Die Türkische Riviera mit Antalya, Alanya und Marmaris ist Ziel vieler Sommertouristen

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Reise
07/09/2019

Urlaub in der Türkei: Darf ich, kann ich, soll ich?

Viele sind ob der politischen Lage verunsichert. Kann man Urlaub in der Türkei buchen? Ein Experte nähert sich der Antwort auf diese Fragen.

von Caroline Kaltenreiner

Für Aufsehen sorgten vor wenigen Wochen Veranstalter, als sie verkündeten: Last-Minute-Urlaub sei zurück gekehrt. Zwar gebe es auch Kontingente für kurzfristige Griechenland- und Spanienreisen, aber die größten Schnäppchen lassen sich in der Türkei schlagen. Nach dem Putschversuch 2016 und mehreren Terroranschlägen sind die Buchungen in das beliebte Urlaubsland dramatisch zurückgegangen. Seitdem hofft die Reisebranche Jahr für Jahr auf ein Comeback der Türkei, doch die Verunsicherung ist bei vielen Reisenden noch immer groß. Sie fragen sich: Darf, kann oder soll ich Urlaub in der Türkei machen?

Der Preis spricht jedenfalls dafür. Nicht nur, dass die Angebote in die Türkei verhältnismäßig günstig sind, auch die Kosten vor Ort sind viel niedriger als anderswo. Einer aktuellen Urlaubseuro-Auswertung der Bank Austria zufolge entsprechen 100 Euro in Österreich etwa 219 Euro in der Türkei – zum Vergleich: in Griechenland sind es 127 Euro. Gerade für Familien ist das ein Argument. Wer ins Reisebüro geht, bekommt schon ab 1.800 Euro einen Familienkomplettpreis inklusive Flüge.

Aber wie steht es um die Sicherheit? Immer wieder hört man von Menschen, häufig Journalisten, die bei der Einreise in die Türkei festgenommen wurden. Muss man sich als „einfacher Urlauber“ deswegen Sorgen machen? Cengiz Günay ist stellvertretender wissenschaftlicher Direktor des Österreichischen Instituts für Internationale Politik. Er bemüht sich um eine differenzierte Antwort: „Leider muss man sagen, dass die Situation der Demokratie in der Türkei nicht ideal ist. Es ist eine neue Form des autoritären Systems – eine Grauzone zwischen einem klassischen autoritären System und der liberalen Demokratie. Es wird nicht jeder eingesperrt, der den Mund aufmacht, im Moment schimpfen sogar sehr viele über die Regierung. Touristen, die sich kritisch äußern, müssen sich nicht fürchten, aber es gibt aus Sicht der Regierung Reizthemen. An einer prokurdischen Demo sollten sie eher nicht teilnehmen.“ Es sei Teil des Systems, Ungewissheit und Unvorhersehbarkeit zu schüren – ein sehr komplexes System mit vielen Widersprüchen, das die Verunsicherung bei Einheimischen und Touristen verstärkt.

Eine Frage der Moral

Die grundsätzliche Frage, ob man in ein Land mit autoritärem System reisen darf, muss letztlich jeder für sich beantworten. Auch, wo man persönlich die Grenze zieht, denn die Türkei ist nicht das einzige Urlaubsland, das ein fragwürdiges politisches System hat, wie der Experte betont: „Dann muss man sich die Frage auch für Polen, Ungarn, Ägypten oder derzeit auch für Thailand stellen.“

Natürlich gibt es einen Unterschied, in welche Region die Reise geht. „In einer klassischen Urlaubsdestination wird der Tourist keinen Unterschied zu Spanien oder Griechenland ausmachen, man sieht auch nicht mehr Polizei. In Südostanatolien an der syrischen Grenze ist die Situation anders“, sagt Günay.

Die aktuelle Bürgermeisterwahl in Istanbul, aus der Oppositionskandidat Ekrem Imamoglu als Sieger hervorging, sei jedenfalls ein wichtiges Signal für eine Trendwende und ein Lebenszeichen für eine Demokratiebewegung, ist der Experte sicher. Ob sich Touristen dafür interessieren sei fraglich. Die Wahlen haben die Komplexität der Situation in der Türkei aufgezeigt. Dadurch kann aber ein neues, positiveres Image für die Türkei entstehen.

Dass man mit Tourismus den Einheimischen hilft, stimmt laut Günay nur indirekt: „In erster Linie unterstützt es die Wirtschaft. Nur wenn man Kontakt zu den Menschen sucht und die Kultur wirklich kennen lernen will, hilft man den Menschen, aber wenn man nur im All-inclusive-Club hängt, ist es nur in eingeschränktem Maße ein Austausch.“

Wer sich die Frage „Türkei-Urlaub ja oder nein?“ stellt, sollte sich jedenfalls damit befassen, wie weit man das Land kennt oder glaubt zu kennen. „Es ist unfassbar, wie oft die Türkei aktuell in den Medien ist. Das ist mit Vorurteilen und kulturalisierten Bildern aufgeladen. Man muss sich fragen: Wie weit bin ich geprägt durch einseitige Berichte? Das Land ist voller Widersprüche, vielfältig und divers. Wenn man Zweifel hat, sollte man sich die Vielschichtigkeit anschauen und sich andere Bilder in den Kopf rufen.“

Letzten Endes muss diese Fragen jeder für sich beantworten.