© Kaltenreiner Caroline

Reise
07/27/2019

Sogar bei Regen: Warum der Lake District bei jedem Wetter überzeugt

Schon Dichter und Poeten ließen sich von der Schönheit der englischen Grafschaft Cumbria inspirieren.

von Caroline Kaltenreiner

Englisches Wetter also. Gerade war es noch trocken, jetzt gießt es aus Kübeln. Die Alpakawanderung fällt sprichwörtlich ins Wasser. Nicht weil es den Tieren von „Alpacaly Ever After“ am Lingholm Estate zu nass ist – die lustig dreinschauenden Paarhufer zeigen sich unbeeindruckt – sondern weil unsere Reisegruppe nicht richtig ausgestattet ist. Gummistiefel haben es dann eben doch nicht ins Gepäck geschafft. Das macht nichts. Wir besuchen Ziggy Stardust, ein Albino Alpaka mit blauen Augen und Anführer der Gruppe, und seine Kollegen einfach auf der Weide. Wer Futter in der Hand hat, ist klar im Vorteil. Schnell kommen Milky Joe, der sogar einen eigenen Social-Media-Auftritt (@LittleMilkyJoe) hat und Stevie Wonder, um uns aus der Hand zu fressen und verzaubern mit ihren regennassen Wuschelfrisuren die Herzen. Geduldig posieren sie wie Profis für Selfies, bis uns der Regen dann doch ins Trockene treibt.

In der „Kitchen“ wartet ein Afternoon-Tea – eine Völlerei, die bei jedem England-Besuch zelebriert werden sollte. Alles ist auf Touristen eingestellt: Im Kaffeehaus-Shop kann man (teure) Alpakawolle und Krimskrams von Beatrix Potter kaufen. Die Kinderbuchautorin, deren berühmteste Figur „Peter Hase“ Kinder aus aller Welt beim Aufwachsen begleitete, hatte nicht nur im Lingholm Estate ihre Sommerresidenz, sie wurde durch die Region inspiriert.

Genau gesagt durch den Lake District in der Grafschaft Cumbria im Nordwesten Englands. 2017 wurde er als erster Nationalpark des Vereinigten Königreichs unter den Schutz der UNESCO gestellt. Alles, was in England höher als 3.000 Fuß ist (914 Meter), befindet sich hier. Und etwa tausend größere und kleinere Seen.

„Den Lakes“ wird ein Zauber nachgesagt, der viele Künstler beflügelte, vor allem Poeten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts – ganz nachvollziehbar ist das bei diesem Wetter allerdings nicht. Allen voran war William Wordsworth, der berühmteste Lake Poet, der die meiste Zeit seines Lebens hier verbrachte. Unter welchen bescheidenen Verhältnissen er mit seiner Familie lebte, kann man heute im „Dove Cottage“ in Grasmere nachvollziehen, wo er sein berühmtestes Gedicht „Narzissen“ (Daffodils) schrieb. Das ehemalige Wirtshaus mit dem prächtigen Garten ist wie anno dazumal eingerichtet.

Auch ein paar Häuser weiter wartet ein Blick in die Vergangenheit. In der Gingerbread Bakery wird noch nach dem Originalrezept aus 1854 von Sarah Nelson gebacken. Die Touristen stehen Schlange, um im Shop diese würzigen, köstlichen Lebkuchen zu kaufen, die idealerweise noch an Ort und Stelle verspeist werden, weil sie frisch einfach am besten schmecken. Stolz erzählt Steve, der seit dreißig Jahren in der Bäckerei arbeitet und als einziger Mitarbeiter das Rezept der Familie Nelson kennt, dass schon Jamie Oliver versucht habe, hinter das Geheimnis zu kommen, es ihm aber nicht gelungen sei.

Schwarze Schafe müssen es sein

Die Wolken bleiben am nächsten Tag, aber der Regen verschwindet. Guide Ann freut sich, denn die Wanderung auf den Latrigg steht auf dem Programm und sie weiß schon, was uns erwartet. Ist das erste, doch recht steile Stück gemeistert, warten ab der Waldgrenze nur noch Mini-Steigungen und fantastische Ausblicke auf Keswick und die Umgebung. Die besteht zu einem Großteil aus sanftrunden Hügeln in verschiedenen Braun-, Rot- und Grüntönen. Bricht dann noch ein kleiner Lichtkegel durch die Wolkendecke, ist die Stimmung perfekt. Da ist sie also, diese Inspiration.

