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Interview
05/12/2021

Schiedsrichter-Boss Sedlacek: "Wir sind guter Durchschnitt"

Warum gibt es so viele Fehlpfiffe? Wie kann es besser werden? Robert Sedlacek sucht als Boss der Schiedsrichter Antworten.   

von Alexander Huber

"Es war ein schwarzes Wochenende." Schiedsrichter-Boss Robert Sedlacek versucht gar nicht, die vielen Fehlpfiffe zu verharmlosen. Im KURIER-Interview spricht der 65-Jährige, der auch dem Wiener Fußballverband vorsteht, über die Krise der österreichischen Referees, den VAR und überrascht mit einem Blick in die Zukunft.

KURIER: Am Wochenende haben Fehlpfiffe gleich mehrere Spiele massiv beeinflusst. Ist Ihnen bewusst, wie groß der finanzielle Unterschied zwischen Platz 3 und 4 für die Vereine ist?

Robert Sedlacek: Ich weiß, dass es um sehr viel geht. Ein Schiedsrichter muss immer gleich agieren. Egal, ob es ein Testspiel ist oder ob es so heiß wie jetzt zur Sache geht. Der Liga-Modus ist in Ordnung und sorgt für mehr Spannung, aber auch für stärkere Belastung der Schiedsrichter.

Sie waren Schiedsrichter-Beobachter bei Rapid – WAC. Wie ging es Ihnen dabei?

Ich sehe mich als Freund der Schiedsrichter, muss aber auch Fehler klarstellen. Ich hatte eine lange Nacht, um die richtigen Worte im Bericht zu finden, weil ich niemanden vernichten will.

Wegen Corona wurde der VAR auf den Sommer verschoben. Tut es besonders weh, dass dem Schiedsrichter beim Elfmeterpfiff Barac gegen Wernitznig nicht noch geholfen werden konnte?

Bei dieser Szene gab es kein eindeutig richtiges oder falsches Entscheiden. Der VAR darf nur eingreifen, wenn es ganz klar ist. Und in nur vier Fällen: Tor, Penalty, Rote Karte oder Verwechslung eines Spielers.

Bei einer TV-Einstellung von Sky ist zu sehen, dass Wernitznig zuerst Barac trifft. Um es klar zu sagen: Die Fans sollten nicht erwarten, dass so eine Entscheidung durch den VAR korrigiert wird?

Wenn der VAR ein klares Foul von Wernitznig wahrnehmen würde, kann er dem Schiedsrichter sagen, er soll es sich selbst nochmals ansehen. Dann könnte dieser aber auch bei seiner Elfmeter-Entscheidung bleiben. Es gibt in den Ligen mit VAR scheinbar unerklärliche Entscheidungen. Wir üben das seit einem Jahr und ich bin fast überzeugt, dass wir gut auf den VAR vorbereitet sind.

Um entscheidende Abseitsfehler korrigieren zu können, hilft eine kalibrierte Linie. Wird es diese geben?

Der Letztstand ist, dass wir diese „richtige“, also kalibrierte Linie bekommen.

Die Trainer warten sehnsüchtig auf den VAR. Wie viel wird dadurch besser werden?

Der VAR ist kein Allheilmittel. Es gibt Situationen, wo er den Schiedsrichter retten kann, aber es wird auch welche geben, wo es einfach nicht klar zu sehen ist.

Hängt die aktuelle Krise auch mit Corona zusammen?

Es ist tatsächlich so, dass wir uns seit über einem Jahr mit Maßnahmen wie Fortbildungen schwertun. Wir haben ein ähnliches Dilemma wie die Schule: In einem Lehrsaal geht es auf Dauer doch besser als über Video.

Wegen Corona wurde die Bundesländer-Regel aufgehoben. Warum wurde die Möglichkeit kaum genutzt, dass Vereine von sehr guten Schiedsrichtern aus ihrem Bundesland gepfiffen werden? Es geht doch um Qualität und nicht um Herkunft.

Ja, aber wenn ein Wiener Verein gegen einen steirischen spielt und der Wiener Schiedsrichter macht einen Fehler, ist es nur menschlich, dass es von den Steirern heißt: ’Eh klar, ein Wiener!’ Wir wollen die Schiedsrichter schützen und fast nur im Notfall, wenn wegen Corona eine Reise unmöglich wäre, auf lokale Besetzungen zurückgreifen.

In Österreich bekommen alle Schiedsrichter ähnlich viele Einsätze, während in den Top-Ligen die Besten viel öfter pfeifen. Denken Sie im Saisonfinish noch um?

Wir wollen den Nachwuchs fördern. Aber ja, in den letzten Runden kommen nur noch die scheinbar besten Leute zum Einsatz. Es gibt da jedenfalls keine klare Grenze: Alle, die besetzt wurden, haben unser Vertrauen.

Spieler, die Blödsinn machen, werden gesperrt, manchmal lange. Warum bekommen Schiedsrichter nach schweren Fehlern keine oder nur eine kurze Pause?

Wir haben uns vor ein paar Jahren die Finger verbrannt, mit der Ankündigung, dass Schiedsrichter nach zwei schweren Fehlern eine Pause bekommen. Das hat für extreme Emotionen gesorgt. Grundsätzlich gilt: Wir können einen Selbstständigen wie einen Schiedsrichter gar nicht wie einen Spieler sperren – dafür bräuchte es entsprechende Institutionen.

Die „Krone“ zitierte aus einem Rundschreiben, in dem die Schiedsrichter gewarnt werden, dass sie „auf den wirklich guten Status in der Öffentlichkeit aufpassen müssen“. Tatsächlich gibt es seit Monaten viele Fehler. Pflegen Sie intern eine zu positive Sicht der Dinge?

Ich sage ehrlich, dass wir in Europa nicht an der Spitze stehen. Wir sind guter Durchschnitt. Zum Text: Schiedsrichter müssen starke Persönlichkeiten sein. Sie sind gewohnt, dass sie ihre Sicht durchsetzen. Da muss ich auch als Führungspersönlichkeit aufpassen, wie Kritik formuliert wird.

Wenn die Schiedsrichter ’guter Durchschnitt’ wären: Warum ist Österreich seit 13 Jahren nicht mehr bei einem Großereignis vertreten?

Die Schiedsrichter der großen Ligen starten höher, ihr Weg in die Champions League und zu Großereignissen ist kürzer. Dazu ist in einigen Ligen das Schiedsrichterwesen professionalisiert worden. Das wird auf Dauer nicht mehr anders gehen.

Es wird auch in Österreich Profi-Schiedsrichter geben?

Das war schon vor einigen Jahren ein Thema und die Entwicklung geht stark in diese Richtung. Wenn sich ein Schiedsrichter nur darauf und nicht auf seinen Hauptberuf konzentrieren muss, werden die Leistungen a à la longue besser werden.

Die Trainer von Sturm und LASK, Ilzer und Thalhammer, betonen, dass der ÖFB ähnlich wie damals in die Trainerausbildung auch in die Schiedsrichter mehr investieren muss ...

... und die große Frage ist, woher das Geld dafür kommt.

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