Marchel Hischer press conference in Vienna

Maier und Hirscher im Jahr 2016.

© EPA / CHRISTIAN BRUNA

Sport Wintersport
03/22/2020

Maier, Hirscher und ihre Erben: Der Absturz des ÖSV in Zahlen

Wie schlecht war Österreichs Ski-Team in der abgelaufenen Saison tatsächlich? Wie sehr fehlt Marcel Hirscher? Eine Bilanz der letzten 20 Jahre.

von Stefan Berndl, Pilar Ortega

Eigentlich wäre am heutigen Sonntag in Cortina, Italien, die Ski-Saison zu Ende gegangen. Eigentlich. Denn der Weltcup endete etwas abrupt, am 8. März, und damit früher als geplant. Das Coronavirus erreichte den Sport und hat ihn bis heute fest im Griff. Erst wurden die letzten Rennen der Damen in Aare abgesagt, dann die Bewerbe der Herren in Kranjska Gora und schließlich auch das Weltcupfinale in Cortina. Der ÖSV ging in der Endabrechnung erstmals seit 25 Jahren komplett leer aus.

In Summe gelangen dem österreichischen Ski-Team lediglich acht Saison-Siege: Sechs bei den Herren, zwei bei den Frauen. Matthias Mayer, der vier Mal jubelte, war eine der wenigen positiven Ausnahmen. Das Jahr eins nach dem Rücktritt des achtfachen Gesamtweltcupsiegers Marcel Hirscher offenbarte schonungslos die vorhandenen Schwachstellen des ÖSV.

2000 bis 2020: Der langsame Abstieg des ÖSV

Wie schlecht war Österreichs Saison 2019/'20 nun aber tatsächlich? In welchen Disziplinen gab es bei den Männern und Frauen den größten Einbruch? Und wie viel Anteil hatten die drei ÖSV-Größen der letzten 25 Jahre - Hermann Maier, Benjamin Raich und Marcel Hirscher - an der Gesamt-Punkteausbeute? Der KURIER analysierte die Weltcup-Wertungen von 2000 bis 2020 und bereitete sie grafisch auf.

Dabei zeigt sich: Der langsame Abstieg des ÖSV begann nicht erst nach dem Rücktritt Hirschers. Sondern schon deutlich früher.

30 Mal in Folge entschied der ÖSV den Nationencup seit 1990 für sich. Diese eindrucksvolle Serie endete heuer, die Schweiz sicherte sich mit 8.732 Punkten den Sieg und hatte am Ende mehr als 1.000 Zähler Vorsprung auf Österreich. In den letzten 20 Jahren war es die mit Abstand schlechteste Ausbeute des ÖSV. 2000 waren es noch mehr als doppelt so viele Punkte. Seitdem geht die Kurve, von einzelnen Ausreißern nach oben abgesehen, nach unten.

Schlechte Zeiten für die ÖSV-Herren

Dabei lohnt sich allerdings ein genauerer Blick auf die Leistungen der Herren und Frauen, sowie die im Durchschnitt eingefahrenen Punkte pro Rennen. Da zeigt sich, dass vor allem die Leistung der ÖSV-Läufer deutlich einbrach. Während die Frauen etwa 2010 noch schlechter abschnitten, datiert der bisherige Tiefpunkt der Herren von 2017. Damals waren es 5.048 Punkte und damit um fast 1.200 mehr als zum Abschluss dieser Saison.

Rechnet man nun die Gesamtpunkte auf die gefahrenen Rennen pro Saison herunter, wird die Misere der Herren noch offensichtlicher (siehe Grafik oben, Seite 2: Durchschnittliche ÖSV-Punkte pro Rennen). So holten die Frauen in der abgelaufenen Saison rund 127 Zähler pro Rennen und blieben damit im Leistungsbereich der letzten fünf Jahre.

Die Fallhöhe bei den Herren war da deutlich größer. Mit im Schnitt 108 Punkten pro Rennen fiel die Ausbeute von Matthias Mayer und Co. rapide ab. Der bisherige Negativ-Wert von 2016, mit rund 126 Zählern, wurde klar unterboten. Die Herren waren damit auch maßgeblich verantwortlich dafür, dass der ÖSV pro Bewerb nur 117 Punkte sammelte und eine neue Talsohle erreichte.

