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Sport
07/25/2021

Japans Frust über die Corona-Spiele: "Fühlen uns im Stich gelassen"

Die Olympischen Spiele werden auch im eigenen Land sehr kritisch gesehen, doch wie ist die Stimmung in Tokio wirklich?

von Silvana Strieder

"Banzai! Banzai! Banzai!" – mit diesem traditionellen japanischen Hochruf, der wörtlich Freude und Glück für 10.000 Jahre bedeutet, feierten viele Japaner anno 2013 die Vergabe der Olympischen Spiele durch IOC-Präsident Jacques Rogge an Tokio.

"Das Image war damals noch sehr positiv, und wir freuten uns auf die Sommerspiele 2020. Schon die ersten Spiele 1964 haben in Japan nach dem Krieg sehr viel Fortschritt gebracht und die Wirtschaft gefördert. Deshalb waren die Erwartungen und Hoffnungen hoch", erzählt die Japanerin Erina Saito.

Ihre Mutter ist Österreicherin, der Vater Japaner. Geboren ist sie in Japan, aufgewachsen in Osttirol – und seit zehn Jahren lebt die Handwerkerin und Fliesenlegerin wieder in der Millionenmetropole Tokio.

Hoffnung für Fukushima

"Die Spiele hätten ein Neuanfang sein sollen und ein Symbol für den Wiederaufbau von Fukushima. Doch schon damals war die Stimmung sehr gemischt." Die 28-Jährige erklärt, dass die Skepsis in der Bevölkerung gegenüber der Regierung größer war als den Spielen gegenüber, was an der Nuklearkatastrophe von 2011 lag.

"Viele haben sich gefragt, warum die Regierung nicht dort das Geld investiert und etwas fürs Land macht. Es hat immer geheißen, dass schon so viel dort reingesteckt wurde und es kein Geld mehr gibt. Dann wird plötzlich alles in die Olympischen Spiele gesteckt! Das kam bei der Bevölkerung sehr schlecht an. Vor allem, weil die Spiele kein Garant dafür sind, dass die Wirtschaft danach wieder besser läuft."

270 Kilometer Luftlinie nördlich von Tokio finden in Fukushima gerade Soft- und Baseballspiele statt. Schwer vorstellbar, da der Austragungsort rund 80 Kilometer von der Unglücksstelle entfernt liegt. Auch zehn Jahre nach der Atomkatastrophe gibt es noch immer sehr arme Bauern und Fischer, die alles verloren haben und sich mit der finanziellen Unterstützung noch kein neues Leben aufbauen konnten.

Um das zu ändern, werden Reisen in die Region angeboten, in Supermärkten Gemüse von dort verkauft und jetzt auch olympische Bewerbe durchgeführt. "Das ist gut! Wir wollten alle zusammenhalten und niemanden im Stich lassen. Deshalb sind viele auch verärgert, weil mehr für die Spiele als die Menschen getan wird."

Corona-Notstand

Verschlimmert wird die ganze Situation natürlich durch die Corona-Pandemie. Vor über einem Jahr arbeitete Erina Saito noch in einem Café und in einem Hamburger-Laden. Beide Lokale mussten wegen mangelnder finanzieller Unterstützung zusperren. "So geht es vielen Menschen, es ist hart, besonders auch für Künstler. Erst kürzlich mussten wieder zwei große Konzerte abgesagt werden, doch die Spiele finden statt. Während wir gerade mitten im vierten Lockdown sind und zu Hause bleiben sollen, reisen IOC-Präsident Thomas Bach und die Regierung quer durch Japan."

Saito erklärt, dass sie keine Informationen erhalten, warum das so ist und wieso die Spiele überhaupt stattfinden. Es gab viele Probleme im Vorfeld, unübliche Proteste, die Ausgaben stiegen immer weiter und Skandale von Funktionären und Organisatoren drückten die Stimmung auf einen Tiefpunkt.

Trostlose Straßen

"Wenn ich durch die Stadt gehe, merke ich nichts von einer Olympia-Stimmung. Es hängen sogar noch die alten Flaggen vom letzten Jahr. Es hätte auch schon geholfen, wenn wir wenigstens eine Begründung für bestimmte Entscheidungen bekommen und gesehen hätten, dass sich die Regierung bemüht. Doch es ist alles sehr verschleiert, und wir fühlen uns im Stich gelassen."

Erina Saito ist der Meinung, dass es besser gewesen wäre, die Spiele abzusagen. "Dann hätten wir uns die schlecht organisierte Eröffnungsfeier erspart. Ich habe sogar den Fernseher abgeschaltet, weil es so peinlich für uns war. Die Feier hatte keine Message, und viele haben andere Erwartungen gehabt."

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Österreich in den Medien

Saito kann sich nur an einen positiven Medienbericht im Zusammenhang mit Olympia erinnern, und der kam ausgerechnet durch die österreichische Turnerin Elisa Hämmerle.

"Sie hat ein schönes Foto von ihrer Aussicht im olympischen Dorf veröffentlicht und etwas Nettes darunter geschrieben. Das wurde in den japanischen Nachrichten überall groß gebracht, weil endlich mal etwas Gutes über Japan geschrieben wurde, das hat uns sehr gefreut und viele waren sehr dankbar."

Im Land der aufgehenden Sonne werden die "Corona-Spiele" wohl auch als die traurigsten Spiele der Geschichte eingehen. Erina Saito kennt in ihrem Umfeld niemanden, der sich über die Spiele freut – "außer meinen Vater, der wartet schon gespannt auf den Wettkampf eines Fechters, dessen Vater ein guter Freund von ihm ist".

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