Irene Fuhrmann

© Klaus Rieder

Sport Fußball
07/21/2021

ÖFB-Teamchefin Fuhrmann: "Der Frauenfußball widerlegt Klischees"

Die Teamchefin der Nationalmannschaft ärgert sich über Vorurteile und will bezüglich der nächsten WM „groß denken“.

von Silvana Strieder

Wenn diese Frau am Steuer sitzt, kann nicht viel schiefgehen. Irene Fuhrmann lenkt als Trainerin des Damen-Nationalteams normalerweise die Geschicke der Fußballerinnen, und heute ausnahmsweise auch die der Sportjournalistin des KURIER. Die Klimaanlage ist eingeschaltet, die Gurte sitzen fest und schon geht es durch den Prater in Richtung Wiener Gürtel. Das angenehme Summen des Elektroautos passt zur gelassenen Art der 40-Jährigen, die auch vor kritischen Fragen nicht anhält.

KURIER: Zu Ihrer Vorstellung als erste Trainerin des Frauen-Nationalteams fuhren Sie lässig im Dienstwagen vor. Heute machen wir während des Interviews eine Spritztour durch Wien. Sind Sie gern mit Autos unterwegs?

Irene Fuhrmann: Ja! Aber ich bin beim Autofahren eine Spätzünderin, wie auch im Vereinsfußball. Ich bin in Wien aufgewachsen und war nicht abhängig vom Auto. Deshalb hab’ ich auch erst mit 22 den Führerschein gemacht. Beruflich bedingt ist das Autofahren unabdingbar. Seit 2011 pendle ich nach St. Pölten, mittlerweile fahre ich sehr gerne mit dem Auto.

Wie geht’s Ihnen mit den Vorurteilen, dass Frauen etwa nicht einparken können?
Das kostet mich ein Lächeln, weil ich der lebende Beweis dafür bin, dass es nicht so ist. Ich glaube, dass Frauen grundsätzlich die umsichtigeren und verantwortungsvolleren Fahrer sind.

Und mit Klischees gegenüber dem Frauenfußball?
Ich find’s sehr ärgerlich, dass sich manche Klischees so hartnäckig halten, weil ich der Überzeugung bin, dass der moderne Frauenfußball ganz viele dieser Klischees einfach widerlegt. Ich würde mir wünschen, dass man Frauenfußball akzeptiert und nicht dagegen arbeitet.

Wie kamen Sie zum Kicken?
Ich habe die Leidenschaft Fußball durch meinen Bruder entdeckt. Der hat mich oft in den Park mitgenommen, wo wir stundenlang gespielt und jede freie Minute mit dem Ball verbracht haben. Erst durchs Studium fand ich mit 20 zum Vereinsfußball.

Wie geht‘s Ihnen dabei, dass Sie sich im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen sehr oft auch Fragen zur gendergerechten Entlohnung anhören müssen?
Grundsätzlich bin ich natürlich Trainerin und würd‘ gern hauptsächlich über sportliche Themen sprechen. Ich persönlich finde es aber sehr ärgerlich und gesellschaftspolitisch zu hinterfragen, warum eigentlich diese Lohnschere zwischen Männern und Frauen auch in ganz normalen Brotberufen, noch immer so groß ist. Ich bin schon der Meinung, dass dieselbe Leistung mit derselben Entlohnung bezahlt werden sollte!

Können Sie als Trainerin vom Fußball leben?
Ich hab’ während meiner aktiven Zeit begonnen, Trainer-Ausbildungen zu durchlaufen. Damals war’s keine Option, Fußball-Trainerin zu sein, und auch heute ist in Österreich in der höchsten Liga kein Trainer vollzeitbeschäftigt. Da gilt es anzusetzen und zu professionalisieren. Mein Glück war, dass der ÖFB 2011 die Frauen-Akademie in St. Pölten eröffnet hat und ich dort eine Vollzeitanstellung bekam. Ich fühle mich privilegiert, mein Hobby seit zehn Jahren hauptberuflich auszuüben.

Fußballer sieht man oft mit schicken Sportwagen oder beim Verzehr von vergoldeten Steaks. Wie sieht es bei Ihren Spielerinnen aus?
Ich bin der Meinung, dass sich im Männerfußball bald etwas ändern muss, wenn man sich die Summen ansieht, um die es sich derzeit dort handelt. Es sollte um eine faire Entlohnung gehen. Im Frauenfußball sind wir aber noch nicht so weit, es ist eher die Ausnahme, dass eine Spielerin nicht nebenbei studiert oder arbeitet.

