Reise
03.09.2018

Route 66: Eine Legende erfindet sich neu

Der Mythos, den diese einst wichtige Verbindung von Chicago zur US-Westküste umgibt, macht sie noch immer zur Traum-Route.

Mother Road Brewing Company“ steht auf dem Firmenschild der Brauerei. Michael Marquess, der Besitzer, ist einer der vielen, oft jungen Unternehmer, die sich bemühen, einen Mythos am Leben zu erhalten. Er freut sich über einen Anknüpfungspunkt: „Ah, from Austria. Die Mutter meiner Frau ist auch aus Österreich. Sie kommt aus Wien.“

Stolz zeigt Marquess seinen eigenen Betrieb, den er mit viel Engagement aufgebaut hat. Die Bierdosen sind alle im Design der 50er Jahre gehalten, die verschiedenen Sorten haben Namen wie Tower Station oder Lost Highway.

Lost Highway bezieht sich dabei nicht auf den Film von David Lynch, sondern mehr oder weniger auf die eigene Adresse. Denn die Straße, an der die Brauerei liegt, existiert offiziell gar nicht mehr und wird trotzdem immer populärer: Die Route 66, die einst Chicago im Norden mit Santa Monica bei Los Angeles im Südwesten verbunden hat.

Ein Weg in die Zukunft

Der knapp 4000 Kilometer (2450 Meilen) lange Highway wurde 1886 angelegt. 1926 war er endlich durchgängig asphaltiert und daher in der Zwischenkriegszeit die vermutlich wichtigste Ost-West-Verbindung. In den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit Weltwirtschaftskrise und Hungersnöten wegen der Trockenheit im Mittleren Westen, war sie für Tausende der hoffnungsgeladene Weg in eine bessere Zukunft in Kalifornien.

Entsprechend oft wurde die Route 66 in Liedern besungen, in Romanen beschrieben und in Filmen wie „Easy Rider“ verherrlicht. Als sie 1984 aus dem Straßennetz gestrichen wurde, fanden sich zahlreiche Orte, die bis dahin an einer wichtigen Durchzugsstraße lagen, plötzlich im Nirgendwo.

„Viele Städte hatten wirklich mit dem Überleben zu kämpfen“, erzählt Sean Evans, Geschichtsexperte für die Route 66 an der Northern Arizona University. „Es ist faszinierend zu sehen, wie sich diese Städte neu erfinden mussten.“ Mit zu diesen Erfindungen gehört die Pflege des Mythos Route 66 und die entsprechende Vermarktung.

Ein Fleckerlteppich

Heute ist die ehemalige Durchzugsstraße ein Fleckerlteppich, der sich von Flagstaff aus sehr gut erkunden lässt. Gleichzeitig lassen sich natürlich auch die angrenzenden Sehenswürdigkeiten besuchen.

Wir landen bei Ulli, Birgit und Harry von Eagle Rider Flagstaff. Das Ausborgen von Motorrädern geht da besonders reibungslos, denn die drei kommen aus Deutschland und erklären die Versicherungs- und Ausleihformalitäten in der vertrauten Sprache.

„Hauptsaison ist von April bis Ende Oktober“, erläutert Ulli. Als Motorrad-Fan hat es ihn an die Route 66 verschlagen. Dort hat er dann gehört, dass Eagle Rider jemanden sucht, der Harley-Davidson-Bikes in Flagstaff vermietet und so hat er das Hobby auch gleich zum Beruf gemacht.

Ulli bietet Ein-, Zwei- und Drei-Tagestouren an, mit denen die Reste der legendären Straße besichtigt werden können. Je nach Bike-Type beträgt die Leihgebühr zwischen 140 und 150 Dollar pro Tag zuzüglich Steuern und Versicherung.

In Flagstaff lässt sich die Mother Road auch zu Fuß erkunden, am besten vom Bahnhof aus, weil sich dort das Visitors Center befindet. Eingebettet zwischen typischen amerikanischen Häusern mit Vorgärten kann man einen Blick in die historischen Motels werfen, vor der Mother Road Brewing Company ein Pale Ale kippen oder sich in Flagstaffs neuestem In-Restaurant „La Vetta“ mit italienischen Köstlichkeiten stärken.

50 Kilometer westlich von Flagstaff liegt Williams, von wo aus eine Nostalgie-Eisenbahn zum Südrand des Grand Canyon führt. Das Grand Canyon Railway Hotel ist ganz im Wildwest-Stil eingerichtet und bietet den Komfort eines Vier-Stern-Hauses. Standesgemäße Burger werden im „Cruisers Route 66 Café“ bei passender Livemusik serviert. In der Wild West Junction, einer nachgebauten Dorfstraße, probt der Bürgermeister höchstpersönlich mit seiner Laientruppe, um den Touristen authentische Cowboy-Eindrücke zu vermitteln. Wer will, kann dort auch in einem Hotelzimmer übernachten, das in typischer Wildwest-Manier eingerichtet ist.

