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Sport Wintersport
02/07/2021

ÖSV-Präsident Schröcksnadel: "Nicht einmal das kriegen wir hin"

Der mächtige Sportfunktionier über das Versagen des Gesundheitsministeriums in der Corona-Krise, geöffnete Skilifte und die WM in Cortina.

von Christoph Geiler

Die letzte Ski-WM seiner langen Amtszeit wird die erste sein, die Peter Schröcksnadel verpasst. Der ÖSV-Präsident verzichtet wegen der Corona-Pandemie auf die Fahrt nach Cortina d’Ampezzo. Das hindert den 79-Jährigen aber nicht, lautstark seine Meinung zur Situation Österreichs und zur Lage der Skination kundzutun.

KURIER: Vor dem Saisonbeginn in Sölden hatten Sie gemeint, heuer gehe es um den Skisport als Ganzes. Wie ist es um den Skisport denn gerade bestellt?

Peter Schröcksnadel: Ich freue mich und bin fast ein wenig stolz, wie wir den Weltcup bisher durchgezogen haben. Auch weil wir schon sehr früh sehr professionelle Konzepte hatten. Deshalb konnte auch Kitzbühel gerettet werden, sonst wäre das abgeblasen worden. Aber es steht nicht nur der Weltcup sehr gut da, sondern der Skisport im Allgemeinen.

Haben Sie wirklich diesen Eindruck? In den letzten Wochen war immer wieder Kritik zu hören, dass die Österreicher Skifahren dürfen.

Ich bin der Meinung, dass es positiv und wichtig ist, dass unsere Skigebiete offen haben, obwohl alle gerade Riesenverluste machen.

Was ist das Positive daran?

Wir waren ja immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, dass wir uns nur um die Touristen kümmern würden und dass uns die Einheimischen egal wären. Da war dann zu hören: ,Ja, die in den Tälern, die verdienen alle so einen Haufen Geld, und wir Einheimischen haben keinen Platz mehr auf der Piste. Die sind nicht erwünscht.‘

Im Moment haben die Einheimischen die Pisten praktisch für sich allein.

Genau. Die heimischen Skigebiete konnten jetzt zeigen: Wir machen das alles auch für die Einheimischen. Selbst wenn es uns nur Geld kostet, viele Skigebiete verlieren gerade Millionen. Deshalb glaube ich, dass dieses Offenhalten der Lifte auch zur Solidarität für den Wintersport beitragen kann. Vielleicht verbessert das ja langfristig die Tourismus-Gesinnung und das Image.

Wobei es in den vergangenen Wochen vor allem Vorwürfe gehagelt hat. Stichwort Abstandsregeln beim Lift.

Ganz ehrlich, da reden wir jetzt von zwei, drei Skigebieten. Mehr sind’s ja nicht. Und da hatte ich schon den Eindruck, dass ganz bewusst so gefilmt worden ist, damit es so aussieht, als ob die Abstände nicht eingehalten würden. Da war schon auch viel Miesmache dabei. In Wahrheit sind 98 Prozent der Skigebiete praktisch leer. Ich finde es unanständig, dass man die leeren Pisten dann nicht herzeigt. Und ich bin sowieso der Meinung, dass eine Fahrt mit dem Sessellift völlig ungefährlich ist. Mit der U-Bahn fahren auch Leute. Seien wir doch froh, dass die Leute in der Natur sind und sich dort bewegen.

Sie sind ja auch Mit-Initiator der Kampagne „Wir bewegen“, die eine tägliche Turnstunde fordert. Machen Sie sich Sorgen um die gesundheitlichen Langzeitfolgen der Corona-Krise bei Kindern?

Ein Jahr darf da eigentlich nicht die große Rolle spielen. Aber man sollte schon aus dieser Krise die Konsequenzen ziehen und alles unternehmen, damit unsere Kinder in Zukunft wirklich in Bewegung kommen. Damit zum Beispiel ein Kind wieder rückwärts gehen kann – das können einige heute ja gar nicht mehr. Ich bin ja der Meinung, dass die Gesundheitskasse ihren finanziellen Beitrag leisten müsste. Denn die ist es, die dann in 30, 40 Jahren mit den Auswirkungen konfrontiert ist. Das Geld, das wir heute in die Bewegung der Kinder investieren, kriegen wir zigfach zurück. Das ist sehr gut investiertes Geld. Und daran sollte man denken, wenn dieser Corona-Zirkus einmal vorbei ist.

Weil Sie’s gerade angesprochen haben: Wie schlägt sich Ihrer Ansicht nach Österreich in dieser Pandemie?

Ich bin hundertprozentig dafür, dass man sich an die Regeln hält und die Maßnahmen ernst nimmt. Was mich aber massiv stört: Wenn man ankündigt, dass man morgen etwas ankündigt, um dann nur anzukündigen, dass man übermorgen etwas ankündigen wird. So etwas halte ich für extrem kontraproduktiv. Ich glaube, dass die Leute alles viel mehr mittragen würden, wenn es ein konkretes Ziel gäbe.

Was wäre denn so ein Ziel?

Wenn gesagt wird: Wenn wir zum Beispiel diese oder jene tägliche Infektionszahl erreichen, dann passiert das und das. Diese Perspektive fehlt mir. Und darf ich dazu noch etwas sagen?

