Matt Bishop mit Lewis Hamilton im Jahr 2012

© LAT/Motorsport Images

Interview
08/30/2020

Homosexualität in der Formel 1: "Ein Pilot nannte mich fette Schwuchtel"

Matt Bishop war der Erste, der sich outete, und jener Mann, der Hamilton das kommunizieren lehrte: "Lewis hat ein gutes Herz."

von Philipp Albrechtsberger

KURIER: Sie waren zehn Jahre lang der Kommunikationschef bei McLaren, fünf davon an der Seite von Lewis Hamilton. Wie sehen Sie sein Engagement im Kampf für Gleichstellung? 
Matt Bishop: Ich habe großen Respekt davor. Lewis verwendet seine Popularität, um auf Missstände hinzuweisen. Das ist nicht selbstverständlich, denn auch er erfährt dadurch Kritik. Aber Lewis ist nicht nur ein fantastischer Pilot, er ist auch ein Mensch mit gutem Herzen, wenn man ihn ein bisschen besser kennt. Im Fernsehen oder auf Instagram bekommt man nicht den wahren Lewis zu sehen.

Was meinen Sie damit?

Er ist einer der größten Rennfahrer der Geschichte, womöglich bald der erfolgreichste und wahrscheinlich auch der reichste. Das würde vielen schon genügen. Tut es ihm aber nicht. Er verwendet Zeit und Geld und riskiert Teile seiner Popularität, um gegen Rassismus anzukämpfen. „Race as one“, womit die Formel 1 seit Kurzem wirbt, ist für ihn nicht bloß ein Slogan. Wir bewegen uns langsam in die richtige Richtung, weil die Formel 1 war eine andere Welt, als ich vor 25 Jahren angekommen bin.

Wie war es denn?

Ich war tatsächlich der einzige Schwule in dieser kleinen Welt. Klar, es musste natürlich auch andere geben, aber ich war der Einzige, der sich geoutet hatte. Prinzipiell waren alle sehr freundlich zu mir, was womöglich daran lag, dass ich einen angesehenen Job hatte. Nur einmal hörte ich direkt etwas Unschönes.

Was denn?

Ich hörte von einem Piloten, dass er mich fette Schwuchtel nannte. Ich konnte und wollte faktisch nicht mit ihm diskutieren, immerhin war ich nicht schlank. Und ich war schwul. Was ich tat, war, dass ich mit ihm über Höflichkeit sprach.

Der heute 57-jährige Engländer kam Anfang der 1990er-Jahre in die Formel 1, zunächst als Journalist für das renommierte Magazin "F1 Racing". McLaren-Boss Ron Dennis heuerte ihn Ende 2007 als Kommunikationschef an, nachdem der Rennstall im Zuge eines Spionage-Skandals 100 Millionen US-Dollar Strafe zahlen musste. Bishop blieb bis 2017 und betreute u.a. Superstar Lewis Hamilton.

Mittlerweile ist Matt Bishop Kommunikationsdirektor der Frauen-Rennserie "W Series" sowie Autor. Sein Erstlingswerk "The Boy Made the Difference" ist gerade in England erschienen. Bishop ist verheiratet und lebt im Londoner Stadtteil Wimbledon.

Haben Sie sich öfter unwohl gefühlt im Fahrerlager?

Es hat mir immer geholfen, dass ich sehr direkt und offen war im Umgang mit meiner Sexualität. Abgesehen davon konnte mir ohnehin niemand erklären, warum die Liebe zum Rennsport und zu Autos nur etwas für Heterosexuelle sein soll. 

Was hat sich in den jüngsten 25 Jahren im Motorsport diesbezüglich verändert?

Immer mehr Menschen mit unterschiedlichen Neigungen und Vorlieben kommen in den Motorsport. Wir sehen viele Homosexuelle in den Pressezentren oder in Marketing- und PR-Jobs. Leider sehen wir noch nicht viele unter den Ingenieuren und Mechanikern. Als ich in die Formel 1 kam, habe ich viele Nachrichten bekommen, in denen stand: „Ich bewundere deinen Mut. Ich wünschte, ich könnte das auch tun. Aber die anderen Mechaniker würden mich nicht akzeptieren.“

Woran liegt das?

