Ein Adler als Windkanal-Ratte: Bevor Gregor Schlierenzauer in die neue Saison abhebt, tüftelte er im Windkanal an der perfekten Anfahrtsposition für seine Weitenjagd.

© APA/HERBERT NEUBAUER

Sport | Wintersport
11/22/2013

Schlierenzauer: „Gold wäre das i-Tüpfelchen“

Der Skisprung-Star über das Leben als Legende und Idol - und seinen Lebenstraum.

Superstar. Überflieger. König der Lüfte. Schanzengott. V-Stil-Ikone. Weltrekordmann. Weitenjäger. Legende.

Gregor Schlierenzauer fliegen die Kosenamen, Bestmarken und Superlative nur so zu. Dabei ist der beste Skispringer der Gegenwart, der am Samstag in Klingenthal in seine achte Weltcup-Saison abhebt, gerade einmal 23. „Ich soll eine Legende sein? Legende ist doch ein viel zu krasses Wort. Das klingt ja fast so, als ob ich schon gestorben wäre.“

KURIER: Herr Schlierenzauer, gehen Ihnen als lebender Legende nicht die Ziele aus?
Gregor Schlierenzauer:
Keine Angst: Mein Hunger ist ungestillt. Und ich habe ja in Wahrheit ein Riesen-Privileg, weil ich mit jedem weiteren Weltcupsieg meine Rekordmarke noch weiter raufschrauben kann. Außerdem sollte man seine Ziele sowieso nicht immer nur rein auf Platzierungen und Erfolge ausrichten. Ich habe auch noch Ziele abseits vom Sport.

Aber derzeit wird vermutlich alles Ihrem Lebenstraum unter­geordnet: dem Olympia-Gold.
Klar hab’ ich dieses Ziel vor Augen, eigentlich schon seit den letzten Spielen in Vancouver. Jeder weiß, dass diese Goldmedaille auf meiner Liste noch fehlt.

Keine Angst, dass der Druck für Sie irgendwann einmal un­erträglich wird, wenn praktisch nur der Olympiasieg zählt?
Das muss ich ja eigentlich sagen, dass Olympia-Gold das Ziel ist. Alles andere wäre bei mir auch irgendwie unglaubwürdig. Es wäre vielleicht anders, wenn ich noch gar keine Olympiamedaille hätte. Aber so ist das eine tolle Challenge, und im Grunde ist sowieso der Weg dorthin das Entscheidende. Wenn ich in den Flieger nach Sotschi einsteige, will ich sagen können: „Ich habe alles dafür getan.“ Was dann am Tag X passiert, steht wieder in den Sternen.

Hätte Ihre Karriere denn einen Makel, wenn Sie nicht Olympiasieger werden?
Nein. Ich hab’ ja schon genug Medaillen geholt, eigentlich habe ich alles. Olympia-Gold wäre eben dieses i-Tüpfelchen, das dem Ganzen die Krone aufsetzen würde. Aber die Welt geht für mich sicher nicht unter, wenn es in Sotschi nicht klappen sollte.

Der junge Gregor Schlierenzauer hat noch viel verbissener geklungen.
Ich bin sicher nicht mehr so verkrampft wie früher und kann jetzt auch besser das Wesentliche vom Unwesentlichen unterscheiden. Mit dem Alter wirst du einfach gelassener und machst dir weniger Druck.

Inwiefern weniger Druck?
Früher habe ich praktisch ständig nur ans Skispringen gedacht. Heute lasse ich mich manchmal einfach treiben und trainiere auch einmal einen Tag nichts.

Legende ist doch ein viel zu krasses Wort. Das klingt fast so, als ob ich schon gestorben wäre.“
Gregor Schlierenzauer
Lebende Skisprung-Legende

Sie haben eine riesige Fan­gemeinde und sehr viele Groupies. Ehrt Sie das, oder nervt das Leben als Teenieschwarm auch manchmal?
In erster Linie macht es mich schon sehr stolz, dass ich für junge Sportler ein Idol sein darf. Ich habe als Kind auch zu Sportlern aufgeschaut. Das ist ein Privileg, dass ich jetzt derjenige bin, zu dem die Leute aufschauen. Andererseits darf man dabei aber nicht vergessen, dass ich ein Mensch bin wie jeder andere. Ich mach’ auch Fehler. Auch wenn das manchmal die wenigsten verstehen: Ein Gregor Schlierenzauer kann nicht immer wie eine Maschine funktionieren.

Welche Fehler haben Sie denn? Was ist Ihre Eigenart?
Das Problem ist, dass die Leute den Gregor Schlierenzauer immer nur mit dem Skispringen verbinden und mich auch nur so kennen. Die sehen nur die zwei Sprünge, wissen nicht, was vorher und nachher alles passiert ist, wie ich drauf bin. Und dann passiert es, dass du plötzlich in eine Schublade geschoben wirst.

