Reise
19.08.2018

Tirol, so ursprünglich wie es in unseren Köpfen ist

Lechtal und Tannheimer Tal: bewirtschaftete Almen, einsame Bergseen und deftige Küche. Irgendwie kitschig und doch echt.

Was wollt ihr denn am Ende der Welt?“ fragt der Fahrer am Weg ins Tiroler Lechtal. „Nur Wandern und Essen, davon aber reichlich.“ Er überlegt kurz: „Eh gut, wird Zeit, dass die Leute ins Lechtal statt ins Zillertal fahren“. Recht hat er. Eigentlich unverständlich, warum das lange Trogtal nicht mehr Beachtung findet. Hat der geneigte Aktivurlauber mit dem Lechweg doch tolle Möglichkeiten zum Gehen und Radeln. Der rund 125 km Weitwanderweg führt entlang des Flusslaufes von der Quelle bei Lech am Arlberg bis zum Lechfall bei Füssen im bayerischen Allgäu. Wer es gerne ein bisschen aufregender mag: Auch Canyoning oder Rafting bieten sich an und in den Bergen fühlen sich Paragleiter wohl.

Das Beste: es ist trotzdem authentisch geblieben, nie überlaufen. Im ganzen Tal gibt es keine Ampel, teilweise auch keinen Handyempfang. „Früher habens g’sagt, wir haben alles verschlafen, jetzt beneidet man uns um unsere Ursprünglichkeit“, meint Martina Obwegesser, Wirtin im Hotel Post in Steeg. Der einzige Ort im Tal, an dem es hauben-prämierte Küche gibt. Das heißt nicht, dass man nicht anderenorts ausgezeichnet speisen kann.

Am offenen Herd

Ein Lechtaler-Original, das jeder der 5000 Taleinwohner kennen dürfte, ist Guido Degasperi aus Elbigenalp. Der bald 70-Jährige steht im Familienbetrieb „Restaurant zur Geierwally“ einmal die Woche am offenen Herd und zieht eine gewaltige Show ab und erzählt vom Brauchtum. Dabei kocht er regionale Spezialitäten. Lechtaler Kassuppe, Krautkrapfen, Holzfällernocken, Schweinebraten, Schlamperkraut oder Buchtlknedl etwa. Als Dessert gibt’s „Zupf“ und „Gstepf(Bauernschmarrn und Apfelmus). Zwischen den Gängen spielt sein Enkel Jacob die „Quetschn“. Die alten Rezepte hat Guido vor vielen Jahren bei Frauen der Region erfragt.

Das Alte erhalten ist eine Leidenschaft von Guido, das merkt man an den vielen Sammlerstücken in der Gaststube, wie einer alten Tracht, der Stubenwiege, die heute als Schnapsbar dient, oder dem alten Porzellan in den Vitrinen. Er sammelt alles, was mit „Geierwally“ Anna Stainer-Knittel zu tun hat und ist Experte für die gebürtige Lechtalerin. Beim interaktiven Heimatmuseum „Wunderkammer“ hat der bekannte Elbigenalp-Wirt tatkräftig mitgewirkt und wird per Video immer wieder zugeschaltet, um die Geschichte der berühmten Tiroler Feministin zu erzählen.

Tradition neben Moderne

Gleich nebenan ist die Schaubrennerei „Lechtaler Haussegen“. So modern und hip, dass man sie kaum im Lechtal vermuten würde. Melanie und Mario Huber haben ohne Vorkenntnis angefangen Edelbrände und andere Destillate zu kreieren und sind nach Jahren des Experimentierens nun erfolgreich mit ihren kreativen Produkten – vom Enzianbrand zum Schokogeist.

Zu den besonderen Lechtaler Produzenten gehört auch Karl-Heinz Strohmaier. Er betreibt die Petersbergalm mit 23 Kühen auf 1250 Meter in Hinterhornbach. Zweimal am Tag wird gemolken, seine Arbeit fällt unter Landschaftspflege und Kulturgut. Das ist nicht sehr wirtschaftlich, aber wichtig.

Der Weg zur Alm ist flach ansteigend und auch für Familien in zwei gemütlichen Gehstunden zu erreichen. Bei der einzigen Sennalm der Region werden hausgemachte Milchprodukte kredenzt und auch zum Verkauf für Zuhause angeboten. Besonders gut kommt der Bergkäse mit Blüten an, der gebürtige Vorarlberger versteht sein Handwerk. Fünf Tonnen Käse produziert er im Sommer, das Verhackerte und den Speck, die bei der Brotzeit auch am Jausenbrettl landen, steuert sein Bruder bei.

Regionale Produkte werden auf der Sonnalm Jöchelspitze auf 1800 Meter serviert. Beim herzhaften Bergfrühstück stärken wir uns für unsere bevorstehende Wanderung mit der Kräuterhexe Daniela Pfefferkorn. Der Bauch ist schnell voll, aber an den Ausblicken von der Sonnenterrasse können wir uns nicht sattsehen. Mit dem Bimmeln der Kuhglocken im Hintergrund ist der Tiroler Kitsch perfekt und doch sehr authentisch.

