Skisprung-Legende Schlierenzauer: "Schon krass, was ich da gemacht habe"
Gregor Schlierenzauer steht seinem Schützling Stephan Embacher mit Rat und Tat zur Seite
Die Karriere des erfolgreichsten Skispringers der Weltcupgeschichte endete einst auf einer Nebenbühne in der ostdeutschen Provinz.
In Brotterode-Trusetal im Landkreis Schmakaldingen-Meiningen nahm Rekordmann Gregor Schlierenzauer (53 Weltcupsiege) im Februar 2021 im Kontinentalcup Abschied vom Spitzensport.
Gregor Schlierenzauer (*7.Jänner 1990) hat das Skispringen belebt und geprägt und ist mit 53 Weltcupsiegen noch heute der erfolgreichste Athlet der Geschichte. Seinen ersten Sieg feierte er 2006 im Alter von 16 Jahren in Lillehammer, seinen letzten 2014 ebenfalls in Lillehamer.
Erfolge:
- 2 Siege im Gesamtweltcup (2008/'09, 2012/'13).
- 2 Siege bei der Vierschanzentournee (2011/'12, 2012/'13)
- Olympiagold mit dem Team (2010)
- WM-Gold auf der Großschanze (2011)
- 5 Mal WM-Gold mit dem Team (2007, 2009, 2011, 2011, 2013)
- Skiflug-Weltmeister 2008
- 3 Siege im Skiflug-Weltcup
Dem Skispringen ist der 35-Jährige freilich treu geblieben. Schlierenzauer analysiert für den ORF die Vierschanzentournee und ist Mentor von Jungstar Stephan Embacher.
KURIER: Wie viel Skispringer steckt noch in Ihnen?
Gregor Schlierenzauer: Natürlich kann ich mich in vieles hineinversetzen, das die Skispringer erleben. Weil ich oft selbst in dieser Situation war und verstehen kann, wie es ihnen gerade geht. Es ist jetzt aber schon wieder länger her, dass ich davon geträumt habe, dass ich noch springe. Das waren eigenartige Träume.
Inwiefern eigenartig?
Während der Karriere habe ich praktisch nie vom Skispringen geträumt. Sondern erst danach, als ich das Buch geschlossen habe. Das Lustige war, dass ich es im Traum nie bis zum Sprung geschafft habe. Es ist immer was dazwischen gekommen.
Was denn zum Beispiel?
Immer ein anderer Blödsinn. Einmal war die Bindung falsch montiert, dann habe ich die Startnummer vergessen, ein anderes Mal waren die Ski verschwunden. Völlig strange – aber ich dürfte damit nicht allein sein. Toni Innauer hat mir erzählt, dass es ihm ähnlich gegangen ist.
Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie heute einen Wettkampf verfolgen?
Da kommen schon immer wieder die Gefühle hoch, die ich selbst bei einem Sprung hatte.
Sie können dieses Gefühl immer noch abrufen?
Das hat sich bei mir sehr tief eingebrannt. Wie es sich anfühlt, zu fliegen und durch die Luft zu schweben. Ich finde das schön, dass mir das geblieben ist. Weil es doch etwas Spezielles ist, das nicht jeder erleben darf.
Gregor Schlierenzauer ist auch heuer bei der Tournee wieder als ORF-Experte im Einsatz
Verbinden Sie diese Glücksgefühle denn mit einem bestimmten Sprung?
Da geht’s gar nicht so um einen speziellen Wettkampf. Das ist eher ein Grundgefühl. Ich würde es fast so beschreiben: Jeder weiß, wie es sich anfühlt, zu schwimmen. Ich weiß halt, wie es sich anfühlt, durch die Luft zu fliegen.
Sie schwärmen regelrecht davon: Hat es Sie seit Ihrem letzten Sprung im Februar 2021 denn nie mehr gereizt, auf die Schanze zu gehen?
Ich hatte damals in Brotterode in mir das Gefühl, dass es das war. Und zwar endgültig. Es gab die Idee, dass ich noch ein großes Abschlussspringen machen sollte, aber das hat mich nicht gereizt.
Ein kleines Gedankenspiel: Sie bekommen die neuesten Sprungski und einen aktuellen Anzug. Wie würden Sie sich heute schlagen?
Beim Skispringen muss man dranbleiben, sonst wird die mentale Hürde schnell zu hoch. Ich würde mich heute nicht mehr trauen, auf den Bergisel zu gehen und runter zu springen. Wenn ich jetzt beim Skifliegen zusehe, denke ich mir: ,Das war schon krass, was ich da gemacht habe.’ Wenn man das tagtäglich macht und trainiert, dann ist das einfach in einem drinnen und das normalste der Welt. Ich habe mir als Aktiver nie darüber Gedanken gemacht, dass das Skispringen vielleicht gefährlich sein könnte.
Gregor Schlierenzauer stand als Skispringer im Rampenlicht
Worauf achten Sie denn heute, wenn Sie einen Wettkampf verfolgen?
Mir fallen sichere andere Dinge auf, weil ich auch mehr Zeit habe. Ich sehe jetzt 50 Springern zu, als Aktiver habe ich mich immer nur auf mich und meinen Sprung konzentriert. Von außen habe ich jetzt ein besseres Gesamtbild und einen größeren Überblick über das, was passiert. Bei den Athleten, bei den Betreuern, aber auch bei der FIS. Das ist auch die Aufgabe eines Experten, sich so ein objektives Urteil zu bilden.
Sind Sie bei Senkrechtstarter Stephan Embacher auch objektiv? Sie begleiten ihn schon seit Jahren als Mentor.
Ich habe heuer versucht, die Zügel bei ihm etwas enger zu schnüren. Da geht’s um ein regelmäßiges Update, wie er gerade technisch springt und wo er hinmuss. Auch das Heranführen an Materialkunde, dass er die Zusammenhänge versteht. Da ist er in allen Bereichen auf einem sehr guten Weg. Ich bringe da meine Erfahrung ein, aber eines ist klar: Er ist er und ich bin ich.
Was trauen Sie ihm zu?
Er ist sehr klar und macht eine gute Entwicklung durch. In dem Alter ist immer die größte Gefahr, dass man ungeduldig wird und zu viel und zu schnell will. Und dass bei einem 19-Jährigen andere Einflüsse abseits des Sports auch noch dazukommen, ist auch klar. Ich sehe meine Aufgabe darin, ihn da ein bisschen zu lenken und im Hintergrund zu unterstützen.
War die Tournee für Sie ein Genuss oder eher Stress?
Ich habe die Tournee von vielen Seiten erlebt. Bei meinem zweiten Gesamtsieg ist es mir auch einmal gelungen, die Tournee zu genießen. Weil ich damals einfach sehr gut drauf war und wenig zu kämpfen hatte. Da ist alles relativ leicht von der Hand gegangen.
Und sonst?
Es war schon oft auch eine enorme Anspannung, vor allem emotional. Jeder weiß, welchen Stellenwert die Tournee in unserem Sport hat, gerade auch in Österreich. Du weißt, du darfst dir keinen Fehler erlauben. Dieser Druck, ständig abliefern zu müssen, macht schon etwas mit einem Menschen. Das ist etwas, das mir sicher nicht abgeht.
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