Französischer Botschafter: "Die EM ist eine Klammer"

Pascal Teixeira da Silva
Foto: KURIER/Franz Gruber Frankreichs Botschafter Teixeira da Silva an seiner Wirkungsstätte in Wien

Was Monsieur Teixeira da Silva vom Fußball und dem möglichen EM-Titel hält.

Frankreich war und ist ein guter Gastgeber dieser EM. Pascal Teixeira da Silva auch. Der französische Botschafter in Wien hat an vielen Spieltagen in seine noble Unterkunft geladen. Und er wird es am Finaltag mit besonderer Freude wieder tun. Sportliche Auseinandersetzungen in gemütlicher Atmosphäre. "Es ist wichtig, dass man den Fußball nicht alleine erlebt", meint Teixeira da Silva. Was der Botschafter vom Fußball hält, was er über die aktuelle Situation in seinem Heimatland denkt und warum er sich um den Posten in Österreich beworben hat.

KURIER: Die Frage ist berechtigter als je zuvor: Wird Frankreich Europameister?

Teixeira da Silva: Das wünsche ich mir und uns Franzosen. Aber ich weiß, eine Mannschaft kann auf dem Papier besser sein und sie gewinnt trotzdem nicht. Im Fußball hat es der Favorit schwerer als beispielsweise im Handball oder Basketball, wo es mehr Tore und Punkte zu vergeben gibt. Ich bin kein großer Spezialist und Kenner, denke jedoch, Fußball ist nicht so vorhersehbar. Das ist seine Besonderheit.

Beschreiben Sie bitte trotzdem Ihr persönliches Verhältnis zum Fußball. Interessieren Sie sich überhaupt dafür?

Schauen Sie, meine persönlichen Vorlieben sind da gar nicht wichtig. Ein Botschafter muss sich für alles interessieren. Er hat einen vielfältigen Job. Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport, Sicherheit oder Erziehung. Und wenn man nicht neugierig ist, den Standpunkt, die Leidenschaft der anderen zu verstehen, ist man für den Job nicht geeignet. Selbstverständlich betrifft dies auch den Fußball, der sehr interessant sein kann.

Was meinen Sie damit konkret?

TOPSHOT-FBL-EURO-2016-FANS Foto: APA/AFP/GEOFFROY VAN DER HASSELT EM-Feier: 'Der Fußball bringt provisorische Entspannung' Man redet viel über die Krise der nationalen Identität, die Globalisierung, die Integration in Europa, weshalb die national-populistischen Reaktionen kommen. Die EM ist ein Wettbewerb, der den Menschen vermittelt, ein gemeinsamer Kontinent zu sein, und bei dem sie trotzdem ihren nationalen Stolz ausleben können. Auf friedliche Weise. Es gibt am Ende einen Pokal, und es ist keine Frage von Leben und Tod.

Die EM neigt sich dem Ende zu. Fast vier Wochen stand Frankreich im Fokus. Nach anfänglichen Problemen mit Gewalttätern gestaltete sich die Außendarstellung durchwegs positiv. Wie wichtig ist Ihnen das medial transportierte Image?

Das ist sehr wichtig für uns. Schließlich schaut ganz Europa auf Frankreich, auf ein Land, das für die Sicherheit der Menschen verantwortlich ist. Herausforderungen gab es viele, zuerst der Terror, dann die Demonstrationen, das Problem mit den Hooligans, die Streiks. Ich glaube, man hatte bisher alles gut im Griff.

1998 hatte man den Eindruck, der WM-Titel der Franzosen, gewonnen von einem Multi-Kulti-Team, eine die Nation. Black-blanc-beur wurde zum Ausdruck für die unterschiedlichen Hautfarben und Ethnien. Ist Frankreich wieder gespalten?

Es war damals tatsächlich so, dass es begabte Spieler aus Gegenden mit schwieriger sozialer und wirtschaftlicher Situation geschafft haben. Aber nicht alle werden Stars. Klar ist: Der Fußball hilft, er kann jedoch die Probleme der Integration nicht lösen. Man sollte die Rolle des Fußballs diesbezüglich nicht überschätzen.

Welchen Effekt wird die EM für Ihr Heimatland haben?

