Sport
17.02.2018

Lukas Müller: "Es ist schon hart"

Ex-Skispringer Lukas Müller: Der Kärnter, 25, sitzt seit einem Umfall bei einem Trainingssprung am Kulm 2016 im Rollstuhl. Trotzdem schaut er heute bei Olympia via TV beim Skispringen auf der Großschanze zu. Im Interview mit der freizeit erzählt er, was es heißt, querschnittgelähmt zu sein und warum er nie gefragt hat: Warum ich?

Herr Müller, seit Ihrem schweren Unfall am 13. Jänner beim Skispringen am Kulm sind zwei Jahre vergangen. Wenn Sie damals mit heute vergleichen: Was hat sich getan?

Das kommt drauf an. Körperlich, psychisch, familiär – es gibt so viele Bereiche.

Körperlich zum Beispiel. Auf einem Ihrer Instagram-Bilder stehen Sie alleine an einem Strand in Australien. Es schaut fast so aus, als könnten Sie trotz Querschnittlähmung wieder gehen.

Ich arbeite daran, zumindest mit Krücken ein paar Meter zurücklegen zu können, der Rest ist Wunschtraum. Stehen funktioniert teilweise ganz gut, war aber in Australien aufgrund der warmen Temperaturen viel einfacher. Ich muss aber auch sagen: Gleich nachdem das Foto entstanden ist, bin ich wieder im Sand gelegen.

Haben Sie Angst davor, zu fallen?

Gar nicht, selbst draußen am Asphalt. Das kommt gar nicht vom Skispringen, sondern vom Trampolin-Springen, das ich von klein auf gemacht habe. Das ist eine Super-Schule für das Raumgefühl. Ich weiß genau, wie ich falle und wo im Raum ich mich befinde.

Der Nutzen war mir bis dato nicht klar.

Ein Beispiel: Man stolpert und fällt rückwärts. Man weiß sofort, wie man sich abstützen muss, damit man nicht mit dem Becken auf den Asphalt knallt oder mit dem Kopf einen „Schnackler“ nach hinten macht. Bei meinem Unfall hat mir eben so ein Schnackler das Genick gebrochen. Ich bin zuerst mit dem Steißbein und erst danach mit dem Kopf aufgeschlagen. Mich wundert heute noch, dass ich mir das Steißbein nicht gebrochen habe, obwohl ich mit 120 km/h aufgeprallt bin.

Sie sind seither ab dem 6. und 7. Halswirbel gelähmt. Provokant gefragt: Würden Sie das als eher glücklichen Querschnitt bezeichnen?

Es ist ein ziemlich glücklicher Querschnitt – das ist eigentlich eine witzige Ausdrucksweise, aber ich habe mir das selber schon gedacht. Glücklich aus mehreren Gründen: Ich habe einen Genickbruch überlebt und mein Querschnitt ist zum Glück so ausgefallen, dass ich, sagen wir mal, den Stoffwechsel etwas besser unter Kontrolle habe, als andere. Er ist beim Querschnitt ja immer betroffen. Aus jedem Wirbel am Rückenmark kommen Nerven, je weiter du im Körper nach oben gehst, desto vitaler werden sie. Wenn jemand zum Beispiel einen C0-Querschnitt hat, ist es ein Oberglück, dass er überhaupt überlebt hat. Da muss die Rettungskette gut funktioniert haben.

Ob man da von Glück sprechen kann?

Das ist die Frage. C0 bedeutet, dass dein Rückenmark vom Kopf getrennt ist, oberhalb des 1. Halswirbels. Diese Menschen können nur drei Dinge: die Augen bewegen, zuhören und denken.

Kennen Sie so jemanden?

Ich kenne eine Physiotherapeutin, die so einen Patienten betreut. Das ist nicht schön. Es gibt aber auch das andere Ex-trem: Leute mit einem kompletten Querschnitt, die Fußballspielen können. Auch eine Kollegin von mir geht ohne Einschränkungen und hat nur ein paar taube Stellen am Unterschenkel, aber dafür schwerste Probleme mit dem Stoffwechsel und Inkontinenz. Die Nerven für das Geh-Zen-trum befinden sich im Lendenwirbelbereich, die für den Stoffwechsel unterhalb. Diese Leute haben sich da unten die peripheren Nerven durchtrennt. Heftig, weil viele sagen: „Wie kannst du querschnittgelähmt sein, wenn du nicht im Rollstuhl sitzt?“ Dabei musste meine Kollegin wegen der starken Schmerzen Morphium nehmen.

Haben Sie denn Schmerzen?

