"Ich bin ein Star 2026": "Ein Gil" wird Dschungelkönig

Ein Mann mit Schutzbrille trägt einen Helm, der mit vielen lebenden Würmern gefüllt ist.
Ausgerechnet der umstrittene und während der Staffel am meisten bekämpfte Teilnehmer, Gil Ofarim, hat bei "Ich bin ein Star - ich will hier raus" gewonnen. Und: Warum eigentlich nicht?

Irgendwann gegen Ende dieser Woche hat eine Kakerlake Schluss gemacht. Ist schnurstracks ins Feuer unter der Reis-und-Bohnen-Pfanne gewandert. Bauer Patrick fragte ehrlich betroffen: „Sind wir wirklich so schlimm?“ Und als das knacksige Lodern des Schabensuizids verhallt war, sagte jemand: „Das war jetzt unangenehm.“

Und eigentlich beschreiben wenige Worte die heurige Staffel von „Ich bin ein Star – holt mich hier raus!“ auf RTL besser. „Laut“, „anstrengend“ oder „unterschubladig“ wären noch im Rennen, aber „unangenehm mit einem Hauch unerträglich“ trifft es wohl am besten.

Es gab natürlich wieder einiges, das vertraut war und das seit 21 Jahren treue Publikum in Sicherheit wiegte. Es gab einen Muskelmann, bei dem man arachnophobischen Slapstick nicht erwartet hat. Es gab Streit um Klopapier, Badewasser, zu wenig Zigaretten und zu viele Nickerchen. Die musikalischen Kommentare waren wieder süffisant, auch dank österreichischer Bands wie Laurenz Nikolaus und Endless Wellness („Nackerbazi“). Und ab und zu gab es auch erfreuliche Bonmots, wie damals, als Bauer Patrick sagte: „Wanja ist meine Lieblingskuh, mit der kann man alles machen.“

Hämischer Profit

„Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ ist ein Format, in dem Viertel- bis Sechzehntel-Prominente zwei Wochen gruppendynamische und andere Ekelprüfungen über sich ergehen lassen, bis einer oder eine davon vom Publikum zum Dschungelkönig, zur Dschungelkönigin gekrönt wird. Ganz zu Beginn war die Show eigentlich noch hinterhältiger: Konnte man ihr doch vorwerfen, dass sie aus dem Elend abgewrackten Personals aus wahlweise Film, TV, Schlager oder Sport, das aus Geldnot da mitmachte, hämisch Profit zu schlagen. Aber das „Dschungelcamp“ entwickelte sich – als wäre es eine Parodie seiner ursprünglichen Intention – zu einer Art zweiten Chance. Und bildete nebenbei immer spielerisch und mit Humor gewisse gesellschaftliche Tendenzen ab.

Heuer leider auch. Seit einigen Jahren rekrutiert RTL einen Großteil der Camper aus dem Fundus der Realitystars. Aus Sendungen wie „Love Island“, „Temptation Island“, „Ex on the Beach“, „Prominent getrennt“. Für jede Beziehungsphase ist also etwas dabei, von Schmusen bis Anschreien. Zu letzterem kommen wir eh noch. Nun treffen also im Dschungelcamp Stars, an die man sich nicht mehr erinnern kann, auf Stars, die man lieber nie kennengelernt hätte.

Kamera sonst auch immer dabei

Letztere bringen auch einen ganz anderen Umgang mit der Dauerbegleitung durch Kameras mit. Für sie ist das normal, und wenn sie mal kurz in keiner Krawallflirtshow sind, dann halten sie ihre eigene Instagram-Kamera drauf.

In der diesjährigen Staffel wirkte die Dramaturgie von „Ich bin ein Star“ deshalb stellenweise wie eine Vorlesung in der Anatomie. Schauspieler Hardy Krüger Jr. analysierte gemeinsam mit anderen „Älteren“ erst fasziniert, dann auch bisschen angewidert, was die Realityprofis nun wieder machen, um Aufmerksamkeit für Sendezeit zu generieren. Eine Reality-OP am offenen Herzen, sozusagen. Krüger verschwand dann auch langsam in der inneren Emigration. Nicht ohne noch zu beklagen, dass sich die „Jungen“ ja gar nicht für die anderen interessieren.

