Reise
10.09.2018

Warum Sie diese beschwerliche Reise auf sich nehmen sollten

Wer peitschenden Winden, extremen Temperaturen und ungewohnter Höhe trotzt, wird mit unauslöschlichen Erinnerungen belohnt.

Bolivien raubt seinen Besuchern den Atem und das nicht nur im wahrsten Sinne des Wortes – der Flughafen El Alto nahe La Paz liegt auf über 4000 Meter Seehöhe. Der Andenstaat zählt zu den vielfältigsten Reisezielen dieses Planeten. Im Hochland prägen endlose, bizarre Landschaften und schneebedeckte Vulkangipfel, brodelnde Quellen und dampfende Geysire das Bild.

Die Luft ist dünn und die Nächte sind kalt im schroffen Altiplano. Zentralheizung Fehlanzeige. In den einfachen Wüstenhotels sind Wolldecken und der berühmt-berüchtigte Coca-Tee das Mittel der Wahl gegen Minusgrade und höhenkrankheitsbedingten Schüttelfrost. Wer Bolivien bereist muss nicht nur körperlich an seine Grenzen gehen, sondern auch bereit sein auf Komfort zu verzichten. Wem das gelingt, der wird mit unvergesslichen Eindrücken und einer unberührten, fast epischen Naturschönheit, wie es sie auf der Welt nur noch selten gibt belohnt.

Ein Alleskönner als Guide

Carlos, von seinen Kollegen nur „ El Capitán“ genannt, ist seit mehr als 20 Jahren mit abenteuerlustigen Touristen im kargen Hochland Boliviens unterwegs. Sein silberfarbener Toyota Landcruiser, Baujahr 1996, hat schon mehrere Hunderttausend Kilometer auf dem Buckel und auf den abenteuerlichen Ausfahrten zahlreiche Schrammen abbekommen, doch Carlos denkt nicht daran ihn auszutauschen. „Moderne Autos würden unter diesen extremen Bedingungen kaputt gehen, diese hier halten noch etwas aus“ sagt der „Kapitän“ und tätschelt die Motorhaube. Wie seine Kollegen ist er mehr als nur Fahrer. Die meisten Guides sind Mechaniker, unverzichtbar in den endlosen Weiten des Altiplanos zwischen Bolivien und Chile, ohne Handyempfang und Infrastruktur. Ein geplatzter Reifen ist hier noch das geringste Übel. Die Sicherheit mit der er sich orientiert, hat Fährtenleser-Qualität, denn von Straßen kann hier oben keine Rede sein. Oft weisen nur Reifenspuren den Weg über abenteuerliche Schotterpisten und schwindelerregende Pässe, manchmal geht es einfach querfeldein durchs Gelände mit tiefen Furten und kraterähnlichen Schlaglöchern, die Reifen und Aufhängung hör- und spürbar an ihre Grenzen bringen.

Idyllische Lagunen

Zielsicher und flott fährt „El Capitán“ durch die Hochebene. Er kennt die Gegend wie seine Westentasche und weiß, wo sich die schönsten Panoramen und besten Motive verbergen. Die malerischen Lagunen haben es ihm besonders angetan. Meist ist es die Farbe des Wassers, die namensgebend für die idyllischen Bergseen ist. „Laguna Verde“ zum Beispiel, weil die Wasseroberfläche smaragdgrün in der Sonne schimmert. In der „Laguna Colorada“ färben Mineralien und Algen das Wasser tiefrot und verleihen außerdem den hier lebenden Flamingos, die unbeeindruckt von Besuchern auf der Suche nach Nahrung durch die Lagune staksen, ihre typische, rosarote Farbe.

Carlos Favorit ist die „Laguna Negra“, ein Sumpfgebiet vor der Kulisse beeindruckender Sechstausender. Ein Wanderweg entlang des Flusslaufes lädt dazu ein, sich die Beine zu vertreten und die Schönheit der schwarzen Lagune aus nächster Nähe zu bewundern. In den Ebenen grasen Lamas und Alpakas wie bestellt für das perfekte Postkartenmotiv und auch Vogelfreunde kommen in diesem einzigartigen Ökosystem auf über 4000 m Seehöhe voll auf ihre Kosten.

