Reise
09.02.2018

Das alternative Machu Picchu

Jenseits der Touristenschlangen vor Machu Picchu wartet eine vergessene Ruinenstadt in den Wolken. In Choquequirao hat man die Magie der Inkas meist für sich allein.

Machu Picchu, so fern. Sehnsüchtig geistern die Gedanken hinüber zu der verlorenen Stadt in den Wolken. Nur etwa 30 Kilometer Luftlinie von hier, hinter schneebedeckten Fünftausendern, schlürfen gerade Rentner aus Texas und Taiwan Pisco Sour und machen Selfies mit genervten Lamas. Selbstzufrieden blicken sie auf das siebte Weltwunder. In einem Plüschsessel haben sie sich bei einem Glas chilenischem Cabernet in dem kolonialluxuriösen Belmond Hiram Bingham-Zug die Anden hinaufbringen lassen.

Hier auf dem Maultierpfad nach Choquequirao aber kämpfen die Conquistadores des 21. Jahrhunderts mit der Höhenkrankheit, fummeln an ihren Blasen und kratzen an ihren Moskitostichen und am Sonnenbrand. Erbarmungslos brennt die Nachmittagssonne von einem cyanblauen Himmel. Wie nur, wenn nicht auf Droge, fragt der müde Wanderer, hat dieses wahnsinnige Volk der Inka gigantische Felsbrocken diese mörderischen Steilhänge hinaufgeschleppt? Für einen selbst scheint gar eine halb volle Wasserflasche zu schwer.

"Choquequirao will verdient sein", hatte Ramiro Salazar Cana seine Wandergruppe gleich zu Beginn der Tour gesagt. Da klang es noch nicht wie eine Warnung. Der 30-jährige Bergguide führt seit acht Jahren Touristen durch die Anden. Der Choquequirao-Trek gehört zu seinen Lieblingstouren. Sein Handwerk, von Hitze und Höhenkrankheit gemarterte Europäer und Amerikaner mit Inka-Legenden und Anden-Kalauern aufzubauen, versteht er bestens: "Noch eine Serpentine oder zwei und dann wartet vielleicht schon ein Puma auf seine Beute."

Atemraubend liegt das Apurímac-Tal zwischen schneebedeckten Bergketten und schwindelerregend hohen Klippen. "Der heilige Berggott, der spricht", so in etwa lautet der Name des Flusses", erklärt Ramiro. Der reißende Strom brabbelt hier durch einen der tiefsten Canyons der Welt. Beladene Maultiere keuchen den Berg hinauf. Würden sie nicht den Proviant und die Zelte tragen, man wäre wohl längst umgekehrt.

Die letzte Zuflucht

Irgendwo da oben wartet eine sagenumwobene Ruinenstadt. Bis heute ist sie nur für Wanderer über einen schmalen Pfad in mindestens zwei Tagesetappen zu erreichen. Die Inka nannten sie "Wiege des Goldes" – die letzte Zuflucht vor den im 16. Jahrhundert einfallenden Conquistadores. Die Spanier haben die auf über 3000 Höhenmetern im Bergdschungel verborgene Stadt nie entdeckt.

Anders als ihre Schwesterstadt Machu Picchu wurde Choquequirao bisher nur zum Teil freigelegt und nie vom Massentourismus erobert. Während die bekanntere Inkastadt nun Wahrzeichen Perus ist und heute täglich von mehr als 2500 Menschen besucht wird, waren es in Choquequirao 2016 nur etwas mehr als 5000.

Schon seit längerem gibt es Pläne für eine Seilbahn zu der vergessenen Inkastadt. Sie soll bis zu 400 Touristen pro Stunde in die Vilcabamba-Berge hinaufkarren. Das Vorhaben scheiterte bisher an den Streitereien zwischen den angrenzenden Regionen Apurímac und Cusco.

Brillenbären und Farbläuse

"Nehmt euch vor den Brillenbären in Acht!", scherzt Ramiro, als die Sonne endlich hinter den Berggipfeln verschwindet. Tatsächlich lassen sich die seltenen Andenbären mit den charakteristischen weißen Augenringen hin und wieder am Wegrand blicken. Die Wanderer haben aber heute kein Glück oder angesichts des mörderischen Steilhangs keine Augen mehr für die Fauna und Flora. Die einzelnen, mit zotteligen Bartflechten überzogenen Bäume sind für sie nur Schattenspender. Kaum ein Wanderer hält vor den leuchtend gelb blühenden Opuntien, Meter hoch aufragenden Kakteengewächsen, inne. Selbst ein Kondor, der über dem Tal kreist, zieht nur müde Blicke auf sich. Ausgerechnet mit einer Laus lenkt Ramiro seine Gruppe doch von den Strapazen des Aufstiegs ab. Eine wie mit Mehltau überzogene Opuntie birgt eine Überraschung: Als Ramiro die weiße Substanz zwischen seinen Fingern verreibt, entsteht eine leuchtend purpurne Farbe. "Die Inka nutzten die Cochenilleschildlaus, um die prächtigen Gewänder ihrer Herrscher zu färben", erklärt der Guide, "Die Einheimischen haben diesen Farbstoff noch heute im Gebrauch."

