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Reportage
03/29/2020

Zwischen Hamsterkäfig und Kühlschrank: Spitzenpolitik im Homeoffice

Die Klubchefs erzählen im Video-Interview mit dem KURIER, wie sie in Zeiten von Corona und Isolation arbeiten.

von Raffaela Lindorfer

12:48 Uhr, ein eingehender Videoanruf. Nummer unbekannt. Drauftippen, Anruf annehmen.

Am Display ploppt das Gesicht von Jörg Leichtfried auf, er sagt: „Hallo? Sehen Sie mich? Ah, ich seh’ Sie. Grüß’ Sie!“

Etwas früher als vereinbart ruft der SPÖ-Vize-Klubchef zum Interview mit dem KURIER an – aus seinem Homeoffice in Bruck an der Mur in der Steiermark. Oder besser gesagt: aus seinem Esszimmer. Und überrascht einen so in der eigenen Küche.

Hier gibt er jetzt nicht nur ein Interview – von Esstisch zu Esstisch –, hier hält er auch Videokonferenzen mit seinen Mitarbeitern und Parteikollegen ab, erledigt seine politische Arbeit.

Jeden Tag in dieser Woche, unterbrochen durch Spaziergänge mit seinem Hund. Und wenn das Mittagessen kommt. Dann muss Leichtfried Arbeitsunterlagen und iPad wegräumen, wie er erzählt. 

Der Pavillon des SPÖ-Klubs am Heldenplatz und die Parteizentrale in der Löwelstraße ist inzwischen menschenleer. Gearbeitet wird von zu Hause aus. Nur vor Parlamentssitzungen trifft man einander in kleinen Teams und mit Sicherheitsabstand.

„Die Gesundheit der Mitarbeiter und der Abgeordneten ist das wichtigste. Das aber immer mit dem Wissen, dass wir den Betrieb aufrechterhalten müssen. Wir sind auch in geringer Anzahl und unter diesen Bedingungen sehr effizient“, sagt der Vize-Klubchef. 

Anwesend – und gesund

Ein Thema geworden ist die Einsatzfähigkeit des Parlaments am Freitag vergangene Woche, als bekannt wurde, dass der ÖVP-Abgeordnete Johann Singer an Covid-19 erkrankt ist. Zehn weitere Mandatare im türkisen Klub wurden getestet, waren aber negativ.

Damit der Nationalrat beschlussfähig bleibt, muss ein Drittel der Abgeordneten, das sind 61 Personen, anwesend sein. Physisch – und eben gesund. 

Politik ohne Bürgerkontakt

Auch im ÖVP-Klub betreibt man „social distancing“ und arbeitet – soweit es geht – daheim. Klubchef August Wöginger hat gleich zwei Homeoffices:

Eines in seinem Wohnhaus in Sigharting, Oberösterreich, wo er mit seiner Frau und den drei Kindern (15, 12 und 8 Jahre alt) lebt; und eines bei seinem Mitarbeiter, der in der Nachbarschaft wohnt.

Da gibt es einen Schreibtisch, auf dessen Platte man sich spiegeln kann, ordentlich gestapelte Mappen und Zettel, iPad, Drucker und sogar eine kleine Zimmerpflanze. 

Wenn es sein muss, fährt der Innviertler nach Wien – „es gibt eben Dinge zu erledigen, das ist mein Job“, sagt er. Vieles geht aber leicht via Handy: „Ich bekomme viele Anrufe und Mails von Arbeitnehmern, die Fragen zur Kurzarbeit und zum Härtefonds haben.“ 

Wöginger, der auch Obmann des Arbeitnehmerbunds (ÖAAB) ist, schmerzt es schon, dass politische Versammlungen, Treffen und Festivitäten auf unbestimmte Zeit ausfallen müssen. Politik ohne Bürgerkontakt – geht das überhaupt?

„Das persönliche Gespräch ist natürlich unersetzbar“, sagt er.  „Aber es muss sein. Was wir von der Bevölkerung erwarten, muss auch für uns Politiker gelten.“ 

Hoffnung auf Geduld

Die Juniorpartner in der Regierung, die Grünen, sind schon länger im Homeoffice, und für das junge Team ist das Smartphone ohnehin so etwas wie ein zusätzliches Gliedmaß.

Gleich mehrmals am Tag gibt es Videokonferenzen, die Klubchefin Sigrid Maurer wahlweise daheim auf der Couch (teamintern) oder am Esstisch vor dem Bücherregal (seriöser) absolviert.

Die 35-Jährige lebt alleine in einer Wohnung in Wien. Der größte Vorteil im Homeoffice: „Der Kühlschrank“, weil sie jetzt gesünder isst als im Büroalltag. Der größte Nachteil: „Auch der Kühlschrank“, weil sie öfter hingeht als sonst. 

