Dschungelcamp: Gil Ofarims Sieg zeigt die Misogynie der Gesellschaft auf
Gil Ofarim in "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" 2026
Jetzt hat er den Schas also tatsächlich gewonnen: Gil Ofarim ist Dschungelkönig 2026. Darüber redet man heute, zumindest im deutschsprachigen Raum, mindestens genauso sehr wie über die Super-Bowl-Performance von Bad Bunny, in der es um Toleranz und Zusammenhalt ging, was US-Präsident Trump aber "absolut schrecklich" fand.
Es gibt einen Zusammenhang zwischen Ofarim und dem bösen Hasen. Und Trump, vielleicht. Überall geht es darum, dass die Bevölkerung entzweit ist und dass wir schon mal weiter waren, was fortschrittliches Denken betrifft.
Der Mann, dem verziehen wird ...
Heftig wird derzeit in den Medien – den sozialen und den traditionellen – spekuliert, wie es denn dazu kommen konnte, dass Ofarim als Sieger von "Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!" hervorgehen konnte. Immerhin gab es Anfang des Jahres noch Boykottaufrufe, als bekannt wurde, dass der Skandalmusiker an der Show teilnehmen würde – noch dazu mit einer rekordverdächtigen Gage. Darf man jemandem mit solch einem wellenschlagenden Antisemitismus-Skandal (wir kennen ihn alle, Wiederholung unnötig) eine Comeback-Bühne bieten?
Vielleicht hat man mittlerweile genug von der Cancel-Culture, die gerne abfällig als "woke" bezeichnet wird, obwohl keiner so richtig weiß, was er (oder sie) damit meint. Der Konsens unter Fans – und auch einigen prominenten Kollegen von Ofarim – lautet immerhin: Er hat seine Buße getan, man muss auch vergeben können. Und es gehe ja nur darum, wie er sich im Dschungelcamp geschlagen hat. Und das war, so die öffentliche Meinung großteils, beispielhaft. Nie beschwert. Immer ruhig geblieben. Für das Team gelitten, Unfall inklusive.
Moderatorin Sonya Kraus ergriff in der Dschungelcamp-"Stunde danach" deutlich für Ofarim Partei – mit Worten, die in jedem Anwalt wohl den Wunsch entfachen, selbst in den australischen Dschungel auszuwandern: "Er hat weder jemanden betrunken angefahren, noch vergewaltigt, noch getötet." Na dann.
Gil Ofarim im Finale von Dschungelcamp 2026
... und die Frau, der das nicht wird
Die Intention zu vergeben und zu vergessen, ist löblich, ja christlich schon. Doch interessanterweise galt das nicht für Ofarims Dschungelcamp-Kollegin Eva Benetatou. Der 33-jährige Reality-Star wurde zusammen mit Samira Yavuz in das Camp gesteckt, mit dessen Ehemann sie in der Vergangenheit eine Nacht lang ein Gspusi hatte. Benetatou kann man mögen oder nicht, aber in der Sendung tat auch sie keinem etwas zu Leide, im Gegenteil, musste sich stets gegen Anfeindungen ihrer Mit-Teilnehmer (und -innen!) wehren, auch das Publikum erging sich in Häme und in vor Abscheu triefenden Kommentaren.
Eine von Reue behaftete Heldenreise, wie sie Ofarim inszenatorisch perfekt ablieferte, war Benetatou nicht gegönnt: Ihr vergangenes Fehlverhalten durfte sie nicht ins Lagerfeuer werfen und dabei mit einstudierter Leidensmine und betont tiefer, leiser Stimme über ihre ach so verwerfliche Persönlichkeit reflektieren. Das Argument, man solle über Früheres hinwegsehen und sich auf Aktuelles fokussieren, ließ man bei Frau Benetaou bis zuletzt nicht gelten, bei Herrn Ofarim allerdings schon. Die Bereitschaft, sich blenden zu lassen, an das Gute im Menschen zu glauben, scheint größer zu sein, wenn es sich dabei um einen Mann handelt.
Und ach, wie spannend ist es doch, zwei Frauen gegeneinander aufzustacheln!
Ariel (links), Gil Ofarim und Eva Benetatou
Zu groß scheint immer noch die Verlockung in der Gesellschaft – und beim Sender RTL – zu sein, die Hexe, die Ehebrecherin (Benetatou wurden sogar Avancen gegenüber dem vergebenen TV-Bauer Patrick nachgesagt) vor aller Augen zu verbrennen. Ist das Ausspannen des Mannes, das Begehren des Fremden, tatsächlich verwerflicher als der Vorwurf des Antisemitismus', der das Leben eines Hotelangestellten zur Hölle machte?
"Ein Frauenbild, fast so modern wie im Mittelalter. Fehlte nur der 'scharlachrote Buchstabe', den man der männerverschlingenden Frau aufnäht", schrieb dazu KURIER-Kollegin Christina Böck. Benetaou musste übrigens schon als Fünfte die Sendung verlassen.
Ariel forderte das Patriarchat heraus
Doch der prägnante Unterschied im kollektiven Umgang mit Ofarim und Benetatou war nicht der einzige Hinweis in der 19. "IBES"-Staffel auf die immer noch vorherrschende Misogynie in der Gesellschaft. Camp-Küken Ariel etwa zog sich den Unmut nicht nur von Kollegen Umut, sondern vom gesamten Publikum zu, weil sie es wagte, den Mund aufzumachen (wieder und wieder).
Kann die 22-Jährige einem den Nerv rauben? Zweifellos. Doch ein aneckendes Verhalten wie das von Ariel ist es, was spannendes Reality-TV, man muss so ehrlich nun mal sein, ausmacht. Bis zum Schluss hielt Ariel Ofarim seine Tat vor, ließ nicht locker, blieb drauf, war unangenehm, ja zog – gemeinsam mit Kolleginnen wie Simone Ballack – in den Krieg gegen den Musiker. Inszenierung wurde Ariel vorgeworfen, bei Ofarim störte das niemanden.
In einer vom Patriarchat geprägten Welt ist solch ein Verhalten unverzeihlich. Sogar Airbag-gleich rückprallend, nur ohne den Schutz: Experten gehen davon aus, dass Ariels Stimmungsmache gegen Ofarim zu dessen Sieg beitrug. Am Ende muss dann eben doch der Mann für all sein Leid, das er mit der nervenden, hysterischen, irrationalen Frau erleben musste, belohnt werden. Die Weltordnung wäre sonst ernsthaft in Gefahr.
Übelriechende Krone
Ja, wir waren tatsächlich schon mal weiter. "IBES"-Modatorin Sonja Zietlow hatte Recht, als sie sagte: "Bitte, liebe Zuschauer, immer dran denken: Es ist ein Spiel hier im Dschungel. Es geht nur um eine Krone aus Blüten und Blättern. Wir küren hier nicht den nächsten Weltherrscher." Muss man nicht ernst nehmen.
Oder doch? Immerhin ist Reality-TV, wie (Pop-)Kultur im Allgemeinen, auch stets ein Spiegel der aktuellen Gesellschaft, in der wir leben. Und ein Sozialexperiment, nicht nur in Bezug auf Kandidaten, sondern auch auf das Publikum. Letzteres ist dieses Mal durchgefallen. Die Blüten und Blätter sind übelriechend. Und werden es auch bleiben.
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