Der Höhepunkt des Wir-Gefühls: Franz Klammer beim Abfahrtslauf der Herren am 3. Februar 1976.

© APA//Dpa/Sanden

Sport
12/06/2020

Klimawandel, Corona und Co.: Ist Skifahren noch das Leiwandste?

Wie das Skifahren zum Identitätssymbol wurde und warum Österreichs Nationalsport von der Piste gedrängt wird.

von Barbara Mader

Die Streif ist dem Österreicher so heilig wie das Schnitzel. Dem Nationalstolz tut die Debatte um Ischgl und geschlossene Pisten weh.

Lange Zeit galt: Jedes Kind in Österreich soll Ski fahren lernen. Doch in den vergangenen 30 Jahren haben sich die Teilnehmerzahlen an Schulskikursen fast halbiert. 1990 waren laut Institut für Freizeit- und Tourismusforschung noch 260.000 Schüler dabei, heute sind es nur noch 140.000. Bei den Erwachsenen gaben 1990 noch 60 Prozent an, aktive Skifahrer zu sein. Heute sagen 63 Prozent, dass sie nie Ski fahren.

Als Grund wird häufig die zunehmende Unleistbarkeit angegeben, doch es handle sich vor allem um einen „emotionalem Ausstieg aus dem Skifahren“, sagt Freizeitforscher Peter Zellmann. Insbesondere Großstadtjugendliche drängen immer weniger auf die Piste, die Konkurrenz durch andere Freizeitangebote wächst. Dazu kommt: 1996 wurde der verpflichtende Schulskikurs abgeschafft, viele Neo-Österreicher aus anderen Kulturkreisen denken gar nicht ans Skifahren. Die Skination hat ein Nachwuchsproblem.

Doch das Skifahren kommt auch aus anderen Gründen unter Druck. Klimawandel bedeutet Schneemangel. Kunstschnee ist aus ökologischer Sicht ebenso problematisch wie die Eingriffe in die Natur, die die moderne Skiindustrie verlangt. Um Pisten und Liftanlagen zu errichten, werden Wälder gerodet, Böden planiert, und mitunter stehen sogar Berggipfel zur Disposition.

Dennoch prägt das Skifahren das „Wir“-Gefühl Österreichs nach wie vor enorm. Dass die diesjährige Skisaison nach Ansicht einiger europäischer Regierungschefs in ganz Europa ausfallen sollte, wurde hierzulande höchst emotional debattiert. Tenor: „Die EU will uns das Skifahren verbieten.“

Projekt Alpenrepublik

Wie aber wurde das Skifahren überhaupt zu einem derart identitätsstiftenden Faktor in Österreich?

Das habe nicht zuletzt politische Gründe, meint Sporthistoriker Matthias Marschik. „Österreich war zwischen 1918 und 1938 sehr von Wien geprägt. Nach 1945 ist Österreich von der Donaurepublik zur Alpenrepublik geworden. Das war der politische Wille von dreien der vier Besatzungsmächte: Amerikaner, Engländer und Franzosen wollten aus Österreich eine Alpenrepublik machen, weil im Osten die Russen waren.“

Verstorbener Toni Sailer kann zu Vorwürfen keine Stellung nehmen

Die Fokusveränderung begünstigte den Skisport ebenso wie der Bedeutungsverlust des Fußballs, bis Mitte der 50er der wichtigste Sport in Österreich. „Noch 1954 errang Österreich den dritten Platz bei der Fußball-WM. Danach fand ein Ausverkauf der Nationalmannschaftsspieler statt, Leute wie Ernst Happel gingen ins Ausland,“ sagt Marschik.

Und dann kam das Jahr 1956. Bei den olympischen Spielen in Cortina d’Ampezzo gewann der junge Tiroler Toni Sailer drei Goldmedaillen. Er wurde Filmstar, Mädchenschwarm, Volksheld – und das heldenhungrige Österreich wollte sich mit ihm identifizieren.

Dabeisein wollen setzt Dabeisein können voraus. Und das war nun, in den Jahren des Wirtschaftswunders, möglich. Skifahren wurde zum Aufstiegsversprechen. „Skifahren wurde ein Massenphänomen, dem sich auch die Mittelschicht verschrieb. Davor war Skiurlaub eine mondäne Sache, nun wurde es zum Statussymbol, das man sich als Familie leisten wollte“, erklärt Rudolf Müllner, Sportwissenschafter und Historiker an der Uni Wien. Zum Skifahren als Mittelklasseprojekt gehörten die Schulskikurse. „Ein unhinterfragtes Paradigma über alle Parteien hinweg.“

Mit dem Aufstieg des Skisports sind auch die Medien verbunden, insbesondere das Fernsehen. „Die dauernden Skiübertragungen haben dazu beigetragen, dass ein gemeinsamer emotionaler Raum entstanden ist. Der Höhepunkt dieses Gemeinschaftserlebnisses war der Olympiasieg von Franz Klammer 1976.“

Zwar ist der Zenit des „Wir“-Gefühls überschritten, doch sorgt die nach wie vor starke Massenfähigkeit des Skisports für starke Emotionen angesichts der Frage, ob er in Corona-Zeiten erlaubt sein soll. Besonders dann, wenn die Anregung zur Pistenenthaltsamkeit von außen kommt.

 

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