"Ich bin ein Star, holt mich hier raus": Ohren, Beine – offen für alles

Eine junge Frau mit Schutzbrille und geflochtenen Haaren - Ariel Hediger -wirkt ängstlich und liegt vor einer erdigen Wand.
Die ersten haben ihre Alkoholbeichten schon hinter sich – und Gil Ofarim ist der erste, der verschwiegen in die Sendung kommt. Bei anderen wäre man froh drum.

Eins ist schon nach drei Folgen „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ klar: Ohropax sind von Vorteil. Kandidatin Ariel hat eine bewährte Strategie, durch Dschungelprüfungen zu kommen. Sie schreit. Kreischt. Brüllt. Krakeelt. Schrillt. Und gellt. RTL hat keine Angst vor Schadenersatzklagen seiner Zuseherinnen und Zuseher betreffend Trommelfell und Tinnitus. Denn wie immer ist man ja nicht gezwungen, diese ein Mal im Jahr stattfindende Sozialstudie im privaten Farbfernsehen zu konsumieren.

Es gibt viele Fragen, die man sich stellen kann, wenn man das dann doch wieder tut, nämlich das „Dschungelcamp“ anschauen. Zum Beispiel warum man, wenn man so – Kreisch – Angst davor hat – Kreisch! –, dass einem Tiere wie Kakerlaken – KREISCH – oder Mehlwürmer – KREIIISCH! – in die Haare fallen, man nicht mit einem praktischen Kurzhaarschnitt in den australischen Busch fährt?

"Bekannt" aus Reality-Formaten

Aber das ist natürlich leicht dahingedacht, wenn man nicht aus dem Dunstkreis des Reality-Fernsehens kommt. In der 19. Staffel des Formats besteht ungefähr die Hälfte der Besetzung aus Personen, die man nicht kennen kann, wenn man „Temptation Island“ oder „Bachelor in Paradise“ für Schundromane mit Sonnenuntergangscover hält, die man schon beim Donaulandversand nie gekauft hätte.

Frauen im Dauer-Krawallflirt

Das – und gefühlt ein paar Dutzend mehr – sind aber Datingformate, die in unterschiedlichen Gewöhnlichkeitsabstufungen vorzugsweise heterosexuelle Paarungen begleiten. Das Personal des Dschungelcamps wird seit einiger Zeit vornehmlich aus diesem Genre rekrutiert. Daher geht es nun am Lagerfeuer noch viel mehr um Sex – und Dauer-Krawallflirtmodus geht halt nicht mit Kurzhaarschnitt. Oder natürlichen Fingernägeln. Oder Wimpern in Standardwuchs.

Polster mit Botschaft

Für RTL hat sich nun heuer ein Glücksfall ergeben. Der Mann einer Kandidatin hat sie mit einer anderen Kadidatin betrogen. Ins Camp gezogen sind die Frauen, der Mann konnte offenbar nicht dazu bewegt werden, was ein bisschen eine Niederlage ist für alle, die Freude an nuklearen Konflikten haben.

Nun gibt es aber tatsächlich eine pragmatische Sache, die in den vielen Jahren, in denen Halbwegsprominente auf harten Pritschen liegen, durchgesprochen hat: Ein eigener Polster als Luxusartikel kann was. Deswegen haben nun fast alle einen solchen. Nur Samira (die Betrogene) hat einen besonderen. Da hat sie die Instagram-Nachricht, die ihr Eva (die Betrügerin) geschrieben hat, darufgedruckt. Die ist sehr freundlich, sehr zuvorkommend. Und leider eine Steilvorlage: „Für mich hat sie offene Ohren, nachdem sie für ihn offene Beine hatte!“

Vier Männer in roter und beiger Kleidung sitzen und liegen entspannt auf einer Bank im Dschungel, umgeben von Pflanzen.

Vier Männer lauschen einem Frauenstreit: Die Mischung aus Voyeurismus, Ekel, Schadenfreude und Staunen des TV-Publikums – gespiegelt im Camp.   

"Live-Theater" im Dschungelcamp

Wie ein gespieltes TV-Publikum verfolgten dieses „Live-Theater“ (Zitat von irgendwem) vier Männer zurückgelehnt aneinandergeschmiegt auf dem Feldbett: Steffen Dürr (Aufmerksamkeitspunkte für frühen Gemächtblitzer), Umut Tekin (bisher unauffälliger Kandidat der Kategorie mehr Bizeps, weniger Brain), Hardy Krüger jr. (Aufmerksamkeitspunkte durch Doppelbeichte: Alkoholismus und verstorbenes Kind). Und Gil Ofarim, der wohl ganz froh war, dass ausnahmsweise nicht er im Kreuzverhör steht. Der antisemitische Ausfall eines Hotelangestellten, den Ofarim als erfunden eingestehen musste, wird diese Staffel lang beschäftigen. Zumal er sich bisher dagegen wehrt, etwas dazu zu sagen. Er habe eine Verschwiegenheitsklausel.

Gil Ofarim hat mehr zu bieten

Aber Ofarim, ganz Profi, weiß, dass man nicht nur mit einem Thema in den Dschungel geht. Immerhin war er auch Alkoholiker und Schulden hat er auch.

Ob sich Chefanklägerin Ariel damit zufrieden gibt? Irgendwann wird auch sie zu schwach zum Sticheln werden, wenn sie weiterhin – und damit ist zu rechnen –, mut- und glücklos zur Prüfung muss. Denn dann gibt es bekanntlich nichts zu essen. Nicht mal ein kleines Krokodilsschwänzchen mit einer Rübe für 12 Personen. Aber immerhin hat Ariel schon gelernt, dass man ihr nicht ans nackte Leben will: Bei der Prüfung am Sonntag verneinte der medizinische Beistand Dr. Bob, als sie die Frage plagte: „I cannot dying, yes?“

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