Sind wir nicht alle Piraten? Millionen von Fußballfans sympathisieren mit St. Pauli

© APA/AFP/ODD ANDERSEN

Sport Fußball
03/01/2021

Das Phänomen FC St. Pauli

Der HSV kommt zum Stadtderby in der 2. Liga. Warum St. Pauli nicht den großen Erfolg benötigt, um weltweit Beachtung zu finden.

von Alexander Huber

Hamburg ist einzigartig. Es gibt keine andere Großstadt, die so viel Wohlstand und Fußball-Tradition zu bieten hat, aber trotzdem keinen Verein in der obersten Spielklasse stellt. Dementsprechend wichtig wird das Stadtderby am Montag-Abend (20.30 Uhr) genommen. Der große HSV (sechs Meistertitel, zwei Europapokalsiege) kämpft wieder einmal um den Wiederaufstieg in die Bundesliga und ist beim kleinen FC St. Pauli (zuletzt vor zehn Jahren erstklassig) am Kiez zu Gast.

Die Sympathien sind nicht so eindeutig verteilt wie das Geld. Vor allem international erfreut sich St. Pauli größerer Beliebtheit, als es für einen Zweitligisten logisch erscheint.

Rettung durch die Fans

Der Klub mit der ungewöhnlichen braunen Trikotfarbe kämpfte in der dritten Liga gegen den Finanzkollaps, als eine Studie elf Millionen Sympathisanten auswies. Mit Humor wurde an der Rettung gearbeitet, wie die zigtausendfach verkauften Leibchen mit der Aufschrift Weltpokalsiegerbesieger (in Erinnerung an einen Sieg gegen die Bayern) zeigten.

Der Wiener Heinz Weber, der 2000/’01 am Millerntor im Tor stand, erzählte: „Bei St. Pauli sitzt die Prostituierte zwischen dem Manager und dem Studenten auf der Tribüne.“

Als sich die Bezeichnung „Kultklub“ durchgesetzt hatte, begründete das der damalige Präsident Corny Littmann (ein homosexueller Theatermacher) 2006 in einem KURIER-Interview so: „Weil wir der kreativste und fantasievollste Verein in Deutschland sind und weil wir der einzige dezidiert anti-faschistisch und anti-rassistisch organisierte Klub sind.“ Ein Blick über die Grenzen zeigt, dass der als Ehrentitel vergebene „Kult“ stärker mit den Fanszenen als mit dem Erfolg der Vereine zusammen hängt (siehe unten).

Wenn der Abstieg verhindert wird, sind die (derzeit ausgesperrten) Anhänger schon glücklich. Zwei österreichische Neuzugänge sorgen dafür: In den jüngsten sieben Spielen gab es sechs Siege. Guido Burgstaller betont: „Mir war immer wichtig, für Traditionsvereine zu spielen.“ Das funktionierte schon bei Rapid, Nürnberg und (bis auf die letzte Saison) Schalke.

Lust auf mehr

An der Reeperbahn sorgte der 31-Jährige für einen Torrekord: sieben Partien mit Treffern in Folge – das hat beim Verein mit dem Totenkopf noch keiner geschafft.Dejan Stojanovic, geborener Vorarlberger, kam über Stationen in Italien, der Schweiz und England ans Millerntor.

Die Nr. 1 sagt zum Kultfaktor: „Ich habe das schon in meiner kurzen Zeit bei St. Pauli gespürt: Es menschelt und es wirkt alles ein wenig familiärer als bei meinen Ex-Vereinen.“

Der 27-Jährige vermutet: „Die spezielle Zugkraft dürfte auch am Politischen liegen, nicht nur an unseren Leistungen.“

Stojanovic hofft, die Fanszene bald in Action erleben zu können: „Ich weiß, dass das Millerntor normal ausverkauft ist, ich kenne aber nur das leere Stadion. Die Erzählungen von der Stimmung machen Lust auf mehr.“

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