© Kurier/Jeff Mangione

Politik | Inland
09/19/2018

Woran Christian Kern gescheitert ist

Sein Start war bemerkenswert, Kern hat aber offensichtlich viele Möglichkeiten ausgelassen.

Er sprach elf Minuten durch. Geschliffen, ohne Pause und Hänger. Sein Anzug saß makellos, auch die Krawatte. Und nachdem Christian Kern an diesem 17. Mai 2016 im Parlament seine erste Rede als designierter SPÖ-Chef gehalten hatte, ging ein Raunen durch die Zuhörer: Hatte der frühere ÖBB-Manager das wirklich alles gesagt? Hatte er offen ausgesprochen, dass die Politik ein „Schauspiel der Machtversessenheit und der Zukunftsvergessenheit“ biete? Und dass die Großparteien eine „letzte Chance“ hätten, sonst würden sie bald von der Bildfläche verschwinden?

854 Tage nach dem ersten Auftritt als Parteichef will Christian Kern nun also selbst verschwinden. Oder genauer: Er erklärt – auf Raten wohlgemerkt – seinen Rückzug von der Spitze und wird damit nicht nur der am kürzesten dienende Kanzler, sondern wohl auch der SPÖ-Vorsitzende mit dem geringsten Stehvermögen.

Wobei es zu einfach wäre, den angekündigten Rückzug auf mangelnde Leidensfähigkeit zurückzuführen. Vor allem der Nationalratswahlkampf bewies das Gegenteil, aber dazu später mehr.

Im Sog

Zunächst muss festgehalten werden: Christian Kern hat offensichtlich viele Möglichkeiten ausgelassen.

Sein Start war bemerkenswert. Selbst deutsche Medien wie die Süddeutsche Zeitung urteilten, man könne sich „dem Sog“ von Kerns „mit emotionalen Schlüsselwörtern gespickter Rede kaum entziehen“ – solch’ Lob war bis dahin ungewohnt.

Wenig überraschend stieg in der ÖVP die Nervosität, hatte man den SPÖ-Boss doch im Verdacht, bei nächster Gelegenheit Neuwahlen vom Zaun zu brechen: „Kern hat gute Umfragewerte und wirkt als Manager in Sachen Wirtschaftspolitik glaubwürdig. Er will so schnell wie möglich wählen“, unkten Berater des damaligen ÖVP-Chefs Reinhold Mitterlehner nur Tage nach Kerns Übernahme.

Der SPÖ-Chef wartete zu, präsentierte im Jänner 2017 den viel beachteten „Plan A“ und überließ es der ÖVP und Sebastian Kurz, im Mai Fakten zu schaffen – und eine Nationalratswahl zu erzwingen. Rückblickend betrachtet wohl ein Fehler.

Weit schwerer wog derweil Kerns mangelndes Gespür dafür, was das Innenleben seiner Partei angeht.

Während Konkurrent Kurz eine routiniert-ausgebuffte Mannschaft um sich scharte, rang Kern mit dem Personal und der Erwartungshaltung. „Wir haben damit gerechnet, dass er mit zehn, zwanzig neuen Leuten in der Löwelstraße einreitet, alles umbaut und Gas gibt“, erzählt ein früherer Mitarbeiter der Partei.

Nichts davon geschah. Die Partei blieb fast unverändert. Und im Wahlkampf verlor Kern nicht nur den Kampagnenchef, sondern völlig die Kontrolle – bei der Silberstein-Affäre war die SPÖ nur Passagier.

Zuletzt versuchte er es mit Fundamentalkritik. Der Ex-Manager bemühte eine Art Rabiatrhetorik, sprach von der „Murks-Regierung“ und wetterte gegen die FPÖ, die die Österreicher wie „Vollpfosten“ dastehen lasse.

Wohl fühlte er sich nie. Weder in der Rhetorik, noch in der Rolle. Also tat er das einzig Richtige: Er sagte, er will gehen.