Daniela überredet uns zum Aufbruch. Hier auf 1800 Meter blüht gerade alles, was man für die natürliche Hausapotheke brauchen kann: Schafgarbe, in der alle Schüssler-Salze enthalten sind, roter Klee, der gerade für Sirup und Tee im Trend liegt oder Meisterwurz, das Bergkraut, das die Wundheilung fördert. Sie erklärt uns, dass Spitzwegerich bei Insektenstichen und Husten Abhilfe schafft, der Breitwegerich gegen Ohrenschmerzen gewachsen ist. Wir prägen uns alles ein und wollen die Naturapotheke künftig stärker in Anspruch nehmen.

Kräutermedizin

Im benachbarten Tannheimer Tal treffen wir auf der Schutzhütte Krinnenalpe auf Martin Rief. Auch der tüchtige Almwirt versteht es mit Kräutern zu arbeiten. Sieben davon landen in seinem Krinnenbrand. Köstlich. Und gegen irgendwas wirds sicher helfen. Zumindest als Digestif für Martins Hüttenpfanne und seinen Kaiserschmarrn. Gute „Wanderunterlage“. Von hier starten „schöne, breite Wege. Es wurde viel investiert in den letzten Jahren.“ Neben seiner Tätigkeit als Hüttenwirt muss Martin seine Kühe versorgen. 153 hat er zu Saisonbeginn auf die Alm gebracht. Der Lohn für seine harte Arbeit? „Ich darf immer mit Blick auf die Berge der Gimpelgruppe arbeiten. Ein Traum.“

Unser liebster Ausblick wartet aber am nächsten Morgen auf uns. Dann stehen wir bei bestem Licht vorm Vilsalpsee in Tannheim auf 1165 Meter und können uns fast nicht losreißen. Der Bergsee ist eine Augenweide, die wir beinahe alleine genießen können. Wenn wir genau überlegen, hatte der Fahrer nicht Recht. Touristen, bleibt bitte im Zillertal, dann haben wir Lech- und Tannheimer Tal weiter ganz für uns alleine.

Info

Anreise mit dem Auto ab Wien auf A1, A8 und A12  fahren, Ausfahrt Imst/Pitztal nehmen und auf der B198 weiter ins Lechtal.   
– Über den Gaichtpass gelangt man von Weißenbach ins Tannheimer Tal.

Unterkunft Hotel Post in Steeg. Feines, familiengeführtes 4*-Haus mit Schwerpunkt auf Kulinarik. Toller Wellnessbereich. Direkt am Lechweg. Viele Pauschalen, z. B. Natur und Genuss: 4 ÜN inkl. Verwöhnpension und 1 Gourmetabend im Hauben-Restaurant „Postamt“, 2 Wunschbehandlungen u.v.m.  ab  391 €/P im DZ. Tel. 05633/ 5307. www.poststeeg.at
– Empfehlenswerte Adressen im Tannheimer Tal: La Soa Chalets (www.la-soa.at) und Wellnesshotel Engel in Grän (www.engel-tirol.com).

Essen und Trinken Restaurant zur Geierwally, Elbigenalp: Kochen am offenen Herd (5 Gänge, all you can eat, 20 €)  immer am Montag, sonst à la carte. www.zur-geierwally.at
–Schaubrennerei Lechtaler Haussegen in Elbigenalp: Edelbrände, Liköre, Gin, inkl. Verkostung und Verkauf. Tel. 0676/ 34 43 422, lechtaler-haussegen.at
– Petersbergalm in Hinterhornbach: Sennerei-Hütte mit Suppen, Hausmannskost, Jause, Kuchen (alles hausgemacht). www.petersbergalm.at
Sonnalm Jöchelspitze. Herzhaftes Bergfrühstück mit heimischen Produkten inkl. Tee, Kaffee und Saft  immer am Samstag (noch bis  8. September), 8–11 Uhr, 16 €, joechelspitze.at
Schrofen Hütte in Jungholz: gut bürgerliche Kost. Spezialität ist der Tirolerhut: Mischung aus Tischgrill und Fondue, mit Holzkohle betrieben, 24,90 €/P. www.schrofen-huette.at
Krinnenalpe bei Nesselwängle: Genuss mit Blick auf die Gimpelgruppe. Spezialitäten sind Hüttenpfanne und Kaiserschmarrn. www.krinnenalpe-tirol.at

Aktiv Bergschule Lechtal bietet im Winter und im Sommer  geführte Touren, Kletterkurse u.v.m. Tel. 0676 3674681
– Wanderung mit der Lechtaler Kräuterhexe Daniela Pfefferkorn www.fidel.at/krauter

Auskunft Naturpark Lechtal, Tourismusbüro Elbigenalp, Tel. 05634 /5315, www.lechtal.at
– Tourismusverband Tannheimer Tal, Tel.  05675 6220, www.tannheimertal.com