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Sport Fußball
09/09/2019

EM-Quali-Gegner Polen: Träumerei, Fassaden und Tiefpunkte

Das ÖFB-Team gastiert heute in Polen. Dort ist der Fußball immer ein Streitthema. Kritiker nehmen sich kein Blatt vor den Mund.

von Bernhard Hanisch, Radoslaw Zak

Die Turbulenzen der Geschichte haben dem Kulturpalast nichts anhaben können. In den 1950ern als Zwangsbeglückung der Sowjetunion errichtet, nimmt sich der Zuckerbäckerbau nun heraus, würdevolles Wahrzeichen von Warschau zu sein. Oder begnügt sich an einem sonnigen Samstagnachmittag damit, als mächtige Kulisse für ein Straßenfußball-Turnier herzuhalten. Eng ist der Raum, auf dem zu Gunsten der Obdachlosenhilfe für den guten Zweck gekickt wird. Hart, einsatzfreudig, kein Platz bleibt für Spielereien.

Der Mann, der an der Bande lehnt, trägt die Nummer acht auf dem Rücken. Er und sein Team haben sich dafür entschieden, im polnischen Nationaltrikot aufzutreten. Mit allem, was dazu gehört, weiß und rot, der Adler als Wappentier ist Herzensangelegenheit. Nationaler Stolz lässt sich nicht verbergen, "auch wenn Polen am letzten Freitag in Slowenien echt mies gewesen ist".

Keine Chancen, kein Wille, Robert Lewandowski, der stürmende Star, ein Schatten seiner selbst. Aber am Ende werde es reichen. Für den Gruppensieg in der EM-Qualifikation und gegen Österreich am Montag (20.45 Uhr) höchstwahrscheinlich auch. "Und ich kenne sogar einen Österreicher. Den, der mit Lewandowski bei Bayern spielt. Wie heißt er noch gleich?"

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Es wird ernster. Probleme im polnischen Fußball? In der Liga? Zu viel Patriotismus? Hooligan-Attacken gegen Schwule und Lesben? Noch bevor sich die Nummer acht dazu äußern kann, wird ihm von seinem Torhüter das Sprechverbot ins Ohr geflüstert. "Ich darf nicht mehr reden", sagt er. Warum?

Schulterzucken.

Unzerstörbar bleibt die Prestigeträchtigkeit, wenn Polens Basketballer die Russen aus dem aktuellen WM-Turnier schmeißen, doch sonst behauptet sich der Fußball mit all seinen positiven und negativen Begleiterscheinungen als klare Nummer 1 im Land.

Die Polen lieben ihre Nationalmannschaft sowieso, sogar ihre Liga, die sich selbstbewusst Ekstraklasa nennt, von manchen mehr oder weniger liebevoll bezeichnet als "Scheiße, die als Gold verkauft wird". Kameras überall, sie transportieren Glück und Frust aus Spielergängen und Kabinen. Umrahmt von meist moderner Infrastruktur, hervorragend vermarktet, auf mehreren TV-Sportkanälen und im Internet von richtigen und selbsternannten Experten bis ins kleinste Detail diskutiert und analysiert, erhält die Liga eine Wichtigkeit, die ihr im internationalen Vergleich eigentlich nicht zusteht. Kein polnischer Verein hat sich in den letzten drei Jahren in der Gruppenphase eines europäischen Bewerbs blicken lassen.

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Geschichtsträchtig

Und wie ein Fingerzeig aus der Vergangenheit wurde in der Saison 2018/’19 ausgerechnet die Mannschaft aus Gliwice zum ersten Mal Meister. Jene Stadt, in der vor genau 80 Jahren als polnische Widerstandskämpfer getarnte SS-Männer die Sendestation überfielen, um einen Vorwand für den Angriff auf Polen zu schaffen. Ein Thema, an dem man in Warschau in diesen Tagen ohnehin nicht vorbeikommt. In der wiederaufgebauten Altstadt konfrontieren zahlreiche Informationsschilder die Touristen mit den Gräueln des Zweiten Weltkriegs und der deutschen Besatzung.

Ortswechsel. Krzysztof Stanowski wartet im nördlich gelegenen Warschauer Stadtteil Zoliborz in einem kleinen Stadion, das schon bessere Zeiten erlebt hat. Die Tribünen sind mit Graffiti besprüht und von Unkraut übersät. Der 37-Jährige ist Gründer des populären Online-Portals weszlo und einer der einflussreichsten Fußball-Journalisten im Land, knapp 240.000 Menschen folgen ihm auf Twitter. Er hat mit dem KTS Weszlo 2018 auch einen neuen Klub gegründet.

Bekannt ist er dafür, sich kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Was denn den Hauptunterschied zur österreichischen Liga ausmache? "Im Gegensatz zu Österreich redet sich die polnische Liga selbst ein, dass sie stark ist. Aber in Wirklichkeit ist sie arm und schwach."

In Polen existiere kein Vorzeigeklub wie Red Bull Salzburg. "Nur wenige Vereine stellen Leute ein, die sich mit Fußball auskennen. An den Fingern einer Hand kann man abzählen, wie viele Sportdirektoren es gibt, die Trainer werden per Zufall gewählt. Es fehlt das längerfristige Denken, wie es eigentlich funktionieren sollte."

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Stanowski ist in seinem Element und längst im unaufhörlichen Redefluss. Dieser führt ihn geradewegs zum schwachen Niveau der Liga. "Wir wühlen im Müll. Zu uns kommen Legionäre aus drittklassigen Ligen und sind hier die Stars. Das ist beunruhigend."

FBL-EURO-2020-QUALIFIER-SLO-POL

Aushängeschild ist und bleibt das Nationalteam mit seinen zahlreichen Legionären aus starken europäischen Ligen. Stanowski kritisiert allerdings nach der 0:2-Pleite in Slowenien, dass das Potenzial bei weitem nicht genutzt werde: "Wir hätten durchaus auch die vorangegangenen Spiele verlieren können. Die Gegner waren so schwach, dass es unmöglich war, nicht zu gewinnen. Wir haben niemanden in die Knie gezwungen."

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Planlos

In Polen wird unterdessen die Kritik am Teamchef und einstigen Österreich-Legionär Jerzy Brzeczek wieder lauter. Ex-Nationaltorhüter und Champions-League-Gewinner Jerzy Dudek vermisste im Spiel gegen Slowenien "einen wirklichen Plan". Stanowski pflichtet ihm bei: "Um momentan eine Vision oder einen Stil zu erkennen, müsste ich mich sehr anstrengen und mich selbst belügen. In den letzten sechs Spielen habe ich keine Halbzeit gesehen, wo ich sagen würde, genau so muss das sein."

Die Qualifikation für die EM 2020 werde Polen wohl schaffen. Und danach? "Nach jetzigem Stand sind wir absolut nicht bereit für die Europameisterschaft."