Beim traditionellen Barong-Tanz geht es um das  Zusammenspiel von Gut und Böse

 

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Reise
09/15/2019

Spirituelles Bali: Wo es mehr Tempel als Häuser gibt

Die indonesische Insel offenbart eine Welt voll Spiritualität. Der Glauben an Geister und Dämonen ist allgegenwärtig.

von Julia Gschmeidler

Barong klappert bedrohlich mit den Zähnen. Das löwenartige Tier verkörpert das Gute, die „weiße Magie“, das gegen Rangda, das Böse, ankämpft. Doch dieser Kampf – in Form des Barong Tanzes – wird keinen Gewinner hervorbringen, denn im balinesischen Glauben existieren Gut und Böse nebeneinander und stellen ein Gleichgewicht dar. Dieser hinduistische Glaubensansatz spiegelt sich auch in der Ruwa-Bineda-Philosophie wider, die von der Koexistenz zweier Energien ausgeht, die sich gegenseitig ausgleichen.

Die Kulisse des Tanzes könnte passender nicht sein: Der Garuda-Wisnu-Kencana-Kulturpark im Südwesten der Insel ist der Gottheit Wisnu und dessen Reittier Garuda gewidmet. Die Statue der beiden ist mit 120 Metern bis weit ins Landesinnere zu sehen und zählt zu den höchsten Statuen der Welt, die erst voriges Jahr nach 25 Jahren Bauzeit fertiggestellt wurde.

Wie wichtig Glaube und Mythologie für die balinesische Bevölkerung sind, wird nicht nur an diesem Ort sichtbar. „Wir haben auf Bali mehr Tempel als Häuser“, sagt Tourguide August. Er erzählt davon, wie stark der Glaube das alltägliche Leben der Balinesen prägt und beeinflusst. Etwa von den Tempelfesten zu Vollmond und Neumond, festlich gekleideten Menschen, dem Gamelan-Orchester und den vielen Opfergaben.

Dabei sind zu jeder Tageszeit, in jedem Tempel, ja an jeder Straßenecke die Symbole der Trimurti sichtbar. Sie ist die Dreifaltigkeit, die für die Gottheiten Brahma, den Schöpfer, Wisnu, den Bewahrer, und Shiwa, den Zerstörer, steht. Ihre Farben leuchten von Kleidungsstücken und Armbändern. Die dreieckigen Stoffspitzen der traditionellen Kopfbedeckung der Männer, dem Udeng, stehen ebenso für die Dreifaltigkeit. Der schwarz-weiß-karierte Stoff, mit dem ein Baum am Straßenrand umwickelt ist, zeigt, dass dieser heilig ist.

Schlüssel zum inneren Frieden

Beim Besuch eines Hohepriesters stapeln sich die Opfergaben in seinem Tempel, die Frauen des Dorfes gerade behutsam in die Flechtkörbe einsortieren. Diese sind dazu da, den Göttern zu huldigen und die bösen Geister zu besänftigen – und zwar mit Blumen, Räucherstäbchen, Geld, Keksen und manchmal sogar Zigaretten. Heute findet die Dreimonatsfeier eines Säuglings statt, seine bereits fünfte Feier im noch jungen Leben.

Der Tempel orientiert sich nach den Himmelsrichtungen, ein fulminanter Schrein soll das Böse verbannen. Neben speziellen Feiern ereignen sich auch hinduistische Rituale, zu denen die 4.000 Menschen aus dem Dorf gerne kommen – wie zur Seelenreinigung mit heiligem Wasser. Das Ziel dieses Rituals ist, Körper und Geist zu säubern und vor Pech und Krankheit zu schützen.

Die Menschen aus der Region Tulikup, die zur Tempelanlage anreisen, um den Hindu-Priester Putra zu treffen, kommen hierher, um sich neu zu finden, wenn sie in einer ausweglosen Situation sind. Oder sich wegen Schmerzen der Kraft von heilenden Kräutern aus Putras Garten anvertrauen. Eine der meist gestellten Fragen sei jedoch, wie die Geburt des zu erwartenden Kindes ablaufen werde, sagt der Priester. Seine Art zu sprechen ist bedächtig, die Worte wählt er weise. Er wirkt mehr wie ein Philosoph als ein Priester.

