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Politik Inland
08/29/2021

Warum jetzt (k)ein Schulchaos droht

In acht Tagen startet Ostösterreich ins nächste Corona-Schuljahr. Wie sicher sind die Schüler? Und was erwartet die Eltern? Fachleute beurteilen das Konzept der Regierung.

von Barbara Mader, Valerie Krb

In einer Pandemie gibt es keine Garantien. Auch nicht dafür, dass der Präsenzunterricht durchgehend stattfinden wird. Nach mehr als eineinhalb Jahren Ausnahmezustand hat Hannes Sauerzopf, Direktor der größten Schule Österreichs, einen recht nüchternen Blick auf das neue Schuljahr. „So schnell regt mich nichts auf. Den Worst Case, nämlich Homeschooling, kennen wir schon. Es kann nur besser werden“, sagt der Leiter der HTL-Mödling, die mit 3.500 Schülern auch eine der größten Schulen Europas ist.

Schulen galten als wesentlicher Treiber in der Pandemie – auch wenn die Rolle der Jungen in der Ausbreitung des Virus noch nicht völlig geklärt ist.

Wie mit der Pandemie im kommenden Schuljahr umgegangen werden soll, haben Bildungs- und Gesundheitsministerium zuletzt in einem Maßnahmenpaket vorgestellt. Es beginnt mit einer dreiwöchigen „Sicherheitsphase“, der drei unterschiedliche Sicherheitsstufen auf Basis der 7-Tage-Inzidenz folgen.

Der KURIER hat Experten und Betroffene um Einschätzung zum Corona-Konzept für Schulen gebeten.

Wie wird in den Schulen künftig getestet?

In der dreiwöchigen Sicherheitsphase müssen Lehrer und Schüler unabhängig vom Impfstatus drei Mal pro Woche testen, mindestens einmal ist ein PCR-Test verpflichtend. Danach sind, wenn sich die Lage nicht verschärft, keine Tests für Schüler vorgesehen. Ebenso wenig eine Maske. Erst ab Sicherheitsstufe zwei soll es wieder Tests geben. Wien geht einen Sonderweg, hier wird zwei Mal pro Woche mit einem PCR-Test weitergetestet. Mikrobiologe Michael Wagner, Leiter der Gurgelstudie, in der die Häufigkeit von Corona-Fällen bei Schülern und Lehrern untersucht wurde, wundert sich, dass weiterhin Antigen-Tests möglich sind: „PCR-Tests sind wesentlich sensitiver als Antigen-Tests. Das ist wissenschaftlich belegt. Antigen-Tests einzusetzen ist zwar besser als nicht zu testen, aber sie übersehen viele Infizierte und auch Infektiöse.“

Warum man trotzdem beide Tests macht? „Der logistische Aufwand ist bei den Antigen-Tests geringer. Aber ich bin überzeugt davon, dass es möglich ist, PCR-Tests in den allermeisten Schulen anzubieten. Dies braucht natürlich etliche Wochen Vorbereitungszeit, aber viele Wissenschafter weisen seit Monaten darauf hin, wie wichtig es wäre, flächendeckend PCR-Tests während des nächsten Schuljahrs anzubieten. Und solange man nicht weiß, ob geimpfte Kinder auch übertragen können, wäre es überlegenswert, auch Geimpfte zu testen.“

Das Gesundheitsministerium hält dagegen: „Antigen-Tests ermöglichen durch das rasche Ergebnis der getesteten Person zu jedem Zeitpunkt eine Information über den eigenen epidemiologischen Status.“

HTL-Direktor Hannes Sauerzopf bestätigt, dass Antigen-Tests vom Aufwand her unkomplizierter sind. „Aber das mit den PCR-Tests werden wir auch hinbekommen. Es zahlt sich aus.“

Er setzt hinzu: „Ich gehe dem neuen Schuljahr entspannt entgegen. Für mich beginnt jetzt das dritte Jahr als Direktor an der größten Schule Österreichs. Ich bin Krisenmanagement von der ersten Stunde an gewöhnt.“

Sicherheitsstufen: Gestartet wird das Schuljahr mit der dreiwöchigen Sicherheitsphase: Alle Schüler und Lehrer tragen außerhalb der Klasse einen Mund-Nasen-Schutz. Schüler testen dreimal pro Woche. Danach wird es drei unterschiedliche „Sicherheitsstufen“ geben, die auf Basis der Empfehlungen der Corona-Kommission erfolgen.

Durchimpfungsrate: Bei den 12- bis 19-Jährigen sind 40,08 % teilimmunisiert und 33,41 % bereits vollimmunisiert.

Impfen unter 12? Laut Gesundheitsministerium hängt das von der Datenlage und der Entscheidung der Zulassungsbehörde EMA ab. Ein Zulassung bis Ende des Jahres oder Anfang kommenden Jahres ist ExpertInnen zufolge durchaus möglich.

