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Politik Inland
11/12/2019

Wie geht Klimaschutz, ohne die Wirtschaft zu bremsen?

In Österreich wachsen Ökonomie und Ökologie politisch zusammen. Politiker und Experten halten das auch in der Welt-Ökonomie für möglich, obwohl Wachstum noch auf CO2-Emissionen basiert.

von Bernhard Gaul, Wolfgang Unterhuber

Gute Stimmung ist in der Wirtschaft bekanntlich das halbe Wachstum.

Doch die Stimmung in der Weltwirtschaft ist so schlecht wie seit dem Krisenjahr 2009 nicht mehr. Das ist das Ergebnis einer globalen Untersuchung vom Münchner Ifo-Institut.

Das entsprechende Barometer fiel für das vierte Quartal auf minus 18,8 Punkte nach minus 10,1 Punkten im vorangegangenen Vierteljahr. Übertragen auf den Menschen würde das eine leichte Unterkühlung bei gerade noch 36 Grad Celsius bedeuten (wenn man 37 Grad als solides Wachstum betrachtet). Befragt hat das Ifo-Institut weltweit 1.230 Experten aus insgesamt 117 Ländern.

Miese Stimmung überall

Im Detail ist dieses Ergebnis der schlechteste Wert seit dem zweiten Quartal 2009, als die Finanzkrise die Wirtschaft in fast allen Regionen rund um den Globus in Turbulenzen stürzte.

„Die Weltkonjunktur kühlt sich weiter ab“, erklärt Ifo-Präsident Clemens Fuest in einem Statement zur Studie. „Die Experten erwarten ein deutlich schwächeres Wachstum des Welthandels, einen schwächeren privaten Konsum und eine niedrigere Investitionstätigkeit.“

Zudem verschlechtert sich das Weltwirtschaftsklima laut Fuest in allen Weltregionen. In den Schwellen- und Entwicklungsländern sowie im Nahen Osten und in Nordafrika herrscht laut dem Ifo-Bericht Rezession. In der EU, in den USA und auch in China herrscht zwar noch immer Wachstum, aber man befindet sich in einer Phase des Abschwungs. Aufschwung gibt es derzeit nur in einer Region: in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara.

Der Trump-Effekt

Die Hauptursache für die allgemeine Kellerstimmung ist bekannt: die von den USA angeheizten Handelskonflikte. Durchschnittlich etwas mehr als 20 Prozent Zoll erheben die Amerikaner auf China-Importe – das ist sieben Mal so viel wie noch vor zwei Jahren. Das drückt auf den Welthandel, der ebenfalls schrumpft (siehe unten stehenden Bericht). Außerdem trübt der nach wie vor ungelöste Brexit-Streit die Stimmung der Unternehmen. Angesichts dessen werden auch die Aussichten für die kommenden Monate deutlich schlechter bewertet, so Fuest.

Und Österreich? Laut Wifo-Konjunkturtest vom Oktober verschlechterten sich die aktuellen Lagebeurteilungen der Unternehmen auch hierzulande weiter. Insbesondere in der Sachgütererzeugung fielen die Einschätzungen neuerlich viel pessimistischer aus als zuvor.

Die Klimaziele der G-20 sind (noch) nicht in Reichweite

Die Nachricht war zu erwarten: Die G20, die Gruppe der führenden Industrie- und Schwellenländer, die für 80 Prozent der Treibhausgas-Emissionen weltweit verantwortlich sind, haben zu wenig Maßnahmen gesetzt, um die Erderwärmung auf 1,5 °C zu begrenzen. Das zeigt eine internationale Studie, die am Montag veröffentlicht wurde.

Das bedeutet, dass das Pariser Klimaziel in Gefahr ist, wonach die Erderwärmung „deutlich unter 2 °C, idealerweise sogar auf 1,5 °C über dem vorindustriellen Niveau“ begrenzt werden soll. Um etwas über ein Grad Celsius hat sich die Erde bereits erwärmt.

Das Problem ist, dass die Treibhausgas-Emissionen weiter steigen. Belegt hat das am Montag der „Brown-to-Green“-Bericht, den das Netzwerk Climate Transparency veröffentlicht hat. Demnach sind die weltweiten Emissionen auch 2018 um 1,8 Prozent gestiegen.

„Das bedeutet, dass die G20-Staaten ihre Klimaschutzziele bis 2030 beim Ausstoß und bei Anpassungsmaßnahmen deutlich verschärfen müssen“, schreiben die Studienautoren.

Konkret sehen sie Probleme in folgenden Punkten:

  • Klimaschäden: Bereits jetzt würden Extremwetter-Ereignisse zu etwa 16.000 Toten pro Jahr führen, der ökonomische Schaden belaufe sich auf rund 142 Milliarden Euro.
  • Ausstoß: Noch immer fehle eine Entkoppelung von Wirtschaftswachstum und -Emissionen. Grund dafür ist, dass Wachstum nach wie vor vom Einsatz fossiler Brennstoffe abhängig ist.
  • Strom: Emissionen aus dem Elektrizitätsbereich seien wie in den vergangenen zehn Jahren um etwa 1,6 Prozent gestiegen, vor allem Kohleverstromung in Staaten wie Indonesien oder Türkei haben drastisch zugenommen.
  • Transport: Auch die Emissionen aus dem Verkehr nehmen zu, die Beimengung von Biotreibstoffen in den G20, derzeit bei sechs Prozent, müsste sich  verzehnfachen. USA, Kanada und Australien haben beim Verkehr den größten Pro-Kopf-Verbrauch.
  • Gebäude: Am problematischsten sei die Zunahme der Emissionen im Gebäudebereich mit über vier Prozent. Die USA, Australien und Saudi-Arabien weisen die höchsten Pro-Kopf-Emissionen auf. Die EU-Strategie für Null-Emissionshäuser wird gelobt.
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Die USA und Saudi-Arabien seien besonders säumig, Klimaschutzmaßnahmen zu verankern, heißt es im Bericht. Positiv sei, dass alle Staaten Maßnahmen für einen deutlich schärferen  Klimaschutz bis 2030 ergreifen können – wenn sie nur wollen.