Dabei sollte man es ruhig angehen, denn vor den Auswirkungen der ungewohnt dünnen Luft ist kaum ein Besucher gefeit. Der Kopf pulsiert als hätte man tags zuvor eine schlechte Flasche Wein geleert und jeder Schritt wird zur Herausforderung, weil die Lunge permanent nach Sauerstoff schreit. Den einen trifft es stärker, den anderen weniger, wie der Körper reagiert lässt sich kaum vorhersagen. Einige Tage Akklimatisierung sind vor dieser kräftezehrenden Tour zu empfehlen. Carlos schwört auf die heilende Wirkung des landestypischen Coca-Tees und ist stets darauf bedacht, genügend Coca-Blätter mitzuführen. Die ungewohnte Höhe, extreme Temperaturen und lange Fahrten, zu fünft in einen Jeep gequetscht, mit Gepäck am Schoß und berieselt von einer Dauerschleife ohrenbetäubender, lateinamerikanischer Herzschmerzmusik, rütteln bisweilen stark an den Toleranzgrenzen der Teilnehmer.

Neben seiner Funktion als Fahrer überrascht der Guide auch als Koch und zaubert – teilweise mit Hilfe einheimischer Frauen – Tag für Tag eine ungeahnte Variation an Köstlichkeiten aus den Tiefen des Kofferraums. Am meisten Spaß macht ihm jedoch das Fotografieren in den unendlichen Weiten der weltberühmten Salzwüste.

Salzwüste

Salar de Uyuni, mit mehr als 10.000 Quadratkilometern Fläche die größte Salzpfanne der Welt, zählt zu den Highlights einer jeden Bolivienreise und gilt als eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten Südamerikas. Hier, in einem Meer von weißem Salz verliert sich im gleißenden Licht das Gefühl für Raum und Perspektiven, da es in der kargen Umgebung an Vergleichspunkten fehlt. Eine ungewöhnliche Situation, die Raum für kreative Fotomotive schafft.

Ein Naturschauspiel ungeahnten Ausmaßes erlebt man zwischen Dezember und Mai, wenn anhaltende Regenfälle die Salzpfanne fluten und die unwirtliche Gegend innerhalb weniger Wochen in einen riesigen Salzsee verwandeln, auf dessen Oberfläche sich Himmel und Wolken spiegeln.

An einem windstillen Tag verschwimmen so die Grenzen zwischen Himmel und Erde und der Horizont verliert sich. Der größte Spiegel der Welt, erschaffen aus den Launen der Natur, ein Anblick der selbst Carlos noch immer tief beeindruckt. „Soviel Wasser hatten wir schon lange nicht mehr“ erzählt er, während die Gruppe durch das kühle Nass watet und versucht das Phänomen mit der Kamera festzuhalten. Es ist, als ob man durch ein Meer von Wolken spaziert, losgelöst von Zeit und Raum, surreal und einzigartig.

Angesichts dieses Erlebnisses lässt es sich leichter verschmerzen, dass der Weg durch die Salzwüste auf Grund der Wassermassen gesperrt ist und ein Besuch der Kakteeninsel Incahuasi sprichwörtlich ins Wasser fällt. Das ist das Risiko einer Reise in der Regenzeit.

„Letzte Woche sind wir noch durchgefahren, jetzt steht das Wasser fast einen halben Meter hoch, es wäre viel zu gefährlich und außerdem ist es verboten“ mahnt Carlos und ruft zur Abfahrt. Dass manche Kollegen es trotzdem versuchen ärgert ihn. Es sei das Geld das sie verleitet, denn viele Besucher würden das Risiko unterschätzen und für bolivianische Verhältnisse horrende Summen bieten. Manch einer würde da schwach werden bedauert er, das ist angesichts der Armut im Land nicht verwunderlich.

Die Reise ist auch so ein unvergessliches Erlebnis. Wer peitschenden Winden, extremen Temperaturschwankungen und der ungewohnten Höhe trotzt, wird unauslöschliche Erinnerungen mit nach Hause nehmen.

Info

Anreise von Wien z.B. mit Iberia und Avianca über Madrid und Bogotá oder mit Lufthansa und Avianca über Frankfurt am Main und Bogotá nach La Paz.

Währung/Preisniveau Bolivien ist kein ausgesprochenes Billigreiseland mehr, doch  gehört es zu den  günstigeren Ländern  in Südamerika. 1€= ca. 8 Boliviano (BOB).  

Beste Reisezeit Jänner–März für die überflutete Salzwüste, sonst Mai, Juni oder September.

 Weitere Highlights La Paz, Titicaca-See und  Sonneninsel, Sucre, Potosí, Rurrenabaque

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