Reise
06.05.2018

Genuss und ein bissl Melancholie in der ESC-Stadt Lissabon

Song-Contest-Fans strömen jetzt in die Stadt auf den sieben Hügeln. Die ist auch abseits des Spektakels einen Besuch wert.

Eine Frau sitzt im Stadtteil Alfama im Dunkeln auf der Treppe und raucht, nur eine Straßenlampe wirft einen Lichtkegel auf sie und das Schild neben ihr. „Fado tonight“ steht in Kreide darauf, der einzige Hinweis darauf, was sich hinter der schweren Türe verbirgt, die einmal der Eingang zu einer Kirche war. Ohne Manuel Marçal hätten wir uns wohl niemals hierher verirrt. Der Portugiese ist selbst Fado-Sänger und will Touristen eine authentische Erfahrung bieten. Von den rund 60 Restaurants in Lissabon befindet er nur vier für wirklich empfehlenswert.

Gedicht mit Verstärker

Zuvor hatten wir uns an einem der typischen Kioske in Lissabon auf ein Bier getroffen. Eigentlich wollte er über das Leben sinnieren, meinte, Fado müsse man erleben, nicht darüber sprechen. Trotzdem kommt er immer wieder zum Thema zurück. Seinem Thema. „Fado ist ein Gedicht, eine Geschichte, die Musik ist nur der Verstärker. Eine Klassische Gitarre gibt die Struktur vor, während die Portugiesische Gitarre in Dialog mit dem Sänger tritt“. Manchmal, erklärt Manuel, klingt es nur melancholisch, meistens gehe es um Liebe.

Er sei selbst Sänger, erzählt er, singen dürfe man an so einem Abend aber nur, wenn man dazu aufgefordert wird. Anfang 20 habe er zu seiner großen Leidenschaft gefunden, davor, sagte er, war er nicht reif genug. „Viele glauben, Fado sei portugiesisch, aber das stimmt nicht. Echter Fado ist aus Lissabon.“

Tapas und Herzschmerz

Dann gehen wir in die Associação do Fado Casto. Der Inhaber des Lokals, Pedro de Castro, spielt an dem Abend selbst die Portugiesische Gitarre. Er ist seit seiner Kindheit mit der Leidenschaft der Fado-Kunst infiziert: In seiner Kindheit gingen die ganz großen Musiker in seinem Elternhaus ein und aus.

Das Restaurant serviert verschiedene Tapas, die Speisen kommen, bis man Halt sagt. Wir probieren uns durch Fisch, Fleisch, Bohnen, Innereien. Wenn die Musik beginnt, wird alles verdunkelt. Es muss Stille herrschen, bevor die Musiker beginnen, bis zu vier Lieder hintereinander vorzutragen. Mehr ginge nicht, erklärt Manuel – emotional zu anstrengend.

Danach unterhält man sich, es wird getrunken. Die Musiker klopfen einander anerkennend auf die Schulter. Manchmal wird ein anderer anwesender Sänger gebeten, auf die Bühne zu gehen. Man kennt sich. So wird auch Manuel an diesem Abend die Ehre zu Teil. Er wählt vier Fados aus, um sein ganzes Spektrum zur Schau zu stellen.

Warum es hier besser ist als anderswo? „Die meisten Fado-Restaurants haben nur für Touristen offen, dort gibt es nur die Light-Version. Echter Fado beginnt sehr spät. Um halb elf werden die ersten Lieder gesungen. Um Mitternacht treffen hier auch die Musiker der Touristenlokale ein, die schon Feierabend gemacht haben.“ Manuel erzählt, dass Unerfahrene nach zwei Runden oft glauben, es sei vorbei, und gehen. In Wahrheit beginnt die Show aber erst und wird von der Bühne auf die Tische und Bänke verlegt. Wie eine große Jam-Session. Je länger man bleibe, desto spannender das Erlebnis.

Fit in die Ferne blicken

Es lohnt sich, nach so einer Nacht auszuschlafen. Denn wer die Stadt zu Fuß erkunden will, braucht Kraft und gute Kondition. Kaum biegt man um die Ecke, kann die nächste unerwartete steile Straße vor einem liegen, die es zu erklimmen gilt. Das hält nicht nur fit, ständig gibt es neben den typisch gefliesten Hausfassaden auch herrliche Aussichtsterrassen zu bewundern.

Hin und wieder gibt es auch „Aufstiegshilfen“. Die berühmtesten und viel genützten sind wohl die Standseilbahnen Glória, Bica und Lavra, die sich besonders steile Hügel hinaufschieben und Höhenunterschiede zwischen 43 und 45 Meter bewältigen. Die Steigungen liegen zwischen 18 und 25 Prozent. Oder der Elevador Santa Justa. Der Aufzug, eine filigrane Eisenkonstruktion von Raoul Mesnier de Ponsard, einem Schüler Gustave Eiffels, verbindet die Unter- mit der Oberstadt und gilt als ein Wahrzeichen Lissabons. So kann es passieren, dass man in der Baixa Schlange steht, um in der holzgetäfelten Kabine nach oben in den Stadtteil Chiado zu gelangen. Dort wartet nicht nur ein phänomenaler Ausblick, sondern auch die beeindruckende Ruine der Carmo Kirche, die im großen Erdbeben von Lissabon 1755 zerstört wurde.