Bitte...

Es ist unvorstellbar, was da im Gesundheitsministerium passiert. Ich ärgere mich wirklich darüber: Seit Sommer weiß man, dass eine Impfung kommen wird. Seit Sommer weiß man auch, dass es im Herbst eine zweite Welle geben wird, wenn es wieder kälter wird und die Leute drinnen zusammenhocken. Das war alles bekannt, das ist jetzt wirklich keine große Überraschung, dass das Virus wieder gekommen ist. Aber ...

Aber ...?

Aber haben wir im Sommer irgendwann einmal was gehört aus dem Ministerium? Hatten die irgendeinen Masterplan? Das kann ja wirklich nicht sein. Jetzt haben wir einen Impfstoff – ob man den jetzt gut eingekauft hat, sei einmal dahingestellt – und dann schaffen wir es nicht einmal, ihn richtig zu verteilen. Dabei haben wir eh nur so wenig da. Und nicht einmal das kriegen wir hin. Der wird falsch gelagert, der verdirbt, der muss weggeschmissen werden. So etwas darf doch nicht passieren. Wenn du das in der Privatwirtschaft machst, bist du schon lange in Konkurs. Das ist erbärmlich und ist nicht okay. Vor allem wird das auch auf dem Rücken der Bevölkerung ausgetragen. Und dann wundern wir uns, wenn die Menschen demonstrieren gehen.

Kommen wir zur Ski-WM in Cortina. Macht es überhaupt noch Sinn, Sie nach Ihren Medaillenwünschen zu fragen, oder kennen wir die Antwort eh schon?

Sechs bis acht.

Also wie immer. Wobei es in Cortina mit den Parallelrennen zwei zusätzliche Medaillenchancen gibt.

Ich bleibe trotzdem bei meinen üblichen sechs bis acht. Man muss auch bedenken, dass wir bei den Damen im Moment nicht so stark sind. Da passt’s zwar gut im Slalom, aber im Speed haben wir eigentlich nur die Tamara Tippler. Bei den Herren sieht es deutlich besser aus. Die sind auf einem richtig guten Weg, die Entwicklung gefällt mir. Ich glaube auch, dass die Herren den Nationencup noch gewinnen werden. Die sind im Moment keine 100 Punkte hinten.

Ihr Abschied im Sommer ist bekanntlich unwiderruflich. Wie sieht’s mit der Nachfolge aus? Zuletzt gab es bereits Sondierungsgespräche.

Das ist jetzt die Angelegenheit der Landespräsidenten. Ich schaue mir das Ganze an und ich werde natürlich auch am Ende eine Meinung haben. Aber entscheiden tun das die Landespräsidenten.

Werden Sie denn eine Empfehlung abgeben, wer Ihnen nachfolgen soll?

Nein. Ich werde aber sehr wohl sagen, was ich mir denke. Und ich bin eben der Meinung, dass es für den Skiverband das Beste wäre, wenn man sich schon im Vorfeld auf einen Kandidaten einigt und dieser dann auch einstimmig gewählt wird. Ohne Konflikte, das wäre nämlich nicht gut gegenüber den Partnern und Sponsoren. Man braucht einen Verband, der in Ruhe geführt wird.

Wie schwer hat’s Ihr Nachfolger? Es gibt wahrscheinlich bessere Zeiten für einen Amtsbeginn als mitten in einer Pandemie.

Ich glaube, dass es eigentlich sogar ein guter Zeitpunkt ist, um beim Verband als Präsident anzufangen.

Wieso das?

Weil beim Skiverband alles angerichtet ist. Es passt alles. Wir haben diese Krise gut bewältigt, es ist uns gelungen, dass alle Partner an Bord geblieben sind. Wir haben das beste Einvernehmen. Für den neuen Präsidenten ist das ein gemachtes Bett. Wie ich damals eingestiegen bin, war das nicht so. Wir waren damals völlig abhängig von Politik und Wirtschaftskammer.

Wie wird, wie soll der ÖSV in einem Jahr dastehen?

Ich möchte den Skiverband auf jeden Fall politisch und wirtschaftlich unabhängig sehen. Ein Verband, der seinen eigenen Weg gehen kann, ohne jemanden fragen zu müssen. Und mit der Kraft und Stärke, auch eine eigene Meinung zu äußern. So wie ich es für den Verband erreicht habe.

Und wie wird dann Ihre Rolle aussehen?

Es ist dann jemand anderer in der Verantwortung, ich werde da ganz sicher nicht dreinreden. Wenn man aber meinen Rat will, dann werde ich natürlich sagen, wie ich die Dinge sehe.

Abschließend noch einmal zum Thema Corona: Werden Sie sich impfen lassen?

Aber selbstverständlich. Ich gehöre schließlich zur Risikogruppe.

Haben Sie schon einen Impftermin?

Nein, ich habe noch nichts gehört. Vielleicht fliege ich auch nach Russland und lass’ mich dort impfen. Das überlege ich mir wirklich, wenn sie’s bei uns mit dem Impfen nicht hinkriegen. Bevor ich da monatelang auf einen Termin warte, hock’ ich mich in den Flieger und lass’ mir den Sputnik geben. Das können Sie ruhig so schreiben.

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