Mittlerweile spielt ein Großteil des heimischen Damen-Teams im Ausland. Wie wichtig ist das für die Entwicklung des Nationalteams?
Es hilft uns enorm. Die Anforderungen, das Tempo, die Intensität etc. sind in den internationalen Ligen deutlich höher. Nämlich nicht nur in den Spielen, sondern auch im Training, weil die Kader viel breiter aufgestellt sind und die Konkurrenz größer ist. Das ist sicher einer der Erfolgsfaktoren des Frauen-Nationalteams der letzten Jahre, dass viele unserer Spielerinnen den Weg ins Ausland gesucht haben.

Wie beurteilen Sie die internationalen Ligen?
Da gab’s in den letzten Jahren ein großes Umdenken. Egal ob in England, Frankreich oder Italien, alle namhaften Männer-Vereine haben Frauen-Teams gegründet. Das könnte der Ansporn auch für Österreich sein. Es löst etwas ganz anderes aus, wenn ich sage, ich schaue mir jetzt das Spiel Rapid gegen Austria an.

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Warum gibt es selbst bei renommierten heimischen Herren-Bundesligaklubs, wie Rapid Wien oder Red Bull Salzburg keine Frauenteams?
Warum das so ist, müsste man den Entscheidungsträger dort fragen. Es gibt auch die positiven Beispiele, wie Sturm Graz, Austria Wien oder FC Wacker Innsbruck. Der LASK ist eingestiegen, Altach startet jetzt eine Kooperation in Vorarlberg. Es ist wichtig, dass namhafte Vereine aufspringen. 
Ich würde mir wünschen, dass wir bald nicht mehr vom Frauenfußball reden, sondern vom Fußball allgemein und dass jedes Mädchen, das kicken möchte, die Gelegenheit dazu hat. Es ist der gleiche Sport, mit den gleichen Regeln. Wir haben halt physisch andere Voraussetzungen und sind etwas langsamer. Das kann man nicht mit dem Männerfußball vergleichen.

Wie charakterisiert die heutige Teamchefin, die damalige Fußballerin Irene Fuhrmann. Wie würde ein Stärke/Schwäche-Profil aussehen?
Ich würde mich als eine sehr ehrgeizige Spielerin bezeichnen, die aber emotional ein Heißsporn war, wenn's um falsche Entscheidungen und Ungerechtigkeiten ging. Ich war ein totaler Teamplayer, und das merkt man jetzt in meinem Trainerwesen. Das Team steht immer im Vordergrund, und besonders wie man miteinander umgeht. Zur damaligen Zeit war ich eine technisch sehr versierte Spielerin, die im 1 gegen 1 ihre absoluten Stärken hatte, weil ich ja im Park gekickt hab. Die meiste Zeit auf engem Raum, unter Zeit- und Gegnerdruck. Ich musste immer schnell Lösungen finden. Deshalb hatte ich auch ein gutes Auge für die Mitspielerinnen. Dafür hat es mir dann aber am weiten Passspiel gefehlt, weil Spielverlagerungen auf so kleinem Feld, wie dem Käfig, jetzt nicht mehr so gefragt waren. Ich glaube, ich hätte ein gutes Grundpotential gehabt, aber auch viele Dinge, die ich verbessern hätte müssen für das heutige Niveau.

Wie würden Sie sich selber als Trainerin einordnen?
Es gab einmal die Schlagzeile „Hart aber herzlich“. Ich glaube, das trifft es ganz gut. Meine Spielerinnen wissen, dass sie immer zu mir kommen können, auch wenn ich sehr fordernd sein kann. Aber mir ist bewusst, dass wir keine Maschinen sind und jede immer ihr Bestes gibt.

Im Herbst startet die WM-Qualifikation. Wie schätzen Sie die Chancen ein?
Abgesehen davon, dass wir mit England einen absoluten Kracher in die Gruppe hineingelost bekommen haben, ist der Qualifikationsmodus sehr schwierig. Wir haben neun Gruppen, und die Gruppensieger qualifizieren sich direkt. Dann gibt es nur noch zwei bis drei weitere Plätze, die sich dann alle neun Zweitplatzierten in einem mehrstufigen Play-off-Verfahren ausspielen. Natürlich wollen wir auch groß denken und nichts ist unmöglich. Aber wir müssen auch realistisch sein.

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