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Sport Wintersport
09/28/2020

Lukas Müller: "Ich schüttel über mich selbst den Kopf"

Knapp fünf Jahre nach seiner Querschnittlähmung macht der Skispringer enorme Fortschritte und ging sogar schon auf einen Berggipfel.

von Christoph Geiler

Im Jänner 2016 stürzte Lukas Müller als Vorspringer beim Skifliegen am Kulm so schwer, dass er seither mit einer inkompletten Querschnittlähmung im Rollstuhl sitzt. Der Kärntner hat sich aber nie seinem Schicksal ergeben, sondern gleich vom ersten Tag im Rollstuhl an leidenschaftlich darum gekämpft und daran gearbeitet, den Alltag zu meistern und – im wahrsten Sinne des Wortes – wieder auf die Beine zu kommen.

Nicht einmal fünf Jahre nach seinem Unfall balanciert Lukas Müller über die Slackline, er fährt Roller und er ging zuletzt sogar selbstständig auf den Gipfel des Nocksteins.

Wenn Ihnen damals wer gesagt hätte, dass Sie 2020 auf einem Gipfel stehen würden, dann . . .

Dann hätte ich wahrscheinlich geantwortet: „Ja, ja passt schon. Und in acht Jahren springe ich dann wieder.’ Es ist schon unglaublich und manchmal muss ich fast selbst lachen. Weil ich heute in einem Bereich bin und Sachen möglich sind, die ich so eigentlich niemals auf meinem Radar hatte.

Bergsteigen zum Beispiel.

Der Berg war schon ein großes Ziel. Ich hab’ mir die letzten Jahre ständig gedacht: ,Muss es wirklich so sein, dass ich mein Leben lang kein Gipfelkreuz mehr vor mir haben werde?’ Diese Idee war schon sehr früh geboren. Wobei ich immer gesagt habe: ,Ich mache es wirklich nur dann, wenn ich selbst raufkomme.’

Wie war das Gefühl, wieder auf eigenen Beinen einen Berg zu erklimmen?

Wenn du da oben vor dem Gipfelkreuz stehst und du bedenkst, was für eine heftige Verletzung du eigentlich hast, dann fühlt sich das im ersten Moment unwirklich an. Aber das Gipfelkreuz ist einfach nicht verschwunden, es war da, vor mir, es war kein Traum. Ich weiß, dass da manchmal von einem Wunder die Rede ist. Aber da wehre ich mich entschieden dagegen.

Der Aufstieg
Lukas Müller (14.März 1992) zeigte schon in jungen Jahren auf und galt als einer der größten heimischen Skisprung-Hoffnungen. Gleich drei Mal wurde der Kärntner Junioren-Weltmeister, 2009 landete er beim Tourneespringen in Oberstdorf auf Rang sechs und wurde in der Gesamtwertung 19. Im Kontinentalcup feierte er sechs Siege.

Der Unfall
2016 stürzte der Kärntner als Vorspringer beim Skifliegen am Kulm schwer und ist seither inkomplett querschnittgelähmt. Müller arbeitet als Vermögensberater und studiert Sportrecht. Er ist Botschafter der Wings for Life-Stifung.

Wieso das?

Weil ein Wunder etwas ist, für das es keine Erklärung gibt. Man kann gerne den Ausdruck Sensation wählen, aber Wunder ist das keines. Weil dahinter viel harte Arbeit steckt. Ich denke, ich war die letzten Jahre sehr brav, was das Training anbelangt. Nur deshalb ist das möglich.

Sie sprachen immer auch davon, dass Sie bei Ihrem Unfall Glück gehabt hätten.

Und dafür bin ich manchmal auch schief angeschaut worden, weil ich das Wort Glück in einem Atemzug mit meinem Unfall verwendet habe. Jetzt wird aber sichtbar, dass ich wirklich Glück hatte.

Inwiefern?

So schrecklich und brutal der Unfall war, so heftig auch die Auswirkungen auf mein Leben sind – bis zu einem gewissen Teil ist diese Verletzung als glücklich einzustufen, weil ich immer noch relativ viel machen kann.

Wann und wie haben Sie gemerkt, dass Ihr Körper Ihnen noch einiges ermöglicht?

Am Anfang ging’s darum, dass ich überhaupt wieder die Hoheit über meine Muskeln zurückkriege. Dass ich sie zumindest ansteuern kann. Im zweiten Schritt ist es um die Koordination gegangen, also das Zusammenspiel der verschiedenen Muskeln.

Und wo stehen Sie jetzt?

Ich würde sagen, wir befinden uns gerade in Phase drei, wo das Zusammenspiel der ganzen Muskeln schon über einen längeren Zeitraum funktioniert. Ich mache zum Beispiel einige Schritte rückwärts und komme dabei nicht ins Straucheln. Es gibt regelmäßig Erlebnisse, die mir Mut machen. Dann sitz’ ich da und muss mit den Schultern zucken, weil ich mir das nicht immer erklären kann. Ich bin mittlerweile an einem Punkt angelangt, wo ich merke, dass mir Sachen gelingen, die ich mir selbst nie zugetraut hätte. Und dann muss ich über mich selbst den Kopf schütteln und bin sogar ein klein wenig stolz auf mich.

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Sind diese Glücksmomente vergleichbar mit jenen früher beim Skispringen?

Ich muss zugeben, dass mir diese Emotionen von früher nach einem richtig weiten Sprung oder einem Sieg tatsächlich abgehen. Weil das Gefühle waren, die du so kaum erlebst. Vor dem Unfall war ich immer im Wettkampf mit anderen, jetzt bin ich im ständigen Wettkampf mit mir selbst. Der Glücksmoment, wenn ich heute etwas zusammen bringe, ist anders. Er ist nicht so leicht auf andere Menschen übertragbar.

Aber es scheinen sich viele mit Ihnen zu freuen.

Wenn ich jemand sein darf, der dem einen oder anderen ein Lächeln ins Gesicht zaubert oder sie dazu animieren kann, niemals aufzugeben, dann nehme ich das demütig auf. Das erfüllt mich wirklich mit außerordentlicher Freude. Wobei man eines nicht vergessen darf.

Was denn?

So gut das Ganze bei mir auch aussieht, es ist noch immer so, dass ich jeden Tag 14 bis 16 Stunden im Rollstuhl sitze. Und das wird sich auf absehbare Zeit auch nicht ändern. Die Einschränkungen sind so enorm, dass ich es nicht durchhalten würde, mich einen halben Tag ohne Rollstuhl zu bewegen. Die Probleme, die ich habe, die sieht niemand.

Von welchen Problemen sprechen Sie?

Das hat mit Schmerzen zu tun, die keiner sieht. Auch mit Stoffwechselstörungen, die im besten Fall auch keiner mitkriegen sollte. Das Leben im Rollstuhl zu schaukeln ist eine Challenge und das kann auch hart sein. Es gibt immer wieder Tage, an denen ich dieses Teil, auf dem ich sitze, am liebsten aus dem Fenster schmeißen würde, weil es mich einfach so anzipft.

Blicken wir in die Zukunft: Welche Fortschritte erhoffen Sie Sich noch?

Ich hab’ jetzt einmal einen gewissen Level erreicht. Ich kann Aufstehen, ich kann Stufen steigen. Das bleibt mir länger erhalten. Ich kann mit ihm persönlich zwar nichts anfangen: Aber wenn es ein Norbert Hofer schafft, mit einem Stock durch sein Leben zu wandern, und der ist deutlich älter als ich, dann denke ich mir: ,Passt, da ist noch einiges für mich drinnen.’

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