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Sport Wintersport
01/04/2022

ÖSV-Springer Aschenwald: Der Adler, der wie ein Maulwurf sieht

Der Tiroler hat auf dem linken Auge nur eine geringe Sehkraft. Mit Gefühl, Geschick und Erfahrung kompensiert der 26-Jährige sein Handicap.

von Christoph Geiler

So ein Skispringer muss viele Eigenschaften mitbringen. Er sollte leicht sein, er braucht Mut, Sprungkraft, Fein- und Fluggefühl. Und nicht zuletzt sollte er auch ein Adlerauge haben, wenn er mit 90 km/h Richtung Schanzentisch rast und in Bruchteilen einer Sekunde den richtigen Zeitpunkt für den perfekten Absprung ausmachen muss.

Wenn Philipp Aschenwald zuletzt abhob, dann tat er das häufig intuitiv. Er verließ sich auf seine Erfahrung und sein Gefühl und auf das, was er verschwommen wahrgenommen hat. „Auf dem linken Auge sehe ich wie ein Maulwurf“, gibt der 26-Jährige zu.

Augenkrankheit

Vor einigen Monaten wurde bei Aschenwald bei einer Routineuntersuchung Keratokonus festgestellt. Bei dieser Augenkrankheit krümmt sich die Hornhaut und wird ohne rechtzeitige Behandlung immer dünner und trocknet irgendwann aus. „Die Hornhaut könnte auch reißen, und dann bräuchte man eine Transplantation“, weiß Philipp Aschenwald.

Die Ärzte rieten dem dreifachen Team-Vizeweltmeister zur sofortigen Operation. Seit dem Eingriff im Oktober muss Philipp Aschenwald Linsen tragen, doch gerade während der Tournee hat er keine passenden zur Verfügung. „Es funktionieren nur Hartlinsen, und die müssen individuell angepasst werden. Ich hab’ sie zwar bestellt, aber die kommen erst nach der Tournee an. Im Moment bin ich ohne Linsen am Weg.“

Blindflug

Dafür, dass er quasi im Blindflug unterwegs ist, schlägt sich der Zillertaler bislang bei der Tournee beachtlich. Trotz seiner akuten Sehschwäche war Aschenwald sowohl in Oberstdorf (22.) als auch in Garmisch (27.) in den Punkterängen gelandet. „Ich bin froh, dass mein rechtes Auge und das Gehirn dieses Handicap so gut kompensieren können“, sagt der Zillertaler.

Ski Jumping World Cup 2021

Probleme bereitet Philipp Aschenwald bisweilen die Analyse seiner Sprünge. Als er etwa zuletzt beim Absprung um einen Meter zu spät war, konnte der 26-Jährige die Ursache dafür im ersten Moment nicht erklären. „Ich wusste nicht, ob die Augen dafür verantwortlich waren, oder ob es vielleicht doch an meiner Anfahrtsposition lag. Ich will nämlich auch nicht sagen, dass alles scheiße ist wegen meiner Augen.“

Hoffnungsschimmer

Vor seinem Heimspringen am Bergisel gibt sich der Tiroler sehr selbstkritisch. „Es war noch kein Wettkampf dabei, der mich zufrieden gestimmt hätte. Ich mag mich nicht im Mittelfeld aufhalten.“

Aschenwald hat ganz andere Regionen im Visier. Im Sommertraining hatte er im österreichischen Skisprungteam die Lufthoheit, die Trainer prophezeiten damals für diesen Winter den ersten Sieg des 26-Jährigen. „Der Herbst ist der wichtigste Teil der Vorbereitung. Da hatte ich aber meine OP. Ich merke, dass mir springerisch was abgeht.“

Genau deshalb ist für Philipp Aschenwald gerade auch jeder einzelne Sprung von so großer Bedeutung. Und wenn er dann endlich seine Linsen bekommen hat, sollte es nur eine Frage der Zeit sein, bis er wieder an frühere Top-Leistungen anknüpft.

Als Philipp Aschenwald vor Weihnachten die ersten Hartlinsen getestet hatte, machte er große Augen. „Ich dachte mir: Bist du deppert, jetzt sehe ich alles in HD.“

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