Style
27.11.2017

Diese Bloggerin weiß, wie man Fehlkäufe vermeidet

Die Berlinerin Anuschka Rees wurde mit ihrem Blog für bewussteren Modekonsum erfolgreiche Autorin.

Sie war gerade einmal 22 Jahre alt, und studierte Psychologie, als sie mit einem Blog begann, der Lust auf Minimalismus machen sollte, "weil der weniger stresst und glücklicher macht". Die Idee: Kauft weniger Mode, kauft lieber bewusst – frei nach Vivienne Westwood, der britischen Modedesignerin, die sagte: "Weniger kaufen, besser auswählen, länger Freude daran haben."

Vier Jahre lang ermutigte Bloggerin Anuschka Rees Leserinnen, ihren eigenen Stil zu finden, um Fehlkäufe zu vermeiden. Sie verdiente nichts damit. Eines Tages wurde sie von einem großen Verlagshaus angeschrieben und gefragt, ob sie ein Buch daraus machen möchte. Rees schrieb schließlich 270 Seiten unter dem Titel "The Curated Closet. A Simple System for Discovering Your Personal Style and Building Your Dream Wardrobe" (Der kuratierte Kleiderschrank. Ein einfaches System, um den eigenen Stil zu finden und den Traum-Kleiderschrank zusammenzustellen) für den US-amerikanischen Markt. Heuer erschien das Werk für bewussten Modekonsum auf dem deutschen und britischen Buchmarkt. Rees, nun 28, lebt vom Schreiben und arbeitet bereits am nächsten Buch.

KURIER: Wie sind Sie auf die Idee für das Kleiderschrank-Projekt gekommen?

Anuschka Rees: Es hat angefangen, als ich in London gewohnt habe – das Shoppingparadies schlechthin. Viele Shops, sehr viele Sales oder Käufe nach dem Prinzip "Drei Stück für den Preis von einem". Also sehr viel Versuchung, gleichzeitig hatte ich nur ein kleines Budget, deshalb habe ich hauptsächlich Fast Fashion gekauft. Da ist mir aufgefallen, wie schlecht diese Strategie ist. Mein Kleiderschrank war total voll, aber ich hatte nichts, was ich wirklich gerne angezogen hab. Als Psychologiestudentin ist mir aufgefallen, wie sehr alles rund ums Shoppen aufgebaut ist, damit Menschen schlechte Entscheidungen dabei treffen. Ich überlegte, was man dagegen machen könnte, habe viel gelesen und probiert und dann meinen Blog gestartet.

Sie sagen, schlechte Kaufentscheidungen werden in Shops oder Ketten geradezu gefördert...

Alles ist darauf ausgelegt, dass schnelle Impulsentscheidungen getroffen werden. Viele kaufen was, obwohl sie wissen, das passt nicht perfekt oder das Material gefällt nicht. Sie kaufen es trotzdem, aus verschiedenen Gründen, etwa weil es extrem reduziert ist. Da geht es darum, besser darüber nachdenken.

Das kennt jeder: Man steht vor dem vollen Kleiderschrank und hat trotzdem das Gefühl, nichts anzuziehen zu haben. Warum?

Weil man oft mit Fokus auf das einzelne Teil shoppt, ohne Gesamtstrategie. Das Kleiderschrank-Projekt ist eine Sammlung von praktischen Techniken. Anfangs geht es darum, seinen Stil zu finden. Weil das wichtig ist, in einer Zeit, wo man dauernd mit neuen Trends bombardiert wird. Wo man sich gar nicht mehr für sich selbst überlegt, was passt zu mir, sondern was in ist oder was die Stars tragen. Da geht es darum, sehr detailliert die eigenen Vorlieben zu definieren. So werden Fehlkäufe reduziert.

Geht das dann in Richtung Kleiderschrank-Detox, also "ausmisten"?

Ja, aber das kommt erst, nachdem man sich über den eigenen Stil im Klaren ist. Es ist nicht so gut, wenn damit begonnen wird, weil dann zu viel weggeschmissen wird. Dann hat man gar nichts mehr zum Anziehen und ist erst wieder versucht, jede Menge Billigteile zu kaufen.

Welche Rolle spielen Belohnungskäufe?

Bei vielen Menschen ist das eine Angewohnheit, die sie schon in der Kindheit anerzogen bekamen – von den Eltern, als Belohnung. Viele Leute shoppen auf diese Weise nur mehr um des Kaufens willen, ohne wirklich etwas zu brauchen. Ein anderer Grund ist, um sich aufzumuntern oder einfach nur so, als Beschäftigung. Wenn es um solche Dinge geht, statt um die Klamotten selbst, ist es ein erster wichtiger Schritt, das zu erkennen und der zweite, sich zu überlegen, was ich stattdessen machen kann, um den gleichen oder ähnlichen Effekt zu erzielen. Die Frage ist: Womit kann ich mich sonst belohnen?

Wie machen Sie das?

Da gibt es viele Möglichkeiten. Ich würde mir vielleicht einen Tag frei nehmen, irgendwas Schönes unternehmen oder mir Zeit für ein Bad nehmen.

Sehen Sie aktuell einen Trend zum Minimalismus?

Ja, und der ist aus dem Überfluss entstanden – also auch verwandt mit der Idee, mehr auf die Umwelt zu achten. Es hat mit Nachhaltigkeit zu tun. Und mit dem Bedürfnis, etwas zu vereinfachen. Genau genommen ist es ja eher eine Bewegung.

Was halten Sie von Kleidertauschbörsen?

Das finde ich super, wegen des Nachhaltigkeitseffekts. Aber gleichzeitig muss man aufpassen, nicht drei Teile hinzubringen und mit zehn Teilen nach Hause zu kommen.

Wieso haben Modeblogger oft so großen Einfluss?

Der größte Faktor, warum Blogger oft einen größeren Einfluss haben als manches Modemagazin oder manche Stars, ist, dass sie uns als ähnlich erscheinen. Man glaubt, das könnte auch die Freundin sein, das Girl-next-door, mit dem man sich besser identifizieren kann. Das ist ein Phänomen in der Psychologie: Wir vergleichen uns gerne mit Menschen, von denen wir denken, sie sind uns ähnlich.

Worum geht es in Ihrem nächsten Buch?

Mir ist aufgefallen, dass viele Leute, auch wenn sie alle Techniken kennen und dann wissen, was sie anziehen möchten, immer noch Probleme haben. Weil sie sich nicht trauen, bestimmte Sachen anzuziehen. Weil sie zum Beispiel denken, sie sind zu dick. Da gibt es Lösungen und die bereite ich jetzt für die Social-Media-Generation auf.

Wie schaut es in Ihrem Kleiderschrank aus?

Viele denken, dass der total winzig ist. Nicht mehr, weil ich es jetzt nicht mehr so streng sehe und ich die Techniken nicht mehr so akkurat anwenden muss, und mittlerweile weiß, was ich mag. Aber mein Kleiderschrank ist im Vergleich zu anderen Leuten, die an Mode interessiert sind, immer noch klein.

Jetzt kommt Weihnachten, eine Hoch-Zeit des Konsums. Was würden Sie Shopaholics raten, die jetzt berieselt werden von "kaufen, kaufen, kaufen"?

Aus der Psychologie wissen wir, dass es glücklicher macht, Erfahrungen zu schenken als irgendeine Sache. Ein Trip irgendwo hin, ein Konzert oder so etwas. Alles besser als irgendein Teil. Ein sehr einfacher Tipp wäre auch, nicht gleich etwas zu kaufen, das man zum ersten Mal gesehen hat. Immer eine Nacht darüber schlafen.