Sie lacht, weiß aber: die Isolation ist eine ernste Sache – vor allem für Familien mit Kindern, für Unternehmer.

Ob ihr die Coronakrise Angst macht? „Angst habe ich, wenn die Dinge außer Kontrolle sind“, sagt die Maurer. „Das ist jetzt nicht der Fall. Wir haben für Gesundheit und Wirtschaft gute Pläne, alles ist gut gemanagt. Es wird brutal, keine Frage, aber wir tun unser Bestes.“

Maurer würde ihre Sorge positiver formulieren: „Meine Hoffnung ist, dass uns allen nicht die Geduld ausgeht.“ 

Moralische Unterstützung

Geduld ist für Neos-Klubchefin Beate Meinl-Reisinger durchaus ein Thema. Mit ihrem Mann und den Kindern im Alter von elf und acht Jahren sowie der Jüngsten, die nächste Woche ein Jahr alt wird, ist sie zu ihrem Zweitwohnsitz in der Steiermark übersiedelt („Mehr Platz, viel Grün und weniger Leute“).

„Am Vormittag machen wir Schule. Ich habe größten Respekt vor Lehrern, und was sie leisten. Es ist ein Wahnsinn“, sagt sie und greift sich im Videotelefonat an den Kopf. Auch Alleinerziehenden richtet sie in diesen Zeiten „ein Wort des Mitgefühls“ aus. 

Nachmittags und abends zieht sich die pinke Chefin zum Arbeiten zurück. Sofern man das als „Rückzug“ bezeichnen kann: Meinl-Reisinger sitzt im Stiegenhaus an einem Tisch, den sie sich mit dem Käfig von Hamster Otto teilt (siehe Foto ganz oben)

Zu tun gibt es für sie in ihrem „Zwickel“ genug, während Otto in seinem Hamsterrad herumturnt: Die Neos sind Servicestelle und moralische Unterstützung für Klein-Unternehmer, die im Corona-Lockdown ausgeblutet werden, wie sie sagt. „Es braucht eine phasenweise Lockerung, sobald es geht, sonst ist unsere Wirtschaft tot.“ 

Dass sich die Politik ganz in die eigenen vier Wänden zurückzieht, davon hält Meinl-Reisinger nichts: „In den Supermärkten, im Gesundheitswesen und bei der Polizei sind jeden Tag Menschen bei Infektionsrisiko im Einsatz. Da kann man in der Politik, die auch ein systemrelevanter Bereich ist, nicht sagen: Ich habe Angst, ich bleib’ daheim.“

Streamen vs. konferieren

So ganz isolieren möchte sich auch FPÖ-Klubchef Herbert Kickl nicht. Die „gesellige, zwischenmenschliche Komponente“ sei fürs Arbeiten wichtig, „und man ist in räumlicher Nähe auch  produktiver“, sagt er beim Video-Interview mit dem KURIER in seinem Büro im FPÖ-Klub.

Mit seinen Fachreferenten für Wirtschaft, Finanzen und Sicherheit arbeitet Kickl in größtmöglichem Sicherheitsabstand, Besprechungen dürfen nie länger als 15 Minuten dauern. 

Zuhause in seinem Reihenhaus in Purkersdorf hat Kickl ein voll ausgestattetes Arbeitszimmer, teilt sich den Internetzugang aber mit seinem 20-jährigen Sohn, der diesen eifrig zum Streamen (von Uni-Vorlesungen) nutzt.

„Da muss man ein bissl aufpassen, dass die Kapazitäten reichen, wenn ich gleichzeitig eine Videokonferenz habe“, sagt Kickl schmunzelnd. 

Die Einschränkungen des öffentlichen Lebens, die von der Regierung verordnet wurden, tragen die Blauen wie auch die anderen Oppositionsparteien mit. Ein derartiger Schulterschluss ist in der österreichischen Politik wohl einzigartig. 

„Obwohl wir durch die Salami-Taktik der Regierung schon unnötig Zeit verloren haben“, merkt der ehemalige Innenminister an. „Beim ökonomischen Hilfsprogramm dürfen wir nicht denselben Fehler machen, wir brauchen große, mutige Schritte.“  

Auch, dass in Aussicht gestellt wurde, dass das gesellschaftliche Leben nach Ostern schrittweise wieder hochgefahren wird, findet Kickl „unverantwortlich“. Er hätte den Lockdown schon früher verordnet. 

Welche Perspektive er dann sieht? „Ich freue mich darauf, wenn wir auf diese Ereignisse zurückblicken und sagen können: wir haben es geschafft“, sagt der FPÖ-Klubchef, die Österreich-Fahne im Hintergrund. „Ich fürchte aber, bis dahin wird es noch länger dauern.“