In „der Gelben“ unterwegs

Apropos Schlange stehen: Natürlich ist es ein Erlebnis, mit der alten schaukelnden Straßenbahn 28E durch die Altstadtviertel Graça und Alfama zu tingeln, dafür muss man aber nicht nur lange anstehen, sondern sich auch mit sehr vielen Touristen und dem ein oder anderen Taschendieb in die Tram zwängen. Eine weniger beengte Alternative ist die Linie 12E in baugleichen und genauso gelben Waggons, die die gleiche Teilstrecke fährt. Wer Glück hat, ergattert sogar einen Sitzplatz. Bei schönem Wetter lohnt es sich, an den Aussichtspunkten oberhalb der Amalfa zwischendurch einmal auszusteigen und bei einem der Kioske einen Kaffee und ein köstliches Pastel de Nata zu bestellen. Die Puddingtörtchen schmecken warm am besten. Oder an der Haltestelle beim Praça da Figueira aussteigen und in die Casa das Bifanas spazieren. In dem einfachen und geschäftigen Lokal gibt es die angeblich besten Bifanas der Stadt. Macht man es den Einheimischen gleich, verspeist man die Sandwiches mit mariniertem Schweinefleisch direkt an der Theke.

Vom Essen verstehen sie viel, die „Lisboetas“. Der Stockfisch Bacalhau steht in den verschiedensten Variationen auf fast jeder Speisekarte und Sardinen aus Konserven sind hervorragend. Im Laden „O Mundo Fantastico da Sardinha Portuguesa“ am Praca Dom Pedro gibt es sogar nichts anderes, das ganze Lokal ist mit Konservendosen gefüllt. Und Vitor Sobral richtet in seiner Tasca da Esquina zeitweise Vorspeisen in Dosen an.

Zeit, diese Herrlichkeit zu genießen, hat Österreichs Song-Contest-Teilnehmer Cesár Sampson dieser Tage vermutlich nicht. Es würde sich für ihn aber lohnen, in die Stadt am Tejo mit ihren bezaubernden Hausfassaden, ihrem guten Essen und dem emotionalen Fado wiederzukehren.

Info

Anreise Tap Air Portugal fliegt tägl. ab 102 € WienLissabon. flytap.com

Beste Reisezeit Ganzjahresdestination, die beste Zeit ist von Mai bis Oktober. Im Sommer  nicht sehr heiß, im Winter angenehm mild, von Oktober bis März fällt der meiste Regen.

Fado Ein wirklich authentisches Fado Erlebnis bekommt man bei Fatum. In der Gruppe (3–6 P.) um 175 €, bei 2–3 P. um 195 €.
Dabei wird man von einem Fado-Sänger in ein Fado-Restaurant begleitet, Essen und Trinken (außer harte Alkoholika) inkludiert.  
Tel. +351 911 729 999, fatum.pt
– Am 17.5. tritt die Fado-Grand Dame Mariza im Wiener Konzerthaus auf. Karten ab 23 €. konzerthaus.at

Übernachten Das Boutique Hotel Valverde auf der Avenida da Liberdade liegt direkt neben einer Metro-Station. Ausgezeichnetes Service, gutes Restaurant. Der Garten mit einem kleinen Pool ist eine echte Oase in der Stadt. Deko und Einrichtung wechselt ständig, damit wiederkehrende Gäste immer etwas Neues sehen.
Zimmer ab 230 €/Nacht inkl. Frühstück. valverdehotel.com/en

Essen und Trinken Vitor Sobral hat sich aus der Highendküche verabschiedet und eine Tasca (typisch portugiesisches Lokal) eröffnet.  Hervorragende Küche,  fantastische Weine. Am besten ein Überraschungsmenü bestellen, ab 3 Gänge 16,50 € (nur Mittags) bis 7 Gänge plus Dessert um 38 €. tascadaesquina.com
Portugal hat sein eigenes Fast Food: Bifana. Typisches Lokal für  die Sandwiches mit Schweinefleisch ist Casa das Bifanas(Metrostation Rossio).
– Unbedingt frisch aus der Bäckerei probieren: Puddingtörtchen Pastel de Nata (auch Pastel de Belém).
– Die architektonisch interessanten Kioske für kleine  Pausen zwischendurch sind in der ganzen Stadt verteilt. Vom bica (Espresso) bis zum Bier und kleinen Snacks wird in den Ein-Mann–Betrieben alles serviert.

Buchtipp The Monocle Travel Guide Lisbon: der etwas andere Städteführer,  in englischer Sprache (Gestalten Verlag, 15,50€)

Auskunft www.visitlisboa.com/de