Eine Magie geht vom Fußball jedenfalls aus: Man vergisst für vier Wochen die Probleme, es herrscht Zusammenhalt, ein Gemeinschaftsgefühl. Die EM ist eine Klammer. Doch die Probleme bleiben natürlich. Die ständigen Wandlungen durch die wirtschaftlichen Veränderungen, den technischen Fortschritt und die Globalisierung erzeugen bei den Leuten Angst. Sie fürchten um die Zukunft, um ihre Jobs. Das macht die Einwanderung, das Zusammenleben verschiedener Religionen und Kulturen, nicht leichter.

Ein EM-Titel wäre aber vielleicht die Gelegenheit, eine positive Wende einzuleiten...

Es könnte schon zu einer provisorischen Entspannung kommen. Denn es gab in der Vergangenheit zu viele schlechte Nachrichten. Doch im August kommen die Ferien, der Alltag kehrt wieder ein – und danach wird schon der Präsidentschaftswahlkampf beginnen.

Besonders in Frankreich wird durch seine geschichtlich bedingte Vermischung der Völker und Migrationshintergründe noch viel zu lösen sein.

Das ist für Frankreich ja nichts Neues. Ein Land als ehemaliges Kolonialreich, das noch immer mehrere Überseeterritorien hat. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts setzten Einwanderungswellen ein, um unsere demografischen Schwächen auszugleichen. Zuerst aus unseren Nachbarländern, nach dem zweiten Weltkrieg auch aus Spanien und Portugal, wie zum Beispiel mein Vater. Dann natürlich aus den ehemaligen Kolonien, aus Nordafrika. Oder auch aus Indochina oder China. In Frankreich leben allein 500.000 Chinesen oder Franzosen mit chinesischen Wurzeln. Ein Viertel der Franzosen hat zumindest einen Großelternteil ausländischer Herkunft. Ja, Frankreichs Geschichte der Zuwanderung ist die längste, die Probleme sind aber ähnlich wie in anderen Ländern Europas auch.

Der größte Fehler war, vor allem die Menschen aus den Maghreb-Staaten und anderen afrikanischen Ländern in Vorstadtvierteln, den Banlieues, zu konzentrieren?

Ja, das war ein Fehler, der schon vor 40, 50 Jahren begann. Diese Menschen wurden nicht als Mitbürger wahrgenommen, und das war der Beginn einer Negativspirale, die sich jetzt bemerkbar macht. Spannungen, die zur Meinung führen, die Zuwanderer nähmen den Franzosen die Arbeit weg. Viele behaupten, wir befänden uns in einer Krise, die 30 Jahre dauert. Aber es gibt keine Krise, die 30 Jahre dauert. Übersehen werden eben die rasanten Wandlungen der Wirtschaft, der Technologien und deren Konsequenzen. Dabei werden oft die Migranten verantwortlich für alle Probleme gemacht, zum Sündenbock gestempelt. Auch das ist aber kein speziell französisches Problem.

Wie auch der Vormarsch der Rechtspopulisten. Was trauen sie dem Front National noch zu?

Das System mit zwei großen Parteien, wie in Frankreich einerseits den Republikanern und anderseits den Sozialdemokraten, ist nicht mehr existent. So wie in Österreich die FPÖ ist in Frankreich der Front National Bestandteil des Spektrums. Zu je einem Drittel. Eine Möglichkeit für die traditionellen Parteien wird sein, mit diesen dritten Kräften zu regieren. Das macht dieses politische Spiel kompliziert. Es ist eine große Herausforderung für die traditionellen Parteien. Ich denke, in Frankreich ist ein Bündnis mit dem Front National höchst unwahrscheinlich.

Was hat Sie so gereizt, als Botschafter nach Österreich zu kommen?

Deutsch war in der Schule meine Fremdsprache. Ich habe als Botschaftsrat schon den Mauerfall in Deutschland miterlebt, und ich wollte wieder in ein deutschsprachiges Land. Ich bin kein Spezialist für Afrika oder die arabische Welt, mich interessiert vor allem die Zukunft Europas. Hier spürt man die Dichte der Geschichte und der Kultur. Und wer klassische Musik liebt, ist in Österreich in einem Paradies. Aus all diesen Gründen wollte ich nach Österreich. Das Ministerium hat meinen Wunsch erfüllt, das ist ja nicht immer so.

Und wie beurteilen Sie die Stimmung in Österreich?

Ich war zuvor in Portugal, als dieses Land finanziell erstickt war und um finanzielle Hilfe Europas gebeten hat. Österreich ist im Vergleich wohlhabend. Vielleicht sind sich die Österreicher dessen manchmal nicht so bewusst und überschätzen etwas ihre Schwierigkeiten.

(kurier) Erstellt am
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