Auf die Frage, was er Menschen mitgeben möchte, die Bali besuchen, hat er eine eindeutige Antwort: inneren Frieden. Nur wenn man sich selbst gut kenne und diesen Frieden in sich trage, könne man jeden Ort der Welt bereisen und würde Ruhe und Schönheit vorfinden. Diesen Frieden zu finden, dabei helfe Bali, so der Priester.

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Verbundenheit zur Natur

Um uns die balinesische Spiritualität verständlicher zu machen, führt uns Gan, ein Einheimischer aus Ubud, entlang von Reisfeldern. Er erzählt von der traditionellen Philosophie Tri Hita Karana, die das Leben auf der Insel bestimmt. Diese besagt, dass es drei Gründe für Wohlergehen gibt: Man müsse im Einklang und in Harmonie mit den Göttern, den Mitmenschen sowie der Natur leben.

So haben nicht nur die Balinesen zweimal im Jahr Geburtstag, sondern auch Tiere, wie etwa die Sunda-Ochsen. An diesen Feiertagen müssen sie nicht die Felder pflügen, bekommen Opfergaben und Zuwendung. Auch die Landwirtschaft basiert auf dem balinesischen Kalender, der günstige Tage fürs Aussäen, Pflügen und Ernten vorsieht. „Besonders wichtig auf Bali ist die Permakultur“, sagt Gan. Diese impliziert die nachhaltige Nutzung der Reisfelder und Äcker, ohne Pestizide und im organischen Kreislauf.

Am Weg zu den Reisbauern und -bäuerinnen zeigt der Balinese auf die Gänse, die ihre Schnäbel in ein abgeerntetes Reisfeld stecken. „Sie übernehmen die Nachernte“, sagt er und springt über einen Bewässerungskanal, der für die stetige Wasserversorgung der Reisterrassen sorgt. Als Teil der agrarwirtschaftlichen Gemeinschaft Subak zählen diese Wasserkanäle für den Nassreisanbau zum UNESCO-Weltkulturerbe. „Als Kinder haben wir darin gespielt und uns danach im Feld mit Reiskörnern beworfen“, sagt Gan mit einem Lächeln. Ein Lächeln, das bei vielen Balinesen zu sehen ist. Als Gast fühlt man sich hier willkommen und geschätzt.

Auch die Frauen und Männer, die am Reisfeld die Ähren auf einem mit Netz bespannten Korb sieben, strahlen Freundlichkeit und Ruhe aus – trotz der anstrengenden Arbeit in der tropischen Mittagshitze. Ihr Sarong, ein Wickelrock, den die Einheimischen auch bei religiösen Zeremonien tragen, schützt die Bauern am Feld vor piksenden Reishalmen und Insekten.

Sie freuen sich über unser Interesse am traditionellen Anbau und zeigen, mit welcher Wucht der reife Reis gedroschen werden muss. Als Dankeschön für die Lehrstunde bringt Gan den Bauern Trinkwasser vom nahe gelegenen Hotel. Es ist dieses Geben und Nehmen, Aufeinanderachten und Füreinandersorgen, das Bali, das wie in Spiritualität eingehüllt zu sein scheint, so besonders macht.

Anreise
Die schnellste Verbindung von Wien nach Bali bietet Thai Airways mit Zwischenstopp in Bangkok. Fünfmal pro Woche, ab 28. 10. sogar täglich, ab 699 € inkl. Steuern und Gebühren auf thaiairways.at

Angebot
7 ÜN/F in der Suite/ Premier- Zimmer  im 5*-Hotel Desa Visesa Ubud (bezieht Obst und Gemüse aus eigenem Anbau und bietet Workshops zur  balinesischen Kultur und Landwirtschaft) inkl. Thai-Flug z. B. von 13.–20.11. ab 1.260 €/P. bei Tui buchbar. Im Reisebüro, unter 0800/ 400 202 oder auf tui.at

Buchtipp
Als der US-amerikanische Musiker  Colin McPhee in den 1930er-Jahren das erste Mal Bali bereist, verfällt er dem Zauber der Insel. Beim Bauen seines Hauses taucht er ab in die Welt voll Geister, Traditionen und vor allem Musik. Er besucht Tempel und Paläste, nimmt an  Gamelan- Orchestern teil, schaut sich Tanzaufführungen an und bereist entlegene Dörfer, um traditionelle Instrumente kennen zu lernen. Ein Haus in Bali, Unionsverlag, ca. 22 €