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Sport | Fußball
05/31/2019

Fünffacher CL-Sieger Costacurta: "Wir haben uns zurückgelehnt"

Alessandro Costacurta, Legende des AC Milan, spricht über die Krise des italienischen Fußballs.

Er weiß ganz genau, wie man als Fußballer die Champions League gewinnt. Nicht weniger als fünf Mal hat er den großen Pokal in die Höhe stemmen dürfen mit dem AC Milan, zu dieser Zeit die beste Mannschaft der Welt. In der Fußball-Historie ist das bisher insgesamt nur zehn Spielern gelungen.

Alessandro Costacurta präsentierte sich vergangene Woche in Klagenfurt trotz seiner großen Erfolge als bodenständiger und smarter Typ. Die 53-jährige Legende des AC Milan war zu Gast, um die bevorstehende Unter-21-EM in Oberitalien zu bewerben, an der auch das ÖFB-Team teilnimmt. Costacurta ist der Vorsitzende des regionalen Organisationskomitees und voll des Lobes für die österreichische Auswahl, die er beim 0:0 im März gegen seine Italiener genau unter die Lupe genommen hatte.

Der ehemalige Weltklasse-Verteidiger gab sich smart und höflich, tauschte sich mit U-21-Teamchef Werner Gregoritsch aus, plauderte mit ÖFB-Präsidenten Leo Windtner. Und nahm sich auch für den KURIER etwas Zeit für einen verbalen Doppelpass.

KURIER: Wenn Sie die Entwicklung des Fußballs in den letzten 20 Jahren betrachten, welche sind denn die offensichtlichsten Unterschiede für Sie?

Alessandro Costacurta: Eindeutig die physische Komponente. Die Spieler von heute sind schneller, stärker, dynamischer als wir es damals waren. Es gibt viele exzellente Spieler, aber individuelle Klasse hat es auch damals gegeben, wenn man all die Superstars betrachtet. Auch die taktische Organisation ist wichtig, war sie damals aber genauso.

 

Ein gravierender Unterschied liegt aber in der Vereinstreue. Sie spielten Ihre ganze Karriere bei Milan. Heute wechseln viele Spieler öfter den Verein als die Unterhose.

Ja, das ist natürlich ein Unterschied, aber das will ich gleich ein wenig einschränken: Ich hatte einfach Glück. Ich bin in Mailand aufgewachsen und spielte dann im Nachwuchs von AC Milan. Und als ich Profi wurde, war Milan das beste Team der Welt. Warum hätte ich wechseln sollen? Heute kann man das am Beispiel Messi fragen. Warum sollte er Barcelona verlassen? Aber grundsätzlich ist es heute einfach leichter, den Verein zu wechseln, weil alles viel kommerzieller geworden ist. Fußball ist als Business so groß wie nie zuvor.

Blicken Sie auf den italienischen Fußball. Die Serie A war einst das Schlaraffenland, in das alle Superstars kamen. Heute hat nur noch Juventus Weltklasse-Niveau. Was ist passiert?

Das stimmt, der Unterschied von Juve zu den anderen Klubs ist zu groß. Lassen Sie mich ein Beispiel nennen.

Gerne.

Während meiner langen Zeit bei Milan war Silvio Berlusconi der Präsident und große Boss. Er schaute sich immer die Liste der Weltfußballer an. Dort las er dann die Namen Van Basten, Gullit, Rijkaard, Savicevic. Savicevic? Spielt der für uns? Nein? Dann holen wir ihn! So war er, er wollte immer nur die Besten haben. Milan, Inter und Juventus waren die reichen Klubs. Das hat sich geändert, die reichen Vereine in Europa gibt es heute in England, Spanien oder auch in Deutschland.

Warum hat Italien den Anschluss an die Spitze verloren?

Nach dem WM-Titel 2006 dachten wir, dass die italienischen Methoden die besten seien. Wir haben uns zurückgelehnt, einfach kein Upgrade gemacht und nicht auf die Zukunft geblickt. Wir sind schlicht und einfach stehen geblieben und hinken heute hinterher.

Kann der Wechsel von Cristiano Ronaldo zu Juventus dauerhaft die Serie A heben und weitere Stars anlocken?

Das kann schon sein. Aber noch wichtiger ist, dass die Vereine in der Liga selbst ihr Niveau anheben. Die Serie A als Ganzes muss besser werden. Milan, Inter, Napoli müssen auf Juventus aufholen und ernsthafte Konkurrenten werden. Nur so wird die ganze Liga stärker.

Sie haben zuletzt auch das Fan-Problem angesprochen.

Ja, weil es für mich ein Hauptproblem des italienischen Fußballs ist. In den Stadien herrscht eine negative und aggressive Mentalität. Wir haben ein echtes Problem mit Rassismus, die Gegner werden zu oft als Feinde betrachtet und behandelt.

Ist das ein soziales Problem?

Ich denke schon, dass viele Fans ihre Alltags-Probleme mit ins Fußball-Stadion nehmen und dann dort ihren Frust loswerden.

 

Kommen wir zu AC Milan. Der Klub ist weit weg von der früheren Größe. Blutet Ihr Herz?

Natürlich, aber es tut mir für Trainer Gennaro Gattuso leid, meinem früheren Mitspieler. Der Kader von Milan ist nicht gut genug, um fix in der Champions League eine Rolle zu spielen. Juventus, Inter und Napoli sind derzeit einfach besser als Milan, Atalanta Bergamo ist die große Überraschung dank des Trainers Gasperini, der dem europäischen Trend folgt. Für mich ist er neben Conte und Ancelotti der beste Trainer derzeit in Italien.

Sie haben bei Milan mit so vielen Weltfußballern gespielt. Können Sie dennoch einen hervorheben? Vielleicht Van Basten?

Ja, da stimme ich überein, er war einfach der kompletteste Stürmer. Ich habe aber mit neun Gewinnern des Ballon d’Or (Anm. Weltfußballer) zusammenspielen dürfen. Und mit Pirlo, Baresi und Maldini, die alle drei erstaunlicherweise diesen Preis nicht gewonnen haben.

War der Spielstil Ihres Trainers Arrigo Sacchi eine Revolution?

Absolut. Es war wahrscheinlich der Beginn des modernen Fußballs mit dem Pressing, das wir heute sehen. Aber es war nicht nur für mich eine Revolution, sondern für den gesamten europäischen Fußball. Davor hat es Ajax Amsterdam mit Johan Cruyff gegeben, das ähnlich prägend war. Sacchi war für mich ein Genie, ein wenig verrückt, aber einfach genial.

Sie sind einer von zehn Spielern, die die Champions League fünf Mal gewonnen haben. Wie geht es Ihnen, wenn Sie sich in den Spiegel schauen?

Ach, ich hatte einfach nur Glück, dass ich in dieser Mannschaft spielen durfte. Ich war sicherlich gut, aber diese Mannschaft war einfach sensationell.