Teils, teils. Im Oberschenkel vor allem nach dem Aufwachen oder bei Wetterumschwung. Ich habe auch, und da wissen die Ärzte nicht genau warum, ein sogenanntes Impingement, einen Platzmangel in der Hüfte. Das ist ein fast dauerhafter Schmerz, der sich vor allem beim Stehen oder allgemein bei Bewegungen meldet, welche die Hüfte belasten.

Man kann sich als gesunder Mensch gar nicht vorstellen, was das bedeutet.

Für mich ist es auch schwer, das alles zu beschreiben. Ich spüre zum Beispiel in den Beinen keine Temperatur. Meine Hand spürt zwar, dass der Oberschenkel warm ist, aber mein Oberschenkel spürt nicht, dass die Hand warm ist. Am besten vergleichbar ist das mit dem Gefühl, das man hat, wenn man mit der Hand Wasser berührt, das Hauttemperatur hat, also 35, 36 Grad.

Trotz all dem waren Sie auch schon unmittelbar nach Ihrem Unfall sehr positiv. Wie haben Sie das geschafft?

Die größte Erkenntnis, die ich in den letzten zwei Jahren gewonnen habe, ist, dass jede Situation etwas Positives hat. Manchmal sieht man es sofort, oft muss man aber auch suchen, was an einer komplett miesen Situation gut ist. Zumindest sollte man sich Gedanken darüber machen, was man aus einer schlechten Situation lernen kann und vor allem, ob sie einem nicht doch irgendwie nützt.

Ist das im Zusammenhang mit Ihrem Unfall überhaupt zu beantworten?

Man kann das schon auf meinen Sturz ummünzen. Was hat er mir gebracht und was hat er mir genommen? Es ist schon hart, keine Frage. Der Sturz hat mir meine hundert Prozent Gesundheit genommen. Wenn ich heute sage, ich bin gesund, kann ich das mit der Gesundheit von vorher nicht mehr vergleichen. Aber so wie die Skispringertür zugegangen ist, sind zehn andere aufgegangen.

Was meinen Sie da konkret?

Letzten Juni habe ich meine Ausbildung zum Vermögensberater abgeschlossen und bin seither selbstständig. Das ist aber lange nicht meine einzige Beschäftigung. Alle eineinhalb Monate halte ich auf Anfrage von Firmen Vorträge über meine Geschichte. Ich arbeite auch noch mit meinem Ex-Sponsor zusammen. Dr. Carl Manner, der ja leider letztes Jahr im April verstorben ist, meinte damals: „Egal ob der Vertrag ausgelaufen ist – du gehörst noch immer zur Manner-Familie. Melde dich, wenn wir was für dich tun können.“

Da wüsste ich was.

Ich auch. Ich habe gesagt, ein paar Wünsche hätte ich, zum Beispiel regelmäßige Schnitten-Lieferungen.

Wenn nur die vielen Kalorien nicht wären.

Jetzt kann ich es mir ja erlauben. Aber ich kann sowieso nicht so viel essen. Das ist auch eine Folge des Unfalls.

Womit hat das zu tun?

Meine Erklärung ist, dass jeder Querschnittler Spastiken hat, in meinem Fall zusätzlich zu Armen und Beinen auch im Bauch. Das sind normale, aber ungewollte Muskelanspannungen, die nicht weh tun. Jedes Mal, wenn ich mir zum Beispiel die Hose über den Oberschenkel ziehe, tut mein Fuß, was er will. Aber das ist nix Schlechtes. Wenn sich ein paar meiner Kollegen in den Stand raufziehen und Druck auf die Fußsohlen kriegen, spannen sich die Muskeln an. Mit dem Effekt, dass sie sogar mit entsprechenden Gehhilfen kurze Strecken gehen können. So versuche ich auch, die Muskelanspannungen zu nutzen und wenig Tabletten dagegen zu nehmen.

Wofür nutzen Sie sie noch?

Die Anspannungen helfen mir auch im Rumpf, auf den ich seit Monaten mein Hauptaugenmerk lege. Aus der Leichtathletik weiß man, dass der Rumpf beim Laufen das Wichtigste ist. Jetzt verstehe ich auch, warum. Ich brauche ihn beim Stehen, beim Gehen, fürs Sitzen und beim Autofahren. Wenn ich in einen Kreisverkehr fahre, mag ich nicht einfach so auf die Seite fallen.

Sie wirken so gefasst. Darf man nach einer Querschnittlähmung nicht auch einmal in Selbstmitleid verfallen?

Kurz darf das sein. Wenn man das nicht zulässt, bricht man irgendwann komplett zusammen. Man muss es rauslassen. Das ist an meinen miesen Tagen auch so. Da denke ich mir: Hey Alter, ich will nicht mehr. Aber es relativiert sich alles recht schnell wieder. Selbstmitleid ist erlaubt, nur ständiges Selbstmitleid bringt niemandem etwas. Das zieht alle runter.