Wo das Grün am sattesten ist, grasen die Schafe. Auch nicht blöd, die Tiere. Warum es soviel schwarze Schafe gibt? Ann kennt die Antwort. Die Herdwick-Schafe – eine alte britische Landrasse, die es vorwiegend im Lake District gibt – kommen sehr dunkel zur Welt und werden zeit ihres Lebens immer heller. Dafür, dass es noch verhältnismäßig viele gibt, ist Beatrix Potter verantwortlich. Die Kinderbuchautorin investierte den Erlös ihrer Bücher in Bauernhöfe und etablierte sich im Lake District auch als Züchterin dieser Tiere. Als sie 1943 starb, vermachte sie dem National Trust siebzehn Farmen und verfügte, dass auf ihrem Land Herdwick-Schafe gehalten werden müssen.

Wo Schafe sind, sind oft Hunde nicht weit. Sie kommen in Begleitung ihrer zweibeinigen Freunde den Berg hinauf. Wie hundebegeistert die Briten sind, ist im Lake District auffällig. Kaum ein Ort, an dem die Vierbeiner nicht willkommen sind.

So schön, dass es fast kitschig ist

Das macht sich auch am nächsten Tag am Windermere – mit siebzehn Kilometer Länge der größte See Englands – bemerkbar. Windermere Lake Cruises heißen Hunde nicht nur auf ihren Dampfschiffen willkommen, sie dürfen auch gratis mitfahren. Aber nicht nur den Hunden gefällt’s auf dem Weg von Ambleside nach Bowness. Endlich ist das Wetter-Bingo komplett: strahlender Sonnenschein. Spätestens jetzt ist auch den letzten Zweiflern klar, warum immer wieder von der „Faszination Lake District“ die Rede ist. Das Spiel von Licht und Schatten auf den runden Hügeln um den See zieht die Passagiere in ihren Bann – am Ufer reihen sich verwitterte Bootshütten an englische Villen. Dann steigt wieder eine Vogelschar in die Luft. So schön, dass es fast kitschig ist.

Im kleinen Ort Bowness geht es gleich weiter mit der England-Romantik. Am Ufer watscheln die Schwäne (im Gänsemarsch!) und posieren für Fotos, kleine, bunte Boote schaukeln im Wasser und im Ortskern reihen sich typische britische Fachwerkbauten aneinander – mit netten Cafés, Pubs und Second Hand Läden.

William Wordsworth bezeichnete die „Lakes“ einmal als den „schönsten Ort, den der Mensch jemals gefunden hat“. Auf der Bootsfahrt zurück nach Ambleside kann einem beim Blick auf den See schon einmal ein Seufzer ob dieser Schönheit entkommen. Dann wird es plötzlich warm ums Herz und man fühlt sich ganz poetisch und würde am liebsten selbst zu dichten beginnen. Irgendwie versteht man ihn jetzt, den Zauber, der von den Lakes ausgeht.

V wie very british

Beatrix Potter

Die Erfinderin des Langohrs Peter Hase lebte in einem Bauernhaus im Lake District, das oft Schauplatz ihrer Geschichten war. Die Hill Top Farm bei Sawrey in Cumbria kann heute als Museum besucht werden. Im Lingholm Estate, wo Potter oft ihre Ferien verbrachte, kann man essen, mit Alpakas wandern und durch die schönen Gärten spazieren.  

Afternoon Tea

Nicht nur gut für feine Gesellschaften: Afternoon Tea wird in Großbritannien seit dem 17. Jahrhundert zelebriert. Werden die Köstlichkeiten auf einer Etagere aufgetischt, isst man klassisch von unten (sauer) nach oben (süß). Die am öftesten diskutierte Frage: Scone mit Clotted Cream auf Marmelade oder mit Marmelade auf Clotted Cream?    

Fachwerk

Die mittelalterliche und frühneuzeitliche Architektur Englands war stark vom Fachwerkbau geprägt und ist noch heute in vielen Dörfern  zu bewundern. Wer genau schaut, entdeckt sogar in London noch die ein oder andere Fassade.  

Anreise
Von Wien nach Manchester, z. B. mit Austrian oder Easyjet. Weiter mit Bahn oder Mietwagen etwa zwei Stunden bis zum Lake District

Essen und Trinken
Waggoner’s Restaurant im Macdonald Swan Hotel in Grasmere, fantastisches Essen, direkt am See. macdonaldhotels.co.uk

Übernachten
Langdale Hotel: 4*-Hotel auf einem Waldgrundstück in der Berglandschaft von Ambleside. langdale.co.uk

Buchtipp
Marco Polo hat einen neuen Reiseführer für den  Lake District aufgelegt

Auskunft
visitbritain.com
thelingholmestate.co.uk
wordsworth.org.uk

 

 

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