Ein Beispiel: Warum die eigenen vier Wände das Problem sind

Geht es um Klimaschutz, führt die Diskussion schnell zu den großen Emittenten – dem Verkehrsbereich, der Energieaufbringung, der Landwirtschaft. Ein riesiger Sektor wird dabei aber gerne vergessen: der Gebäudebereich. In unserer nördlichen Hemisphäre brauchen wir Warmwasser und Heizung. In südlicheren Gefilden, und auch in Österreich immer mehr, kommen im Sommer die Emissionen aus der Gebäudekühlung dazu.

Weltweit sind die Treibhausgas-Emissionen im Gebäudebereich um enorm hohe 4,1 Prozent angestiegen.

In Österreich waren es laut Klimaschutzbericht 2019 im Vergleich zum Vorjahr zwar nur 0,1 Prozent Zuwachs, die Emissionen stiegen aber das dritte Jahr in Folge. Mehr als zehn Prozent (oder 8,3 Millionen Tonnen) der heimischen Emissionen stammen also aus den Heizkellern der Österreicher.

Emissionen sinken trotz Sanierungen nicht

Wobei: Nicht einmal das ist so korrekt dargestellt, sagt Günter Lang, Energieconsulter mit viel Erfahrung in der Altbausanierung: Diese zehn Prozent seien nur die direkt zuordenbaren Emissionen aus dem Erdgas- und Heizölverbrauch.

„Realistisch wäre viel mehr ein Anteil von 25 Prozent“, sagt Lang und erklärt: Ein Gutteil der Emissionen seien versteckt – in Stromheizungen, Wärmepumpen, Fernwärme oder Nahwärme.

Das sei auch der Grund warum die Emissionen trotz einer Sanierungsrate von 0,7 Prozent jährlich nicht sinke – es gebe immer mehr alternative Wärmequellen. Diese seien grundsätzlich zu begrüßen, sie würden aber das eigentliche Problem ausblenden: Österreich ist sehr weit vom Klimaziel entfernt, nur mehr Gebäude zu haben, die null Emissionen verursachen. Das sieht aber der nationale als auch der europäische Klimaschutzplan bis Mitte des Jahrhunderts vor.

Energieexperte Lang sieht zwei große Probleme, die von der Bundes- und Landespolitik noch ungelöst sind: Die gesetzlichen Regelungen für den emissionsarmen Neubau sind viel zu schwach. Und die Vorgaben bei der Sanierung der bestehenden Gebäude sind ebenfalls viel zu schwach.

Dazu ein kurzer technischer Einschub: Bei Gebäuden geht es um den Heizwärmebedarf (HWB), der in Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr angegeben wird.

Ziel müsse ein HWB von unter 10 (kWh//a) sein. Die Energie, die dann noch nötig ist, müsste emissionsfrei (aus erneuerbaren Energiequellen) sein.

Energieverschleuderung

Tatsächlich ist der Gebäude-Altbestand im Durchschnitt bei einem Wert von 145.  Selbst wenn diese Gebäude so saniert werden, dass um 90 Prozent weniger Energie verbraucht würde,   lägen die Gebäude noch immer über dem Energieziel bis 2050.

Von einer Reduktion um neunzig Prozent seien wir in Österreich aber ohnehin weit entfernt, sagt Lang. Nicht, weil es nicht technisch oder kostentechnisch möglich sei. Sondern weil es nicht verlangt wird. Lang: „Im Durchschnitt reduziert sich der Energieverbrauch nach einer Sanierung nur um 40 Prozent, was viel zu wenig ist.“

Und mehr noch: Ein saniertes Gebäude wird in der Regel die nächsten vierzig, fünfzig oder mehr Jahre nicht mehr angegriffen, die Energieverschwendung also auf viele Jahre festgemauert. Das seien sogenannte „Lock-in“-Effekte, warnt der Energieconsulter.

Aber auch beim Neubau würden derzeit Lock-in-Effekte beobachtet werden: Die Bauordnung darf jedes Bundesland für sich bestimmen, was dazu führt, dass manche Neubauten einen Heizwärmebedarf von 56 hätten: „Das ist erlaubt und wird auch so gebaut. Dabei ginge es ganz anders auch.“

Ein aktueller Bericht gibt Lang recht: In einer Studie im Auftrag von Global 2000 und dem Klimafonds wurde erst kürzlich durchgerechnet, dass von einer massiven und effektiven Sanierungsoffensive alle profitieren würden: Wenn die Politik jetzt handele, könnten tausende neue Jobs entstehen, viele Milliarden Euro nicht mehr an öl- und gasproduzierende Länder fließen und ein wesentlicher Beitrag zur Reduktion geleistet werden. Das sei eine Win-win-win-Situation.

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