© Sandra Lumetsberger

Reise
07/24/2019

Die Ostsee abseits des Meeres entdecken

Zwischen Wismar und Warnemünde, strampelt man Wind und Salzluft entgegen. Dabei trifft man auf stumme Zeitzeugen.

von Sandra Lumetsberger

Wer den Ostseeküstenradweg von Wismar nach Warnemünde zu den alten Seebädern nehmen will, muss Geduld haben. Denn das Meer ist hier nicht der Hauptdarsteller. Das hat man am Weg zwar meist im Rücken und in der Nase, aber zu sehen ist es nicht. Dafür Weizenfelder und Windmühlen – und dazwischen viele stumme Zeitzeugen: verlassene Bahnhöfe oder Mauerreste, das Überbleibsel eines abgesperrten Militärgeländes. An dieser Stelle wird der Radweg holprig und zu einem mit Steingitter bepflasterten Abschnitt. Hier rollten bis zur Wende 1989 die Panzer.

„Die Ostsee muss ein Meer des Friedens sein.“ Mit dieser Parole stilisierte sich das SED-Regime als friedliebender Staat. Wie weit es bereit war, diesen Frieden zu erhalten, sieht man heute im Ostseebad Kühlungsborn. Zwischen weißem Puderzuckerstrand, bunten Strandkörben und belebter Promenade ragt ein grauer Beobachtungsturm in die Höhe. Er ist einer der letzten Grenztürme entlang der Ostseeküste. Von oben hatten die Grenzer alles im Blick: untertags die Badegäste, die hier in den kastenartigen Hotelburgen urlaubten, die ihnen der Staat zuteilte. Und nachts jene, die sich in Schlauchbooten, auf Luftmatratzen oder nur mit eigener Körperkraft aufs offene Meer wagten, um zu flüchten. Die Geschichten dieser Menschen sind auf Schautafeln nachzulesen. Sie erzählen von gescheiterten Fluchtversuchen, die oft tödlich endeten.

Nicht überall holt den Urlauber die Geschichte so eindrucksvoll ein. Manchmal wird sie übertüncht von hübsch herausgeputzten Häuschen, Hotels und hippen Bars, wo man Aperol trinkt und am Pier zu Livemusik tanzt. Wo die im Norden höher stehende Sonne einfach nicht untergehen will. Dann spielen Kinder länger am Strand als sonst, Erwachsene genehmigen sich noch ein Bad im frischen Wasser. Und auch die Möwen sind weiter auf der Lauer. Irgendwo spazieren immer Menschen mit Softeis in der Hand, das sie ihnen im Sinkflug abjagen. Die Stimmung in den Seebädern erinnert an Badeorte an der Adria.

Nur die Villa Baltica in Kühlungsborn versprüht fast wie zum Trotz morbiden Charme. Die Fenster sind mit Brettern zugenagelt, die Außenwände mit Graffiti besprüht. Nichts verweist auf die ehemaligen Besitzer, einen jüdischen Anwalt, dessen Stiftung einst durch die Nationalsozialisten enteignet wurde. Nach Jahren der Verwahrlosung fand sich ein Investor, der das Haus sanieren will.

Renoviert wird auch im 30 Fahrradminuten entfernten Heiligendamm. Bei der „Perlenkette“, jenem Strandabschnitt mit halbverfallenen Villen aus der Jahrhundertwende, sind die Bagger schon angerollt. Schicke Ferienwohnungen sollen Urlauber ins älteste deutsche Seebad locken. Beim benachbarten Grand Hotel, das zu DDR-Zeiten als Kuranstalt genutzt wurde und als noble Adresse für die Staats- und Regierungschefs des G8-Gipfels 2007 Schlagzeilen machte, hat es geklappt. Das Hotel hat sich erholt, berichtet eine Kennerin des Hauses. Der Vorbesitzer ging insolvent, weil die Zeit nicht reif war für ein Fünfsterne-Haus im ehemaligen Osten.

Erholt, oder besser gesagt erneuert, hat sich die Hansestadt Wismar. Sie ist eigentlich der Ausgangspunkt für die Radetappe zu den Seebädern Mecklenburg Vorpommerns. Und nicht nur wegen der pastellfarbenen Häuschen in der Altstadt einen Besuch wert. Wer die Georgenkirche nicht gesehen hat, den lässt Stadtführerin Marika Fauk nicht weg. Die vor Ende des Zweiten Weltkriegs zerbombte Kirche war seit ihrer Zerstörung dem Verfall ausgesetzt. 1990 brachte ein Orkan den Giebel des Nordquerhauses zum Einsturz, einige Menschen wurden schwer verletzt, aber niemand starb.

Das eigentliche Wunder war für Fauk aber ein anderes: Endlich nahm man sich der Ruine an und tat etwas. Heute ist das Dach geschlossen, ein Lift bringt Menschen nach oben, wo sie weit über den Hafen hinaus blicken. Unten finden Konzerte und Theaterstücke statt. Es ist ein Treffpunkt geworden, der für alle da sein soll, erklärt sie – egal, ob gläubig oder nicht, Einheimischer oder Tourist.

 

Infos: Der Ostseeküstenradweg führt in Deutschland auf etwa 1.000 Kilometern von Flensburg an der deutsch-dänischen Grenze bis nach Usedom im Osten. Je nach Etappe kann man zuerst nach Hamburg oder Berlin reisen. Von dort fahren täglich Züge nach Wismar oder Rostock. Mecklenburger Radtour bietet Pakete mit Leihrad, Gepäckstransport und Hotels, z.B. von Wismar bis Stralsund (8 Tage) ab 595 Euro. Mehr dazu unter: mecklenburger-radtour.de oder +49 (0)3831306760

Vor dem Hotel Neptun

Zwei Dinge kann man in Warnemünde nicht übersehen: Die Kreuzfahrtschiffe und das Hotel Neptun. 1971 eröffnet, war der kastenartige Bau der Inbegriff von Luxus inmitten von DDR-Tristesse.

In der Räucherei

Wer sich kulinarisch über Backfischbrötchen hinaus traut, sollte Roland Scheller in Rerik besuchen. Dort hängen neben Dorsch, Flunder, Heilbutt auch Aale im Rauch. Scheller, seit 30 Jahren Fischer, fährt sebst vier Mal die Woche mit dem Kutter raus und erzählt gerne davon.

Im Gespensterwald

Wind und Salzluft haben die Bäume im Küstenwald bei Nienhagen bizarr verformt. Hier bietet sich eine Pause an und die Gelegenheit für eine kurze Wanderung oder einen Spaziergang zu einen der Naturstrände. 

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