Martin Harnik

© DIENER/EM

EURO 2016
06/15/2016

Woran es gegen Ungarn haperte

Der EURO-Auftakt ging in die Hose. Warum?

von Andreas Brandt

0:2 gegen den vermeintlich leichtesten Gruppengegner verloren, den Auftakt in die EURO völlig verpatzt: Die österreichischen Nationalspieler wollen den Dienstagabend so schnell wie möglich hinter sich lassen. Die Augen sind nach der Auftaktpleite bereits auf Samstag-Gegner Portugal gerichtet. Die ÖFB-Kicker sind sich bewusst, gegen Cristiano Ronaldo und Co. einen Gang zulegen zu müssen, sonst könnte die erste Turnierteilnahme seit der Heim-EM 2008 schnell vorbei sein. Sehr schnell.

"Der Kopf wird nicht in den Sand gesteckt", betonte Kapitän Christian Fuchs. "Es war das erste Spiel. Es sind noch zwei, da werden wir alles probieren. Aber ich bin ein Verfechter davon, dass wir jetzt nicht alles schlechtreden. Wir haben eine engagierte Leistung gebracht. Deswegen müssen wir uns auf das nächste Spiel fokussieren und mit neuem Mut gegen Portugal antreten."

Gegen die Ungarn sei "schlichtweg viel zusammengekommen". Nämlich:

Nervosität

Wurde in den vergangenen Tagen immer wieder die Lockerheit der ÖFB-Spieler angepriesen, so war ihnen im Auftaktspiel die Nervosität deutlich anzumerken. Kaum ein Spielzug wollte gelingen, selbst den routiniertesten Spielern unterliefen haarsträubende Fehler. Von Lockerheit auf dem Spielfeld war nach einer guten ersten Viertelstunde keine Spur. "Grundsätzlich waren wir zu nervös", kritisierte Teamchef Marcel Koller. "Wir hatten zu viele Ballverluste, die ich so nicht kannte." Warum sich bei seinen international erfahrenen Kickern auf einmal Nervosität breitmachte, war dem 55-Jährigen selbst ein Rätsel. Möglicherweise sei die Teilnahme an einem großen Turnier doch etwas anderes, als regelmäßig auf Vereinsebene in Top-Ligen zu spielen. "Beim einen oder anderen war Hektik drin", sagte Koller.

Passspiel

Eine Folge des nervösen und hektischen Spiels der Österreicher: Viel zu viele Pässe wurden nicht an den Mitspieler gebracht. "Wir konnten nie über mehrere Stationen unser Kombinationsspiel aufziehen. Wir hätten mehr Ruhe in unseren Aktionen gebraucht", analysierte Koller nach dem Spiel. Zu Recht, wie die Statistik untermauert. Von 427 gespielten Pässen erreichten nur 263 einen Mitspieler.

Formschwäche

"Wir sind nicht zufrieden mit unserer Leistung. Wir haben als Mannschaft nicht gezeigt, was wir schon gezeigt haben", sagte Offensivspieler Martin Harnik. Das galt auch für ihn selbst. "Ich habe nicht so ins Spiel gefunden, wie ich es mir vorgestellt habe, habe aber auch wenige Bälle bekommen, vor allem in die Tiefe." Der Deutschland-Legionär läuft seiner Form nicht erst seit gestern hinterher. Auch in der deutschen Bundesliga und in den Vorbereitungsspielen enttäuschte er. Von Marcel Koller bekam er dennoch den Vorzug gegenüber Marcel Sabitzer oder Alessandro Schöpf. Ähnlich verhält es sich im Fall von Marc Janko. Der Stürmer hat nach seiner Verletzungspause noch nicht wieder zu seiner Form gefunden. Aufgrund ihrer Verdienste um das Team und speziell in der starken Qualifikation durften die beiden dennoch von Beginn an ran.

Totalausfälle

Verteidigung, Mittelfeld, Angriff - in jedem der drei Mannschaftsteile gab es vom KURIER für einen Spieler die Note "Nicht genügend". Abwehrchef Aleksandar Dragovic spielte fehlerhaft, hatte mit dem großen Adam Szalai seine liebe Müh'. Im Mittelfeld erwischte es Martin Harnik, im Angriff den völlig abgemeldeten Marc Janko.

Der Gegner

Wer Marcel Koller kennt, der weiß, dass er im Vorfeld viele Spiele der Ungarn auf Video angeschaut, analysiert und seine Spieler auf den Gegner akribisch vorbereitet hat. Und dennoch hatte es den Anschein, als wären einige der Österreicher von der aggressiven, teils harten und in jedem Fall unangenehmen Spielweise des Nachbarn überrascht gewesen. Dem Team des deutschen Teamchefs Bernd Storck gelang es, den Österreichern die Schneid abzukaufen. Ungarn hatte den besseren Matchplan, brachte seine Stärken auf den Platz. Und: Sie spielten offensiver als erwartet, setzten im Spiel nach vorne immer wieder Nadelstiche und verschenkten die Bälle deutlich weniger leichtfertig als die Österreicher.

Chancenverwertung

Mit dem Stangenschuss von David Alaba war man dem optimalen Turnierauftakt ganz nah. Während bei dieser Aktion schlicht das Glück fehlte, hätte man in anderen Situationen deutlich mehr aus den sich ergebenden Möglichkeiten machen können. So spielte Arnautovic nach einem der wenigen schönen Angriffe in der ersten Halbzeit einen schwachen Stanglpass zur Mitte, den Janko gar nicht und Harnik nur sehr schwer erreichen konnte. So schossen Junuzovic und Alaba aus aussichtsreichen Positionen zu zentral aufs Tor. So vergab Sabitzer nach perfekter Vorlage kläglich. Auch Christian Fuchs, der vor dem ersten Gegentreffer das Abseits aufgehoben hatte, sah vor allem in der Chancenverwertung Steigerungsbedarf. Nach der EM-Generalprobe gegen die Niederlande (0:2) blieb das ÖFB-Team zum zweiten Mal in Serie ohne Torerfolg. "Die Effizienz, die wir vermissen haben lassen, die muss besser werden", meinte der Linksverteidiger vom englischen Meister Leicester City.

Einseitigkeit

Ungeduld

"Wir waren ein bisschen übermotiviert, speziell mit dem Ball", meinte Harniks Stuttgart-Kollege Florian Klein. "Wir wollten zu oft gleich den entscheidenden Pass spielen. Das war zu gierig." Die Einstellung habe gepasst, die Umsetzung nicht. "Wir müssen konzentrierter und ruhiger agieren. Wenn wir die Eigenfehler nicht abstellen, wird es schwierig."

Schwierig wird es sicher, denn nach der Niederlage gegen Ungarn ist die Situation eine äußerst unkomfortable. Gewinnt am zweiten Spieltag der Gruppe F jeweils der Favorit, nämlich Portugal gegen Österreich und Island gegen Ungarn, ist die Chance auf das Achtelfinale schon am Samstagabend dahin. Warum? Weil Österreich dann selbst im Falle eines Sieges über Island im letzten Spiel nur drei Punkte hätte. Diese drei Punkte hat Ungarn jetzt schon. Und zudem im direkten Vergleich mit Österreich - es zählt nicht das Torverhältnis - die Nase vorn.

KURIER-Noten für die Teamspieler

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