3.400: So viele Schülerinnen und Schüler waren Anfang August für den häuslichen Unterricht angemeldet. Die Gründe werden nicht erfragt, ein Zusammenhang mit Corona ist wahrscheinlich.

Was ist mit den Aerosolen im Klassenzimmer?

Wer kann, der lüftet: „Es gibt nichts Besseres und Billigeres als Querlüften. Luftreiniger brauchen wir nicht“, sagt Schulleiter Sauerzopf. Weil dies aber nicht in jedem Schulgebäude und in jeder Klasse möglich ist, werden ab dem neuen Schuljahr Luftreinigungsgeräte zur Verfügung gestellt. Insgesamt 4.000 Geräte werden angeschafft. Die ersten Geräte werden erst zu Schulbeginn geliefert. Die Wartung liegt allerdings bei den Schulen.

Was haben Kläranlagen mit Schulen zu tun?

Auch das ist Teil des sogenannten Frühwarnsystems, das helfen soll, Trends im Pandemiegeschehen schnell zu erkennen: 116 Kläranlagen werden am sogenannten Abwassermonitoring beteiligt sein, damit sollen 75 Prozent der Schüler erfasst werden. Durch diese Proben auf regionaler Ebene sollen frühzeitig Infektionen erkannt und Cluster verhindert werden. Mikrobiologe Wagner ist skeptisch: „Abwassertests auf SARS-CoV-2 sind sinnvoll, aber haben mit Schulschutz zunächst nichts zu tun. Da wird ja die Inzidenz des gesamten Einzugsgebiets einer Kläranlage abgeschätzt. Entscheidend hierbei ist, welche Konsequenzen bei welchen Grenzwerten aus den Abwassertestergebnissen für die Schulen gezogen werden.“

Was, wenn mein Kind positiv getestet wird?

Das genaue Vorgehen entscheidet die Schule in Abstimmung mit der Gesundheitsbehörde. Meistens werden nach dem ersten positiven Antigen-Test weitere gemacht, um sicher zu sein. Dann werden Eltern und Gesundheitsbehörde informiert. Schule und Behörde entscheiden gemeinsam, wie das weitere Umfeld bewertet wird. Die Definition, wer als K1 gilt, hat sich immer wieder verändert. Geimpfte können nicht K1 sein. Mikrobiologe Michael Wagner: „Die Frage, wer als K1-Person in der Schule gilt, ist sehr spannend. Nur der Sitznachbar oder die ganze Klasse? Epidemiologisch wäre Letzteres wesentlich sinnvoller.“

Fix ist, dass auch hier ein Unterschied zwischen Geimpften und Ungeimpften gemacht wird: Das Gesundheitsministerium empfiehlt, geimpfte Schüler trotz Infektion eines Klassenkameraden weiter in die Schule gehen zu lassen. Die letzte Entscheidung trifft aber immer die lokale Gesundheitsbehörde.

Was sage ich im Büro, wenn mein Kind in Quarantäne muss?

Durch die Sonderbetreuungszeit, die bis Schulschluss möglich war, konnte man per Rechtsanspruch bis zu vier Wochen von der Arbeit freigestellt werden. Eltern bezogen ihr bisheriges Entgelt, der Arbeitgeber erhielt dieses aus Bundesmitteln ersetzt.

Diese Möglichkeit wurde bis dato nicht für die Zeit ab Herbst verlängert. „Das bedeutet für betroffene Eltern, dass sie auf das bisherige Arbeitsrecht zurückgreifen müssen“, erklärt Arbeitsrechtsexperte Philip Brokes von der Arbeiterkammer Wien. Konkret heißt das entweder Pflegefreistellung – für den Fall, dass ein Kind wegen Erkrankung zu Hause bleiben muss. Der Anspruch ist allerdings mit nur einer Woche pro Arbeitsjahr und pro Elternteil begrenzt (bei unter 12-Jährigen gebührt bei neuerlicher Erkrankung eine zweite Woche).

Für alle sonstigen Fälle, wo eine Betreuung zu Hause notwendig ist, etwa bei Quarantäne wegen K1, gilt: Dienstverhinderung aus wichtigen persönlichen Gründen. Das Problem dabei, sagt Brokes: „Die Freistellung gebührt nur für eine ,verhältnismäßig kurze Zeit’, als Orientierungswert wird eine Woche herangezogen. Das wird oft nicht ausreichen. In beiden Fällen gilt: Der Arbeitgeber erhält für die Dauer der Freistellung keine Entschädigung vom Bund wie bei der Sonderbetreuungszeit, sodass die Handhabe im Einzelfall neu mit dem Arbeitgeber auszuverhandeln ist.“

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