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Sport Wintersport
11/15/2020

Gregor Schlierenzauer: "Ich heule nicht mehr Rotz und Wasser"

Wie der 30-Jährige sein großes Ziel verfolgt: Einmal noch ein Weltcup-Springen zu gewinnen. "Ich will die Geschichte zu Ende erzählen".

von Christoph Geiler

Es ist in den letzten Jahren zusehends ruhiger geworden um Gregor Schlierenzauer. Für die Schlagzeilen sorgen mittlerweile andere wie etwa Teamkollege Stefan Kraft, der im vergangenen Winter zum zweiten Mal in seiner Karriere den Gesamtweltcup gewinnen konnte.

Schlierenzauer, der einst das Skispringen geprägt und dominiert hatte und mit 53 Weltcupsiegen noch immer unangefochten die Rekordliste anführt, fliegt hingegen seit 2014 einem Erfolg hinterher. Der 30-Jährige wirkt deshalb aber keineswegs verzweifelt, er geht vielmehr zuversichtlich in die neue Saison, die am kommenden Wochenende in Wisla (Polen) mit zwei Bewerben eröffnet wird.

Immerhin durfte der Tiroler zuletzt erstmals seit acht Jahren wieder einen österreichischen Meistertitel (auf der Normalschanze) feiern. Im KURIER-Interview spricht Gregor Schlierenzauber vor der neuen Saison über ...

... seine Ansprüche

„Es zipft mich total an, wenn ich nur 15. werde. Das ist nicht mein Anspruch, und das ist auch gut so, dass ich mich über 15. Plätze ärgern kann. Wäre ich damit schon zufrieden, dann würde ich Skispringen im Grunde nur mehr als Hobby betreiben. Mein Ziel ist klar: Ich will wieder gewinnen. Ich will es wieder ganz nach oben schaffen.“

... seinen Status quo

„Mir hat letzte Saison nicht viel gefehlt, einmal waren’s nur 0,4 Punkte auf das Stockerl. Man hat gesehen, dass meine Idee des Skispringens, die ich im Kopf habe, die richtige ist. Ich muss es nur richtig umsetzen. Dafür brauchst du aber auch das Momentum: Im Skispringen können inzwischen 20 Leute gewinnen, Kleinigkeiten entscheiden, ob du heute Fünfter wirst oder nur 25.“

Karriere
Gregor Schlierenzauer (*7. Jänner 1990) war ein Senkrechtstarter. Bereits mit 16 Jahren feierte der Stubaier 2006 in Lillehammer seinen ersten Weltcupsieg.

Erfolge
Mit 53 Weltcupsiegen führt der Tiroler deutlich die Bestenliste an. Allerdings ist seit letzter Erfolg im Weltcup schon längst verjährt (Dezember 2014 in Lillehammer).

Schlierenzauer wurde 2011 in Oslo Weltmeister auf der Großschanze, zwei Mal gewann er den Gesamtweltcup (2008/09 bzw. 2012/'13). Auch bei der Vierschanzentournee war der Stubaier zwei Mal erfolgreich (2011/'12, 2012/'13). Mit dem Team holte er 2010 in Vancouver Olympiagold, fünf Mal wurde er mit der Mannschaft Weltmeister. Insgesamt gewann er bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen 16 Medaillen, vier Mal wurde er Skiflug-Weltmeister.

Privates
Schlierenzauer  ist der Neffe der Rodel-Legende Markus Prock und lebt in Lans bei Innsbruck. Seine Leidenschaft gilt der Fotografie und der Architektur.

... die Zusammenarbeit mit seinem Privatcoach Werner Schuster

„Das erste Jahr mit ihm war vielversprechend und intensiv. Wir haben 2019 den richtigen Weg eingeschlagen, es war auch wichtig, dass wir die Erfolgserlebnisse hatten. Denn wenn diese Bestätigungen fehlen, dann muss man etwas Anderes tun. Mir taugt die Arbeit mit ihm, mir macht das Skispringen Spaß, ich habe nach wie vor den Drang, dass ich die Nuss knacke.“