Da hatte er auch recht. Und es ist auch ein Faktor dafür, dass das Camp heuer zwar anstrengte, aber auch alarmierte. Denn die Gespräche wurden von ungefähr zwei Themen dominiert, dabei verhielt sich die Lautstärke umgekehrt proportional zum Tiefgang.

Die männerverschlingende Frau

Zum einen hatte es RTL geschafft, mit Samira und Eva zwei Frauen zu gewinnen, bei denen die eine (Eva) einen One-Night-Stand mit dem damaligen Mann der anderen (Samira) gehabt hatte. Hurra, Konfliktpotenzial. Die Folge war, dass Eva nicht nur immer wieder mit ihrem Fehltritt konfrontiert wurde, sondern als geborene Ehebrecherin diffamiert wurde – übrigens allein schuldig. Als sie sich mit Bauer Patrick besser verstand, wurde ihr gleich von verschiedenen Seiten vorgeworfen, dass sie den jetzt auch in ihre Fänge holen wolle. Ein Frauenbild, fast so modern wie im Mittelalter. Fehlte nur der „scharlachrote Buchstabe“ den man der männerverschlingenden Frau aufnäht.

Immer das Zündholz für den Scheiterhaufen dabei hatte Kandidatin Ariel, eine 22-jährige Schweizerin, die zwar glaubt, dass die Erde flach ist, aber deren Moralvorstellungen nicht hoch genug sein konnten. Also bei anderen. Sie sah ihre große Aufgabe in Konkurrent Gil Ofarim. RTL hatte die nicht unumstrittene Entscheidung getroffen, den Sänger nach Australien zu holen. Er hatte 2021 behauptet, wegen seines Davidstern-Kettchens nicht in einem Hotel bedient worden zu sein. Vor Gericht – er war der Verleumdung angeklagt – gab er zu, dass die Vorwürfe nicht wahr sind. Er entschuldigte sich bei dem betreffenden Hotelmitarbeiter und musste einen Geldbetrag zahlen. Darf man so jemandem ein Comeback gönnen, so die tückische Frage des Formats.

Im Camp herrschte die Meinung, dass: Nein. Besonders Ariel sah sich als „Stachel im Fleisch“ des Mannes, den sie jeden Tag aufs Neue heftig beleidigte: Sie nannte ihn je nach Laune Lügner, Betrüger, Verbrecher, kranker Lügner oder schlechten Menschen. Aber, nun ja, Ariel nannte Menschen auch „Idiot“, weil sie bessere Argumente hatten oder „Schmutz“, wenn sie gerade keine Lust hatte, die Dschungelprüfung zu machen. Ausschließlich jeder Name erhielt bei ihr noch einen abwertenden unbestimmten Artikel, weil „eine Ariel“ das halt so macht.

Niemals verzeihen, aber was eigentlich

Alle Campbewohner meinten, Ofarim müsse sich entschuldigen. Aber bei wem, wenn er sich beim Beteiligten schon entschuldigt hatte? „Deutschland verzeiht, man muss nur ein Wort sagen: Entschuldigung“, hieß es einmal. Dass es so einfach nie mehr sein wird, hat ausgerechnet Ariel mit ihrer unterirdischen Art klargemacht. Sie konnte man hier deuten als den menschgewordenen, nichts verzeihenden Internetmob, der seine Einstellung zu etwas, das ihn nicht betrifft und über das er fast nichts weiß, nicht ändert. Sondern im Gegenteil nur die wuchtigeren Beschimpfungen auspackt. Oder im Metaphernlotto auch: Die größenwahnsinnige Politik, die nur angreift und aufstachelt und statt diskutiert brüllt und höhnt. Und das gesellschaftliche Lager, das sich in einen dauerprovozierten Urteilsschwurbel hineinwütet und keiner Vernunft mehr zugänglich ist.

Ofarim wusste das, er sagte einmal zu Ariel: „Ich werde deine Meinung über mich in diesem Leben sowieso nicht mehr ändern.“

Ob die Camper kapiert haben, dass gerade ihre penetrante Büßershow Ofarim die Telefonstimmen fürs Finale gebracht hat? Wer weiß. Samira sagte einmal: „Intelligenz ist in diesem Camp ohnehin Mangelware.“

Gewonnen hat die Dschungelkrone übrigens - Gil Ofarim.

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