Der Saloon ist mit Ein-Dollar-Noten tapeziert – eine nostalgische Reminiszenz an die Tage, als man um einen Dollar noch mehrere Drinks kippen konnte. Der Barkeeper heftete den Dollar an die Wand, in die Kassa wanderte er erst, wenn er weggetrunken war.

Noch einmal 60 Kilometer westwärts erreicht man Seligman, von wo aus ein 136 Kilometer langes Straßenstück durchgehend nach Kingman führt – für bikende Route-66-Fans ein Highlight mit malerischen Tankstellen, Motels und General Stores. In Kingman bietet das Route-66-Museum im Powerhouse einen guten Überblick zur Entwicklung des Reisens entlang der alten Straße.

Richtung Osten fährt man entlang der Interstate 40 über Winslow nach Holbrook, bekannt für das Wigwam Motel, bei dem ein Teil der Zimmer wie Indianerzelte aussehen.

Grandiose Landschaft

Landschaftlich beeindruckender ist vermutlich ein Abstecher nach Norden. Besonders sehenswert sind dort Horseshoe Bend, eine Flussschleife, die der Colorado-Fluss in das rote Gestein gegraben hat; Lake Powell, der zweitgrößte Stausee in den Vereinigten Staaten; Antelope-Canyon in der Nähe von Page – eine unterirdische Schlucht mit atemberaubenden Gesteinsformationen – und an der Grenze zu Utah das berühmte Monument Valley, Kulisse für viele Western-Filme.

Etwas abseits der ausgetretenen Touristenpfade liegt der Canyon de Chelly mit historischen Indianer-Siedlungen, die wie Schwalbennester in den Felswänden kleben. Navajo-Führer fahren die Touristen mit Pinzgauer-Geländeautos aus Österreich zu den interessantesten Stellen.

Energiefelder

Fährt man dann wieder nach Süden zurück zur Route 66, sollte man eine Rast am Hubbell Trading Post einlegen. Er wurde 1876 gegründet und ist somit eine der ältesten noch original erhaltenen Handelsstationen.

Attraktiv für Biker ist auch die knapp 50 Kilometer lange, gewundene Straße von Flagstaff nach Sedona. Ursprünglich war der Ort nur ein Handelsposten, nach dem Krieg siedelten sich immer mehr Künstler und New-Age-Gläubige an, weil die Landschaft rundum nicht nur wunderschön ist, sondern auch als besonders energiegeladen gilt. Zu den verschiedenen Energie-Zentren werden spezielle Touren angeboten.

Info

Anreise Mit Austrian über L. A.  oder mit British Airways  oder American Airlines über London nach Phoenix. austrian.combritishairways.com, www.aa.com

Währung 1 Euro = 1,16 US-Dollar

Einreise  Für die USA wird eine elektronische Reisebewilligung, ESTA, benötigt. www.esta.us/deutsch.html

Harley-Davidson  Eaglerider zählt zu den größten Harley-Verleihfirmen. Sie haben  Verleih-Stationen in  Phoenix, Scottsdale, Flagstaff und Mesa. Tagesgebühren ab  99 US-Dollar (Aktionsangebot). Es können auch Tourenpakete gebucht werden (eine Woche mit Guide und Zelt ab ca. 3000 Dollar). Es wird empfohlen, zwei bis drei Wochen im Voraus zu buchen. www.eaglerider.com/flagstaff

Beste Reisezeit April bis Oktober.  Im Sommer wird es allerdings oft recht  heiß  – bis zu 40 Grad.

Hotels 3*-Grand Canyon Railway Hotel mit Western-Ambiente in Williams, neben dem Bahnhof, von dem der historische Zug zum Grand Canyon fährt. (ca. 110 €/ Zi./Nacht). www.thetrain.com
–  Lake Powell Resort & Marina: 3*-Hotel mit traumhaftem Ausblick auf den See (ab 210 €/Zi./Nacht)

Essen und Trinken La Vetta in  Flagstaff, gehobene italienische Küche mit modernem Anspruch: www.lavettaitaliano.com.
– Amigo Cafe in Kayenta: Typische Navaho-Küche, z. B. Fry Bread, eine Art Indianer-Pizza.
– Indian Gardens Café & Market in  Sedona: Gemütlicher Treffpunkt im Oak Creek Canyon mit regional ausgerichteter Bio-Küche, www.indiangardens.com

Auskunft  www.visitarizona.com