Der Wiener Mert Müldür (li.) verteidigt für die Türkei und eröffnet die EURO gegen Italien

© EPA/VALDRIN XHEMAJ

Interview
06/10/2021

Mert Müldür: "Wir können mit der Türkei richtig weit kommen"

Vor dem EM-Start in der Wahlheimat Italien: Der Wiener über Ziele, Sprachbarrieren und die Freude von Rapid über einen Transfer.

von Alexander Huber

Morgen um 21 Uhr geht’s los: Italien eröffnet gegen die Türkei die EM 2021. Vor dem Auftakt in Rom ist Mert Müldür als erfolgreicher Legionär bei Sassuolo ein besonders gefragter Mann. „Die vielen Interview-Anfragen sind schön. Aber ich kann nicht mit allen reden, das geht sich nicht aus“, erklärt der Wiener.

Dass sich der vielsprachige 22-Jährige für den KURIER Zeit nimmt, liegt auch an seiner Vergangenheit. Nicht nur Mama Müldür war im Medienhaus im Einsatz, sondern auch der damals knapp 16-jährige Sohn. Bescheiden wie Müldür ist, hat er erst am letzten Tag des Schulpraktikums verraten, dass ein Nachwuchsteamspieler erste Texte für den KURIER-Sport verfasst.

Weil sich der türkische Verband früher und intensiver um das Rapid-Talent bemüht hat, verteidigt Müldür für die Heimat seiner Eltern.

KURIER: Das Stadio Olimpico darf zwar nicht zur Gänze gefüllt werden, aber rechnen Sie trotzdem mit einem besonders emotionalen Start?

Mert Müldür: Ja, 16.500 Zuschauer nach eineinhalb Jahren vor leeren Tribünen sind richtig schön! Auch wenn sie alle für Italien schreien werden, freue ich mich wirklich auf die Fans. Diese Lautstärke ist uns allen abgegangen.

Wie groß ist nach einer intensiven Corona-Saison die mentale und körperliche Belastung bei der Vorbereitung auf das Turnier?

Wir hatten nach Saisonende keinen Urlaub, aber unser Teamchef Senol Günes hat das sehr gut geregelt: Die Frauen und Kinder durften mit ins Trainingslager nach Antalya kommen. Das war gut für die Stimmung. Erst danach hat es eine intensive Vorbereitung im deutschen Paderborn gegeben. Für das Eröffnungsspiel sind wir jetzt nach Rom geflogen.

Welche Ziele haben Sie sich mit der Türkei für Ihre erste EM vorgenommen?

Wir haben eine richtig, richtig starke Generation und deshalb auch große Ziele. Das Achtelfinale sollte machbar sein. Wir können auch richtig weit kommen, vielleicht sogar bis ins Semifinale. Wir haben keinen einzelnen Star, aber Spieler bei Juve, Milan, Liverpool, Leicester oder die drei französischen Meister mit Lille. Ich selbst will so oft wie möglich spielen und dann natürlich auch gut.

Sie haben mit sieben bei Rapid als Stürmer begonnen, wurden dann als Innenverteidiger ausgebildet und sind als rechter Verteidiger Stammspieler bei den Profis geworden. Sind Sie jetzt auf eine Position festgelegt?

Ja, seit meinem Transfer zu Sassuolo 2019 spiele ich immer rechts außen. Mit der Aufgabe, mich auch in die Offensive einzuschalten. Im Team kämpfe ich mit Zeki Celik von Lille um Einsätze rechts hinten im 4-2-3-1. Wenn wir weiterkommen, wird es für uns beide genug Spielzeit geben.

Sie haben ein gutes Gefühl für Sprache. Wie schwierig war es für Sie mit der Amtssprache Italienisch?

Ich bin ehrlich: Ich habe mir in den ersten Wochen wirklich schwergetan, weil in Italien Dolmetscher unüblich sind. Nach einigen Monaten hab ich dann auch die Details beim Taktiktraining verstanden. Da die Taktik in der Serie A so wichtig ist, hab ich erst ab dann mehr Einsätze bekommen. Jetzt, nach zwei Jahren, kann ich auf Italienisch auch wegen Details beim Trainer nachfragen.

Es war also ziemlich mutig, mit 20 Jahren allein nach Italien zu wechseln?

Ich war überrascht, weil ich gedacht habe, dass es den Spielern leichter gemacht wird. Aber es gibt ohne Dolmetscher diesen indirekten Zwang, möglichst schnell die Sprache zu lernen. Ich habe gleich erkannt, dass ich auf dem Feld wirklich exakt das befolgen muss, was der Trainer vorgibt und deswegen alles von ihm verstehen muss. Im Rückblick war mein Transfer der richtige Schritt.

Sie werden bei einigen größeren Vereinen als Einkauf gehandelt, obwohl Sassuolo mindestens 15 Millionen Euro Ablöse will. Wissen Sie, dass ein Transfer in Hütteldorf für Freude sorgen würde, weil Rapid an einem Weiterverkauf beteiligt wäre?

Nein, ich habe zwar zu vielen Spielern Kontakt und habe mich über die beiden zweiten Plätze sehr gefreut, aber von der Beteiligung wusste ich nichts. Das Entscheidende ist, dass Sassuolo mit einem Verein, der auch für mich passt, eine Einigung über die Ablöse erzielt. Den Rest erledigt mein Manager Max Hagmayr. Wenn ich mal wechsle und dann Rapid noch extra Geld bringen kann, freut mich das umso mehr.

Sie leben in einer Region, die sehr früh stark von Corona betroffen war. Wie haben Sie das erlebt?

Es war speziell am Anfang eine schreckliche Zeit. Italien, besonders der Norden, wurde richtig hart getroffen. Ich wusste auch nicht, wie ich mit den langen Schlangen vor den Lebensmittelgeschäften umgehen soll. Keiner hat gewusst, wie gefährlich das alles ist. Mittlerweile hat sich die Lage stark geändert. Ich spüre, dass keiner mehr mit dieser Pandemie leben will. Die Leute wollen das alles nicht mehr, sondern ihr früheres Leben zurück.

Wie groß ist die Sehnsucht nach Ihrer Heimat Wien?

Sehr groß! Eines ist klar: Wenn ich nach der EM einen Urlaub bekommen sollte, reise ich sofort nach Wien. Ich war – auch wegen Corona – schon lange nicht mehr in Wien und freue mich sehr auf Wiedersehen mit Verwandten, Freunden und Rapidlern.

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