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Reise
10/19/2019

Cosenza: Die schöne Unbekannte Süditaliens

Am Fuße des Sila-Nationalparks, ist das „Athen Kalabriens“ ein historisches Zentrum der Gelehrsamkeit und Lebensweisheit.

Der Corso Mazzini, Lebensader der Neustadt von Cosenza, erstaunt mit einer Auswahl moderner Statuen. Tatsächlich handelt es sich bei der Fußgängerzone um ein Freilichtmuseum. Der aus Cosenza stammende Mäzen Carlo Bilotti hat es der Stadt geschenkt: Eine weiße Herzsieben-Spielkarte, ein Wolf aus grünem Marmor, das Maskottchen des Sila-Nationalparks, der Heilige Georg und sein Drache sind nur einige der achtzehn bemerkenswerten Statuen, die Künstler von Salvador Dalì über Amedeo Modigliani bis Giorgio De Chirico erdacht und gefertigt haben.

Die rothaarige Alma Gaia leitet den Rundgang durch die Stadt. Nach dem Skulpturen-Freilichtmuseum am Corso führt sie in das ethnografische Museum. Dort erklärt sie die süditalienische Lebenswelt, die sogar mit einer eigenen – wortlosen – Sprache aufwarten kann: Die Sprache der Fächer. Damit verschaffte sich die Cosentinerin im heißen Klima des auf 230 Metern Meereshöhe gelegenen Ortes ein wenig Luft. Mit dem Fächer jedoch kommunizierten die Frauen hier auch. In der rechten Hand vor das Gesicht gehalten, bedeutet er etwa: „Folgt mir!“

Alma Gaia hat in London Kunstsoziologie studiert und in ihrer Dissertation aufgezeigt, wie das Theater das Unsichtbare sichtbar macht. Zurück in Cosenza hat sie das Format der literarisch-philosophischen Touren durch Kalabrien entwickelt: „Ich liebe dieses Land und ich will seine Stärke und Schönheit weitergeben.“

Auf ihren besonderen Touren erzählt die Frau von der Hochblüte, die Cosenza im 16. Jahrhundert erlebte. Damals war die Stadt berühmt für die naturalistische Weltanschauung von Bernardino Telesio, der eine dynamische Philosophie antithetischer Kräfte entwickelte. „Zwei Konzepte, das Heiße und das Kalte, machen das Leben aus, die kalte Erde wird erst durch die heiße Sonne fruchtbar“, verdeutlicht sie das Telesio-Prinzip und berichtet von einem großen Bewunderer von Bernardino Telesio, Tommaso Campanella. Auch Campanella ist untrennbar mit dem Athen Kalabriens verbunden. Er lehrte, dass der Mensch Erkenntnis in sich selbst finden kann. „Wichtig ist, dass Campanella bereits eine Gewaltenteilung zwischen Kirche und Staat gefordert hat“, sagt der Guide beim Spaziergang durch das Centro Storico.

Die Bewohner haben sich in ihre Häuser zurückgezogen, nur wenigen begegnet man am Spätnachmittag in den Straßen rund um den Dom. Auffallend ist, dass sowohl der Domplatz als auch die Fassade des Domes jeweils acht Seiten haben, eine ungewöhnliche Form. „Die Acht geht auf die Zahlenmystik Friedrichs von Hohenstaufen zurück“, erklärt die Stadtführerin, „Friedrich war besessen von der Zahl Acht, die Unendlichkeit bedeutet, und in dieser Kathedrale bestattete der Kaiser seinen ungehorsamen Sohn Heinrich, der hier einen tödlichen Reitunfall erlitten oder vielleicht auch Selbstmord wegen des Konflikts mit seinem Vater begangen hatte.“ Im kühlen Dom jedenfalls wacht die Ikone der Madonna del Pilerio, die Schutzheilige der Stadt, über ihre Einwohner.

Kulturelles Drehkreuz

Als nächstes Ziel schlägt Alma Gaia das Museum der Bruttier und Enotrier vor, ein mit EU-Förderungen vorbildlich restaurierter mittelalterlicher Konvent, der in die Frühgeschichte Cosenzas blicken lässt. Die Bruttier sind die Nachfolger der Enotrier, lernt man in dem ehemaligen Augustinerkloster. Von Napoleon aufgelöst, wurde der solide mittelalterliche Bau zur Kaserne der Franzosen, dann zum Frauengefängnis und im Zweiten Weltkrieg Notunterkunft für Ausgebombte. 2009 wurde das Museum rund um den schönen Kreuzgang mit dem Brunnen in der Mitte eröffnet. Neben der Zurschaustellung der archäologischen Zeugnisse dient das Museum auch als ein wichtiger kultureller Hub der Stadt, mit Konzerten, Ausstellungen und Kinderprogramm.

Weiter geht es am Fluss entlang, bis eine aufsehenerregende Brücke erreicht ist. Stararchitekt Santiago Calatrava hat sie entworfen, 2018 wurde sie eröffnet und beansprucht für sich, mit ihrer eigenwilligen Harfenform, den Superlativ der höchsten Brücke Europas. Sie erinnert an ein Segel, damit verweist Calatrava auf San Francesco di Paola, den Schutzheiligen der Seeleute, der in der Gegend von Cosenza geboren wurde.

Die Sonne versinkt hinter den Ausläufern des Sila-Nationalparks und Alma Gaia schlägt vor, den Tag in der Burg der Normannen und Staufer am höchsten Punkt der Stadt ausklingen zu lassen. Im Castello ist gerade ein Malkurs im Gange, eine Band probt und der Aperitif mit Nüssen, Oliven und Pizzastücken wird in der Burg Bar aufgetragen. Bei einem Glas kalabrischen Weißweins erzählt Alma Gaia, dass sie ihren für die Region ungewöhnlichen Vornamen der Musikleidenschaft ihres Vaters verdankt: „Mein Vater ist Pianist, er hat das Gesamtwerk von Eric Satie aufgenommen und verehrt Gustav Mahler. Ich bin nach Alma Schindler, Gustav Mahlers Ehefrau, benannt worden.“

Anreise
Direktflug von Wien nach Lamezia Terme. Variante: über Rom oder Mailand. Der Flughafen von Lamezia Terme ist etwa 70 Kilometer von Cosenza entfernt.  

Klimafreundliche Anreise
Mit dem Nightjet um 19:23 Uhr von Wien nach Bologna, weiter mit der Bahn via Roma Termini und Paola nach  Cosenza – Ankunft 12:49 Uhr. oebb.at

Restaurant
Le Cucine di Palazzo Salfi,Via Paparelle 4, ein altes Palazzo mit modernem Dekor
le-cucine-di-palazzo-salfi.business.site

Literarisch-kulturhistorische Touren
parcotommasocampanella.it

Auskunft  
enit.at