Sie sind im Jänner zum Unfallort am Kulm zurückgekehrt. Mit welchem Effekt?

Ich habe schon vor dem Kulm gewusst, dass es mir mehr bringt als schadet. Ich musste es tun, um einen Tag wie den 29. Dezember 2016 nicht mehr zu erleben. An dem Tag war Quali für die Vierschanzen-Tournee und ich wollte nicht wahrhaben, dass ich nie wieder dort springen kann. Am Kulm bin ich oben in den Aufwärmraum gerollt. Beim Runterschauen dachte ich mir: Scheiße, wo sind meine Ski? Ich habe mich auf die oberste Luke gesetzt (Bild links) und den anderen beim Vorspringen zugesehen. Da wird dir klar: Die machen jetzt genau das, wofür du jahrelang trainiert hast. Aber dann habe ich mich für alle gefreut, die gut gesprungen sind. Das hat auch mir sehr gut getan.

Privat steht Ihnen Ihre Freundin Verena bei. Wie konnten Sie wissen, dass Sie nicht aus Mitleid bleibt?

Interessant, dass immer noch Fragen kommen, die mir bisher niemand gestellt hat. Ich glaube, Verena war schnell klar, dass der Unterschied zwischen Vorher und Nachher nicht so groß sein wird, da meine Fortschritte doch schneller waren, als jeder, inklusive mir, angenommen hat. Trotzdem hätte ich es ihr wohl nicht übel genommen, wenn sie mich abgeschossen hätte. Das klingt jetzt brutal, aber sollte sich herausstellen, dass man mit der Situation gar nicht zurechtkommt, wäre es, glaub’ ich, falsch zu bleiben.

Herr Müller, was macht Menschen mental stark?

Ich bin 25 und mit drei Jahren zum ersten Mal auf Skiern gestanden – bis ich elf war rennmäßig, auch Wasserski. Ohne den Leistungssport hervorheben zu wollen, hat Sport den angenehmen Effekt, dass du schnell verlieren lernst. Aber das kann jeder lernen, der etwas für sich tut. Wenn man im Wald läuft und über eine Wurzel stolpert, wird man das nächste Mal darauf achten, dass das nicht mehr passiert. Du hast dich in diesem Moment selbst besiegt. Sport ist eine geniale Schule und hat einen immensen psychischen Effekt, egal, ob es Yoga oder Gewichtestemmen ist. Du tust was für dich, lernst deinen Körper kennen und lernst relativ schnell, zu verlieren. Ich glaube, das hat dazu geführt, dass ich mir nie die Frage gestellt habe: warum ich?

Haben Sie sich je gewünscht, Sie wären an diesem einen Tag nicht gesprungen?

Das wäre möglich gewesen, aber wenn du einmal auf einer Flugschanze stehst, willst du springen. Es waren Super-Verhältnisse an dem Tag. Als Sportler ziehst du nicht zurück. Wenn ich schon Vorspringer bin, mache ich den Job ordentlich.

Was sollen unsere Leser von diesem Gespräch mitnehmen?

Ich würde mir wünschen, dass jeder, der sich ärgert, überlegt, ob es das wert ist. Jeder darf sich aufregen, sollte aber schauen, ob er nicht doch ein halbwegs gutes Leben hat. Gesundheit ist etwas, auf das man echt stolz sein kann. Ich werde den Level von vorher nie mehr erreichen. Jetzt ist mir klar, was das für einen Stellenwert hat. Ein Gesunder hat tausend Wünsche, ein Kranker nur einen.

Müller im Interview mit Barbara Reiter in Salzburg

FALLEN UND AUFSTEHEN

Lukas Müller, 25, wurde 1992 in Villach als drittes Kind von vier Geschwistern geboren. Mit drei stand er zum ersten Mal auf Skiern und fuhr wettkampfmäßig, bis er elf Jahre alt war. Dann wurde er Skispringer und bezwang mit zwölf zum ersten Mal eine Schanze. 2009 wurde er Junioren-Weltmeister auf der Normalschanze. Am 13. Jänner 2016 war er am Kulm als Vorspringer im Einsatz, stürzte und ist seither querschnittgelähmt. 2016 schloss Müller eine Ausbildung zum Finanzberater ab. Er hält Vorträge, will Finanzmanagement studieren und arbeitet auch in der IT. Müller lebt seit 2011 in Salzburg und ist mit Freundin Verena liiert. Lukas Müller wird sich das Springen auf der Großschanze heute anschauen: „Das ganze Team ist relativ jung. Das macht das Ganze noch interessanter.“