Zwei Mechaniker teilen sich bei den Rennen ein Hotelzimmer. Viele sehen darin ein großes Problem. Die Macho-Attitüde im Rennsport spielt sicher noch immer eine gewisse Rolle. Prinzipiell soll sich jeder dann outen, wann er es für richtig hält. Es liegt an uns, ein Umfeld zu schaffen, in dem sich jeder wohlfühlt.

Für einige Personen in der Formel 1 waren Sie vermutlich der erste geoutete Homosexuelle, mit dem sie zusammenarbeiteten. War Ihnen das bewusst?

Einige Fahrer fühlten sich anfangs der 1990er-Jahre noch unwohl in meiner Gegenwart. Das hatte weniger mit Homophobie zu tun, sondern vielmehr mit einer Unsicherheit. Ich denke, ich konnte ihnen ein bisschen Anspannung nehmen. Wenn ich jetzt mit jungen Fahrern zusammenarbeite, ist das total anders. Es gibt überhaupt keine Probleme oder Unsicherheiten. Der jetzige Haas-Pilot Kevin Magnussen war beispielsweise Gast bei meiner Hochzeit.

Auch Lewis Hamilton hatte stets mit Ausgrenzung zu kämpfen. Haben Sie beide darin eine Gemeinsamkeit erkannt?

Ich kann mich an eine Unterhaltung mit ihm erinnern in einem Flugzeug. Er fragte mich: Wie oft kommt dir der Satz „Ich bin ein weißer Mann“ in den Sinn? Ich antwortete: Niemals, Lewis. Aber an den Satz „Ich bin schwul“ denke ich täglich. Er erwiderte: Genauso geht es mir mit „Ich bin schwarz“. Und genau das ist nun der spannende Teil an der Black-Lives-Matter-Bewegung.

Was meinen Sie damit?

Einige Leuten kritisieren, dass nicht nur schwarze Leben zählen, sondern alle Leben. Das stimmt natürlich. Aber der Grund, warum wir auf die Leben der Schwarzen derzeit besonders hinweisen, ist, dass es nicht immer für alle klar ist, dass schwarze und weiße Leben gleich viel wert sind. 

War immer schon abzusehen, dass Hamilton ein politischer Athlet ist?

Lewis kam mit 13 zu McLaren, nur die wenigsten sind in diesem Alter wortgewaltig in Sachen Politik. Nun ist er 35 und ein gemachter Mann in der Formel 1. Er hat sich einen Status erarbeitet und natürlich erkenne ich eine Veränderung. Wir alle verändern uns, hoffentlich. Wenn man sich Fotos von Lewis ansieht, als er 2007 in die Formel 1 gekommen ist, sieht man einen glatten, jungen Mann mit kurzem Haar und perfekt rasiertem Gesicht. Genau so wie es Ron Dennis, der damalige McLaren-Boss, gern gesehen hatte und auch genau so, wie ein Formel-1-Fahrer in den Augen vieler auszusehen hatte. Aber nun hat Lewis Wege gefunden, um sich auszudrücken. Er hat sich entwickelt, und zwar in eine gute Richtung.

In Ihrem nun erschienen Roman „The Boy Made The Difference“ thematisieren Sie die Probleme junger Homosexueller Ende der 1980er-Jahre. Wie kam es dazu?

Es war eine harte Zeit. Damals galt eine HIV-Diagnose als Todesurteil. Ich war es gewohnt, zu vielen Begräbnissen von jungen Menschen zu gehen. Die Leute hatten Angst vor Aids. Sie wussten nichts über die Krankheit und wie man sich wirklich ansteckt. Sie wussten nicht, ob sie es bekommen würden, wenn sie neben einem Infizierten im Bus saßen. Wenn du infiziert warst, bist du wie ein Aussätziger behandelt worden, Mütter zogen ihre Kinder vor dir weg. Wenn du in deinen Zwanzigern bist und das deine letzten Erfahrungen auf dieser Welt sind, dann ist das wirklich grausam. Mittlerweile sind der gesellschaftliche Umgang mit Aids und die medizinischen Behandlungen viel besser geworden. Junge Menschen wissen nur noch wenig darüber, wie es HIV-Patienten vor 30 Jahren ergangen ist. Mir war wichtig, dass dies nicht in Vergessenheit gerät.

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