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Die Problemkinder Slalom und RTL

Nun ist es gerade nach dem Rücktritt von Serien-Sieger Marcel Hirscher im letzten Jahr keine allzu große Überraschung, dass der ÖSV vor allem in den Technik-Disziplinen zu kämpfen hatte. Während die Leistungen in Abfahrt und Super G in den letzten zehn Jahren eher konstant blieben, gab es für die Fahrerinnen und Fahrer im Riesentorlauf einen kräftigen Dämpfer.

Die Herren kamen im RTL-Weltcup 2019/'20 in Summe gerade einmal auf 325 Punkte, die Frauen schnitten mit 366 Zählern nur unwesentlich besser ab. In Insgesamt 13 ausgetragenen Rennen gelang dem ÖSV nur ein Podestplatz. Katharina Liensberger wurde beim Heimrennen in Lienz, Ende Dezember, Dritte.

Ein ähnliches Bild zeigt die Analyse der Punkte pro Rennen in den einzelnen Disziplinen. Die Slalom-Fahrer holten im Schnitt 96 Punkte, der zweitschlechteste Wert in den letzten 20 Jahren. Nur 2015 (87 Punkte) war man noch ineffektiver. Im Riesentorlauf wurde hingegen der bisherige Tiefpunkt (84 Punkte pro Rennen im Jahr 2011)  mehr als deutlich unterboten: Mit 46 Zählern war man so erfolglos wie nie.

Riesenprobleme im Riesentorlauf

Selbiges gilt für die Österreicherinnen. Mit 61 Punkten pro RTL-Rennen konnte das Team zwar einen ähnlichen Absturz wie die Herren verhindern, dennoch hatte man seit 2000 noch nie schlechter abgeschnitten. In Slalom, Abfahrt und Super-G befanden sich die Fahrerinnen hingegen im Leistungsbereich der letzten Jahre.

Die ÖSV-Frauen befinden sich also bis auf die RTL-Bewerbe etwa auf dem Niveau der letzten Jahre, den großen Einbruch gab es bei den Herren. Und hier waren es vor allem die Techniker, die einen deutlichen Punkte-Schwund hinnehmen mussten. 

Dass sich die ÖSV-Leistungskurve in den letzten 20 Jahren stetig nach unten entwickelte ist offensichtlich, mit dem Abgang des Alleinunterhalters Marcel Hirscher wurde Österreichs Ski-Krise aber akut. Das zeigt auch ein Blick auf drei ÖSV-Sieggaranten der letzten 25 Jahre: Hermann Maier, Benjamin Raich und Marcel Hirscher.

Hirscher als Alleinunterhalter

Maier holte vier Gesamtweltcupsiege, Hirscher ist mit acht Erfolgen überhaupt der erfolgreichste Skifahrer aller Zeiten. Und Raich? Der gewann einmal den Gesamtweltcup und musste sich fünf Mal mit Rang zwei zufrieden geben. Alle drei hatten wesentlichen Anteil an den ÖSV-Erfolgen zur jeweiligen Zeit. 

Wie viel tatsächlich zeigt die Statistik eindrucksvoll. Während Maier und Raich zu ihren Spitzenzeiten rund 20 Prozent der österreichischen Herren-Gesamtpunkte sammelten, fuhr Hirscher mit seinen Leistungen bis zu 32 Prozent der Punkte ein. Im Riesentorlauf und Slalom, seinen Parade-Disziplinen, waren es zeitweise sogar bis zu 60, 70 Prozent. Über seine gesamte Karriere hinweg (von 2008 bis 2019) kam er auf einen Anteil von 20 Prozent.

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In diesen zehn Jahren war Hirscher also für ein Fünftel der Ausbeute des ÖSV-Herrenteams verantwortlich. Zum Vergleich: Hermann Maier kam von 1996 bis 2009 auf rund 9,8 Prozent Anteil (er verpasste aber nach seinem schweren Motorrad-Unfall 2001 fast zwei komplette Saisonen). Bei Benjamin Raich waren es von 1998 bis 2015 rund 11,2 Prozent. In den letzten 20 Jahren war Raich sogar mit der erfolgreichste ÖSV-Punktesammler. Nur geschlagen - erraten - von Marcel Hirscher. Wenn auch nur knapp.

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