In der Nacht prasselt Regen auf die Zelte. Die gestern noch staubige Berglandschaft ist am frühen Morgen in Wolkenschwaden gehüllt und grün. Urplötzlich geben die Wolken den Blick auf einen Hang mit Hunderten Terrassenstufen frei. "So etwas wie der Vorgarten von Choquequirao", sagt Ramiro. So trotzten die Inka den Bergen eine beachtliche Fläche für den Koka-, Mais- und Getreideanbau ab.

Als der Blick auf die Ruinen der Unterstadt auf einem Bergsattel fällt, stockt der ohnehin knappe Atem. Der Wolkenvorhang öffnet sich für die verlorene Stadt. Ihre Mauern und Bauten lassen nur erahnen, dass hier vor mehr als 500 Jahren das Leben pulsierte. Soldaten, Bauern und beladene Lamas bevölkerten die Straßen .

Anders als in Machu Picchu hat man die magische Welt der Inka in Choquequirao meist für sich allein. An diesem Morgen erkunden nur ein Backpacker-Pärchen und eine französische Familie die Ruinen.

"Die Bedeutung von Choquequirao steht der von Machu Picchu und Cusco in nichts nach", sagt der Archäologe John Apaza, der von 2013 bis 2014 die Ausgrabungen leitete. "Trotz ihres Namens hat man hier aber nie Gold gefunden." "Gut möglich, dass die letzten Bewohner sich mit ihren Reichtümern vor den Spaniern in den Dschungel absetzten", sagt Apaza. Dort suchen Abenteurer noch heute nach der sagenumwobenen Inka-Stadt Paititi, die manche mit Eldorado gleichsetzen.

"Wir dürfen hier nicht die gleichen Fehler wie in Machu Pichu machen", sagt Apaza. "Der Schutz des archäologischen Erbes und der Natur muss oberste Priorität bleiben." Auch Ramiro hofft, dass Choquequirao nie Ziel des Massentourismus wird. "Zu viele Menschen gefährden die Ruinen ." Zwar liegt die Seilbahn derzeit auf Eis, doch eine neue Straße ist geplant: Vom Bergstädtchen Mollepata aus, soll Wanderern künftig der Aufstieg aus dem Apurimac-Tal erspart bleiben.

Irgendwann werden vielleicht auch Rentner aus Tennessee und Tokio mit Blick auf die "Wiege des Goldes" ihren Pisco Sour schlürfen. Bis dahin gehört das magische Choquequirao aber weiter den Hartgesottenen allein.

Anreise Mit Iberia, KLM über Madrid oder Amsterdam nach Lima. Inlandsflüge z.B. Latam. Cachora liegt etwa dreieinhalb Autostunden von Cusco.www.iberia.com,www.klm.com,www.latam.com

Beste Reisezeit März bis November

Buchen Jumbo Touristik bietet eine 4-tägige Wander-Pauschalreise für den Choquequirao Inka Trail im Zeitraum 1. 3. bis 31. 10. 2018 an. Preis pro Person 485 € bei vier Teilnehmern, 609 € bei drei, 882 bei zwei Teilnehmern und 1723 € bei einem Teilnehmer, inkl. Guide, Verpflegung, Camping-Ausrüstung, Transfer Cusco nach Cachora, Pferde und Hundeführer zur Unterstützung. www.jumbo.at.

Individuelle Pakete schnüren auch Raiffeisen Reisen, www.raiffeisen-reisen.at und der deutsche Reiseveranstalter Gateway Lateinamerika hat diesen Inka Trail ebenfalls im Programm. www.gateway-lateinamerika.de

Übernachten Zwei historische Häuser der Hotelgruppe Belmond (Monasterio und Palacio Nazarenas) im Zentrum von Cusco. Die Sanctuary Lodge ist das einzige Hotel, das direkt am Eingang von Machu Picchu liegt.www.belmond.com/de.

Idealer Ausgangspunkt für Wanderungen nach Choquequirao und in andere Andenregionen: Hotel Rio Sagrado im Urubamba-Tal.

Auskunft PromPerú www.peru.travel