, dieser Text kann verstörend wirken und Ihren Umgang mit sozialen Medien beeinflussen.

Es ist kaum noch vorstellbar: Vor der Smartphone-Ära fanden Jugendliche es noch furchtbar, fotografiert zu werden. Eigene Bilder waren „peinlich“ – und sobald eine Kamera gezückt wurde, schossen die Hände vors Gesicht. Das ist gar nicht so lange her.

Heute leben Jugendliche in einer Welt der Bilder. Viele sehen ihr Gesicht öfter am Handy-Display als im Spiegel und saugen die Erfahrungen anderer über das Smartphone auf. Fühlen mit. Eifern nach. Sie sind auf der Suche nach Orientierung, nach Anerkennung oder auch Gruppengefühl, oft in Konkurrenz zu anderen.

Was passiert, wenn sie dabei den falschen Weg einschlagen, zeigt der Suizid der 14-jährigen Molly Russell, der in Großbritannien hohe Wellen schlug. Auf der Suche nach Erklärungen fanden die Eltern in den Instagram- und Pinterest-Accounts ihrer toten Tochter depressive und selbstzerstörerische Inhalte und werfen den sozialen Medien jetzt vor: „Instagram hat dazu beigetragen, unsere Tochter umzubringen.“

Parallel zur heilen Welt mit den perfekt geschönten Fotos gibt es nämlich eine dunkle Dimension, in der Menschen Bilder von ihren erschreckenden Selbstverletzungen, von verheulten Gesichtern und Suizidgedanken teilen. Alleine unter dem Hashtag #depression finden sich auf Instagram fast 18 Millionen Beiträge. Je dramatischer das gezeigte Leid, desto mehr Likes gibt es dafür – war das Ergebnis einer internationalen Studie, an der auch ein österreichischer Forscher beteiligt war.

Unter dem Druck der Öffentlichkeit hat Instagram nun angekündigt, Fotos mit expliziten Darstellungen von Selbstverletzungen zu löschen.

Selbstinszenierung

Ob vermeintlich schön oder destruktiv: Der Drang zur Selbstinszenierung – vor allem in der Jugend – ist nicht neu. „Grundsätzlich ist es normal, dass Jugendliche die eigene Wirkung auf Gleichaltrige und den Stellenwert im sozialen Miteinander erproben“, erklärt die Psychologin Regina Stolz.

Laut Jugend-Internet-Monitor sind zumindest zwei von drei Jugendlichen zwischen 11 und 17 Jahren auf Instagram. Die Plattform, die dennoch vor allem von Bildern lebt, die schöne Menschen in schönen Outfits an schönen Orten in aller Welt zeigt, wird besonders gerne von Mädchen genutzt.

Der in sozialen Medien omnipräsente Druck aufzufallen, Anerkennung und Aufmerksamkeit zu bekommen, wurde unlängst durch das Foto von einem braunen Hühnerei herausgefordert. Das Ei wurde innerhalb kürzester Zeit zum Instagram-Star und brach mit über 52 Millionen Likes den Rekord von US-Model Kylie Jenner.

Selbstwahrnehmung

Doch die Social-Media-Welt, in der sich Menschen in digital optimierten Pixeln betrachten, macht auch etwas mit der Wahrnehmung des eigenen Selbst. Wenn sich jemand lieber durch einen Foto-Filter sieht und den Blick in das echte Spiegelbild nicht mehr erträgt, verschwimmen Realität und Wunschbild.

In Klöstern waren Spiegel früher zum Teil verboten, um die Eitelkeit nicht zu fördern. In antiken Kulturen galt der Spiegel als Abbild der Seele des Betrachters, in der griechischen Mythologie wird Dionysos’ Seele sogar von den Titanen in einem Spiegel gefangen. Doch jemandem einen Spiegel vorzuhalten, verliert mit den neuen Technologien an Bedeutung. Galt der Spiegel einst als Symbol der Selbsterkenntnis und der Wahrheit, lässt sich das Bild vom Selbst heute beliebig anpassen und verändern.

Selbst ist die Marke

„Soziale Medien haben jeden zu seiner eigenen Marke gemacht. Menschen kreieren eine zweidimensionale Version ihrer Selbst – vom perfekten Winkel aus, mit dem vorteilhaftesten Licht, und alle offensichtlichen Makel sind entfernt. Wir leben in einer neuen, verbesserten Realität – in einer Welt, in der Teenager ihr Bild innerhalb von Sekunden modifizieren können“, erklärt der britische Modefotograf Rankin. Im Rahmen eines Projekts bat er 14 weibliche Teenager darum, ihre Fotos so zu bearbeiten, damit sie für soziale Medien präsentabel werden: Die Lippen wurden voller, die Augen größer, die Haut strahlender und die Gesichter schmäler.

„Ich finde den gesamten Prozess (der Bearbeitung, Anm.) problematisch, weil ich wirklich das Gefühl hatte (und habe), dass die Persönlichkeit eines Menschen in seinen Eigenheiten gefunden werden kann; für mich ist es das, was diese Menschen ausmacht“, erklärt Rankin auf seinem Instagram-Account. „Doch mit der digitalen Nachbearbeitung ist es so einfach, diese kleinen Unvollkommenheiten zu verlieren, sie zu reinigen und auszulöschen.“

Rechtlich dürfen soziale Medien in Österreich übrigens ab 14 Jahren genutzt werden. Eine falsche Altersangabe oder ein Klick, dass man alt genug ist, reichen, um die Netzwerke trotzdem zu nutzen. Schummeln hat keine rechtlichen Folgen – weder für die Kinder, noch für die Eltern.

Dem Druck der Perfektion in sozialen Medien ist auch das Hühnerei ausgesetzt. In den vergangenen Tagen hat es immer mehr Risse in der Schale bekommen – bis es aufbrach. Dann wurde das Geheimnis um das Ei mit einem Videoclip gelüftet: „In letzter Zeit bekam ich Risse. Der Druck der sozialen Medien macht mir zu schaffen.“ Die Aktion entpuppte sich als Kampagne zum Schutz der geistigen Gesundheit. „Wenn dir das auch Probleme bereitet, sprich mit jemandem. Wir schaffen das.“