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Politik Inland
12/16/2021

Wie Österreichs Umgang mit Corona-Daten die Pandemie verlängert

Berater der Regierung drängen auf eine klügere Vernetzung von Daten. Der vierte Lockdown hätte möglicherweise verhindert werden können.

von Christian Böhmer

Als ein Mitarbeiter des damaligen Bundeskanzlers Sebastian Kurz im Juli gefragt wurde, wie und von wem die Krisenstäbe die Zahl der belegten Intensivbetten gemeldet bekämen, da antwortete der Kabinettsmitarbeiter ernüchtert: „Wir bekommen das überhaupt nicht gemeldet. Wir rufen die Spitalsträger telefonisch durch.“

Nun ist Sebastian Kurz zwar nicht mehr Regierungschef. An der Daten-Lage hat sich bis heute aber kaum etwas geändert – und das, obwohl angesichts der Omikron-Mutation mehr denn je Tempo gefragt ist.

Seit Monaten drängen die Mitglieder der Krisenstäbe, die Grundlagen für die politischen Entscheidungen zu verbessern. „Wir haben Anfang des Sommers einen Vorschlag gemacht“, sagt Komplexitätsforscher Stefan Thurner zum KURIER. „Seither ist wenig passiert.“ Das ist irritierend. Denn viele Experten sind überzeugt, dass sich Österreich den vierten Lockdown möglicherweise hätte ersparen können, hätte man die „digitalen Hausaufgaben“ gemacht.

Worum geht es? Schon vor Monaten haben mehr als 30 Spitzen-Wissenschafter auf einem zehn Seiten zählenden Papier Vorschläge gemacht, wie in der Pandemie-Bekämpfung vorhandene Daten besser genützt werden könnten.

Medikationen, Diagnosen und Krankheitsverläufe werden zwar digital aufgezeichnet. Allerdings sind die Informationen nicht klug vernetzt und werden in vielen Fällen nur zu einem Zweck verwendet, nämlich für die Verrechnung.

Ansteckungsgefahr

„Die Informationen lagern in Datensilos“, sagt Thurner. „Aber dort sind sie weitgehend nutzlos.“

Was würde helfen? Der Experte bringt ein Beispiel: „Wenn wir wüssten, wie sich einzelne Berufsgruppen, also Busfahrer, Krankenschwestern etc. anstecken, dann könnten wir viel präzisere Maßnahmen empfehlen und auf Lockdowns für alle möglicherweise verzichten.“

Die Praxis sieht anders aus: Bis heute wissen die Pandemie-Prognostiker nicht, welche der im Spital behandelten Patienten Vor-Erkrankungen haben oder ob sie geimpft sind. Thurner: „Dabei interessiert uns ja überhaupt nicht, was genau der Herr Maier oder die Frau Huber haben. Uns geht es um die anonymisierten Daten und Verläufe.“

Datenstelle

Als konkrete Lösung haben die Experten eine „nationale Medizindatenstelle“ vorgeschlagen. Sie könnte – vom Parlament kontrolliert und unter strengen Auflagen – ein vollständigeres Bild des medizinischen Geschehens in Österreich zeichnen und auch in der Pandemie wertvolle Dienste leisten.

Davon ist man aber nach wie vor weit entfernt. „Wir müssen uns einfach fragen, warum wir unsere technischen Möglichkeiten nicht besser nutzen“, sagt Thurner. „Andere europäische Länder tun das – und ersparen sich damit große Grundrechtseingriffe wie etwa die Ausgangssperren für alle.“

Im Gesundheitsministerium ist man sich der Problematik bewusst und verweist auf bereits Erledigtes: So würden im Rahmen der Pandemiebekämpfung vom Ministerium Daten aus verschiedenen Quellen erhoben, analysiert und auch ausgewertet. Die Ergebnisse seien regelmäßig und transparent auf diversen Dashboards abrufbar.

Zudem würden derzeit statistische Daten mit dem eImpfpass vernetzt, um wissenschaftliche Analysen zu ermöglichen.

Ob es weitere „Datenverschneidungen“ geben soll, das werde „laufend evaluiert“.

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