... seine Rücktrittsgedanken

„Natürlich macht es keinen Spaß, wenn du nur hinterherspringst und irgendwo herumgurkst. Es hat auf jeden Fall den Moment gegeben, in dem ich mir über alles Gedanken gemacht habe. Ich habe mich sehr intensiv mit meinem engsten Umfeld beraten, weil ich wissen wollte, wie sie das Ganze sehen. Sie alle haben mich alle darin bestärkt, weiterzumachen.“

... seinen Antrieb

„Es geht darum, dass ich meinen Weg zu Ende bringe. Dass ich dann irgendwann sagen kann: Jetzt passt’s, jetzt ist der Kreis geschlossen. Das ist im Moment noch nicht der Fall. Es ist eine Challenge, die gebe ich mir. Ich will die Geschichte zu Ende erzählen.“

... die Lehren aus den Tiefschlägen der letzten Jahre

„Wenn man das große Ganze sieht, dann bin ich froh, dass ich diesen Weg gegangen bin und mich dieser Herausforderung gestellt habe. Sonst hätte es mich später im Berufsleben vielleicht relativ schnell auf die Papp’n gehaut. Ich habe gelernt, mich durchzuboxen und mit Problemen umzugehen.“

... den Unterschied zum jungen Gregor Schlierenzauer

„Der Ehrgeiz und das Feuer sind so groß wie früher. Was heute aber sicher anders ist: Wenn es im Wettkampf nicht funktioniert, dann heule ich nicht mehr Rotz und Wasser und ärgere mich sechs Stunden lang, sondern versuche, den Wettkampf zu analysieren und abzuschließen. Das musste ich erst lernen. Dieser irre Ehrgeiz, dieses fast schon Verbissene sind nicht mehr da. Das ist aber auch gut so, denn das kostet wahnsinnig viel Energie.“

... seinen Status als Rekordspringer

„Ich sehe mich in erster Linie als Gregor und nicht als Skispringer. Das ist halt meine Geschichte. Ich bin extrem dankbar, dass ich das alles erleben durfte und geschafft habe. Es ist mir ja nicht geschenkt worden. Natürlich sind solche Rekorde schön, aber sie sind eigentlich etwas für die Geschichtsbücher – und Geschichte hat mich schon in der Schule nicht sonderlich interessiert.“

... den Rummel um seine Person

„Es ist heute definitiv anders als früher. Das hängt aber vor allem mit meiner persönlichen Entwicklung zusammen. In meiner Karriere ist alles so schnell gegangen, dass ich gewisse Lebensphasen irgendwie übersprungen habe. Ich war auf vieles nicht vorbereitet. Mit 16 oder 17 nimmst du es auch gar nicht wahr, dass du jeden Tag in der Zeitung stehst und begreifst auch nicht, dass du für gewisse Leute ein Idol bist. Ich musste erst lernen, damit richtig umzugehen.“

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... Geisterspringen

„Sport ist Emotion, deswegen braucht es auch Zuschauer. Natürlich springe ich lieber, wenn Leute dabei sind. Man spürt dann auch als Sportler, dass Spannung in der Luft liegt. Aber wir befinden uns in außergewöhnlichen Zeiten – und bevor gar kein Springen stattfinden kann, dann müssen wir es so hinnehmen.“

... die Winterspiele 2022 in Peking

„Früher war Olympia immer meine Triebfeder, das ist inzwischen nicht mehr so. Natürlich ist Peking ein Ziel von mir, aber ich schaue nicht so weit in die Zukunft. Ich bin froh, dass ich 2010 die Spiele in Vancouver erlebt habe. Das war dort das Olympia-Flair, wie ich es mir immer vorgestellt habe. Von Vancouver bin ich heimgefahren und habe mir gedacht: Wow, Olympische Spiele haben schon was! Sotschi hat mir jetzt weniger getaugt und Pyeongchang war auch kein Reißer.

... seine Covid-Ängste im Sommer

„Es war komisch, weil ich drei Wochen lang nicht hundertprozentig fit gewesen bin. Natürlich denkt man da im ersten Moment gleich: Habe ich jetzt Covid? Ich hab’ mich testen lassen, es war negativ, wahrscheinlich war’s ein viraler Infekt, der auch auf die Lunge geschlagen hat.“

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