In welcher Schublade stecken Sie denn?
Mich stört am meisten, dass ich manchmal in der Öffentlichkeit als arrogant und engstirnig rüberkomme.

Und wie sind Sie wirklich?
Jeder, der mich privat kennt, wird genau das Gegenteil behaupten. Dabei ist es eigentlich ja meine Stärke, dass ich so fokussiert bin. Aber das wird gerne falsch ausgelegt.

Themenwechsel: Sie sind seit 2006 im Weltcup, verfolgen Sie denn einen Karriereplan?
Ich bin offen für alles. Wie es nach einer weiteren Saison aussieht, kann ich im Moment wirklich nicht sagen. Es kann sein, dass ich einmal einen Abstand brauche. Ich schließe auch eine Pause nicht völlig aus. Es kann aber genauso sein, dass ich total motiviert bin. Das hängt alles davon ab, was sich rund um einen tut.

Janne Ahonen feiert gerade mit 36 ein Comeback. Wird man Sie in diesem Alter auch noch auf der Schanze sehen?
Das könnte schon passieren. Ganz schließe ich das auch nicht aus. 2022 kriegt ja eventuell Oslo die Olympischen Spiele. Das wäre ein schöner Schlusssprung.

Schlierenzauers offene Rechnungen

Die Verwirrung am Schanzentisch hält an

Es könnte so einfach sein: Skispringer stoßen sich ab, rauschen den Anlauf hinunter, heben ab, ziehen einen schönen Sprung und setzen mit Telemark möglichst spät wieder auf. Und der mit den beiden weitesten und/oder schönsten Flügen gewinnt.

Aber warum einfach, wenn’s auch kompliziert geht? Also wurde zum vergangenen Winter die freiwillige Anlaufverkürzung durch Trainer eingeführt; schon zuvor wurde der Einfluss von Auf- und Rückenwind per Computer ins Ergebnis eingerechnet. Und zum Olympiawinter gibt es nun noch eine neue Regel, damit es ja nicht fad wird. Und die geht so:

Ein Springer muss im Fall der Anlaufverkürzung durch den Trainer mindestens 95 Prozent der Hill Size erreichen, um Bonuspunkte zu erhalten. Heißt: Fliegt er auf einer 120-Meter-Schanze 114 Meter, gibt es Bonuspunkte. Schafft er das nicht, gibt es nichts.

Grund für die Änderung im Reglement sind Trainer, die im vergangenen Winter entdeckt hatten, dass mit kürzerem Anlauf unter Umständen eine bessere Weite möglich ist – oder ein sichererer Flug, je nachdem, wie weit die Konkurrenz schon geflogen ist und wie der Wind weht. Dazu kamen dann natürlich die Bonuspunkte, weil die Ausgangslage für ihren jeweiligen Athleten ja schwieriger war als für die anderen.

Diesen Vorteil auszunutzen, war legal, doch schon nach der Nordischen Ski-WM im Val di Fiemme hatte FIS-Präsident Gian Franco Kasper über die Folgen an den Schanzen geklagt: „Es ist für Zuschauer mehr oder weniger unmöglich, das noch zu verfolgen.“

Mehr Kompensation

Wer jetzt glaubt, dass damit aber nun auch wirklich genug Verwirrung gestiftet worden wäre, der wird an diesem Wochenende in Klingenthal oder daheim vor dem Fernseher eines Besseren belehrt werden. Denn die bisher schon vergebenen Kompensationspunkte für Sprünge bei Rückenwind werden noch einmal mehr, und zwar gleich um 21 Prozent. Immerhin wollen die Verantwortlichen ab dem Start zur Vierschanzentournee in Oberstdorf den Fans am Bakken ein Licht aufgehen lassen – in Form eines Lichtstrahls, der anzeigen soll, welche Weite nötig ist, um die Führung im Bewerb zu übernehmen.

Doch so einfach ist auch das nicht: Derzeit wird diskutiert, wie dieser Plan technisch umzusetzen ist ...

Der Flugplan bis Olympia

23./24.11. Klingenthal (D) Teambewerb, Einzel

29./30.11. Kuusamo (Fin) 2x Einzel

6.–8.12. Lillehammer (Nor) Mixed-Team u. Einzel (Normalschanze), Einzel

14./15.12. Titisee-Neustadt (D) 2x Einzel

21./22.12. Engelberg (CH) 2x Einzel

Vierschanzentournee:

29.12. Oberstdorf (D)

1. 1. Garmisch-Partenkirchen (D)

4. 1. Innsbruck

6. 1. Bischofshofen

11./12. 1. Bad Mitterndorf 2 x Einzel (Flugschanze)

16. 1. Wisla (Polen) Einzel

18./19. 1. Zakopane (Polen) Teambewerb, Einzel

25./26. 1. Sapporo (Jap) 2x Einzel

1./ 2. 2. Willingen (D) 2x Einzel

ab 7. 2. Olympia in Sotschi (Rus)