Meinung
18.09.2018

SPÖ unter der Kern-Zirkuskuppel ratlos

Zwei Wochen vor seiner Wiederwahl zieht sich der Parteichef auf Raten in Richtung Brüssel zurück.

Wer Christian Kern in den vergangenen Wochen live erlebte, begegnete einem Mann, der äußerlich höchst bemüht die Fassung wahrte. Im Auftritt eloquent, wie immer, in der Sache selbst aber immer im Overdrive-Modus: Eine Spur zu grell, zu laut, alles in allem überdreht. Kern malte ein Katastrophenbild des Zustands der Republik, das auch sachlich gerechtfertigte Kritik mit einem dominanten Eindruck überstrahlte: Hier stehe ich als Verkannter und kann nicht anders. Jede politische Aussage blieb so überdeckt von der Kern-Botschaft: Es ist und bleibt ungerecht, dass statt einem Christian Kern nun ein Sebastian Kurz im Kanzlersessel sitzt. 

In die Rolle des Oppositionsführers fand der SPÖ-Chef so auch bald ein Jahr nach seiner Abwahl als Kanzler nie. Verkannt fühlte  sich Kern offenbar auch in den eigenen Reihen. Der verbindliche Hans Peter Doskozil ging mit einer Ansage gegen eine „grün-linke Fundi-Politik“ in der SPÖ-Programmdebatte offen in Opposition gegen Kern. Eine Personaldebatte wurde vorauseilend heftig dementiert, bevor sie jemand überhaupt öffentlich  eröffnet hatte.   Kern spürte nach der krachenden Wahlniederlage, dem missglückten Start in die Opposition und dem Sperrfeuer rund um die Migrationskurs-Debatte offenbar, dass er nun auch in der SPÖ permanent mit Gegenwind zu rechnen hat.

EU-Spitzenmann  fix, Oppositionschef gesucht

Christian Kern versucht sich jetzt mit einer zirkusreifen Volte aus dem internen SPÖ-Minenfeld zurückzuziehen. Er übernimmt den Job des SPÖ-Spitzenkandidaten bei der EU-Wahl im Mai und setzt darauf, bald auch als europaweiter Spitzenmann der  Sozialdemokraten ins Rennen zu gehen. Nicht nur die SPÖ suchte bislang vergeblich nach einem  Spitzenkandidaten, auch die SPE fahndet  nach einem Widerpart für EVP-Mann Manfred Weber und vor allem die neue Rechtspopulisten-Achse Orban/Salvini/Strache

Knalleffekt: Christian Kern tritt bei EU-Wahl als Spitzenkandidat an

Gutmeinende in der SPÖ sagen, Kern wolle bei der EU-Wahl am 26. Mai 2019 im großen Europa seine Scharte vom 15. Oktober im kleinen Österreich auswetzen. Kern-Kritiker – und das sind seit gestern mehr statt weniger – schütteln angesichts der Vorgangsweise den Kopf. 

Zweieinhalb Wochen vor dem Programmparteitag steht die SPÖ über Nacht so  vor einem Personal-Dilemma: Sie hat nun zwar einen Spitzenkandidaten für die EU-Wahl in acht Monaten – und braucht aber dringend einen Oppositionschef, der bald ein Jahr nach der Machtübernahme durch Türkis-Blau die zwischen Totalopposition und Alternativangebot  strauchelnde Regierungspartei a. D. wieder in die Gänge bringt. Christian Kern war bislang vor allem parteiintern für seine Sprunghaftigkeit  und seine 180-Grad-Volten bekannt und berüchtigt.

Jetzt sitzt das politische Österreich in der ersten Reihe und hat angesichts dieses überfallsartigen Rückzugs auf Raten Richtung Brüssel zunehmend mehr verständnislose Fragen als plausible Antworten. 

Video: Politik-Analyst und OGM-Chef Wolfgang Bachmayer über das gefährliche Manöver von Christian Kern.

"Warum eigentlich, Herr Bachmayer?"