Politik | Inland
09.03.2018

Warum Frauen lieber links wählen

Geschlechter-Parallelwelten: Männer tendieren zur FPÖ, Frauen zu rot und grün. Grund dafür sind unterschiedliche Lebensumstände.

1918, als Österreichs Frauen das Wahlrecht zugestanden wurde, geisterte in der jungen Republik eine Angst herum: Was ist, wenn Frauen anders wählen als Männer – also sozialdemokratisch?

Heute, 100 Jahre später, ist aus dieser Annahme längst Realität geworden: Wären ausschließlich Frauen am Zug gewesen, hätte Alexander Van der Bellen bei der Präsidentschaftswahl 2016 satte 62 Prozent bekommen; unter Männern säße heute Norbert Hofer in der Hofburg. In Kärnten hätten die Frauen SPÖ-Chef Peter Kaiser eine 56-Prozent-Absolute verschafft – und die Grünen wären nicht aus dem Landtag geflogen. Und in Niederösterreich, wo ebenfalls erst kürzlich gewählt wurde, hätten die Blauen von Frauen nur neun Prozent bekommen – bei Männern wären es 21 gewesen.

Andere Welt

Leben Männer und Frauen also in verschiedenen Welten? Offensichtlich.

Von "anderen Lebenszusammenhängen", spricht Kathrin Stainer-Hämmerle, Politikwissenschafterin an der FH Kärnten. Für Frauen seien Themen wie Kinderbetreuung, Mindestlohn oder Mindestpensionen viel relevanter als für Männer, "darum sind sie bei jenen Parteien aufgehoben, die sich dafür einsetzen."

Das belegt auch eine zum Frauentag durchgeführte Studie des IMAS-Instituts: Bei wahlentscheidenden Themen rangieren bei Frauen Kinderbetreuung, Gleichberechtigung, Bildung und soziale Gerechtigkeit vorne; bei Männern sind es Wirtschaft, Maßnahmen gegen Zuwanderung, Österreichs Interessen in der EU und Jobs.

Hinzu kommt, dass sich bei "Frauen der Anspruch durchgesetzt hat, sich von Frauen vertreten zu lassen", sagt Stainer-Hämmerle.

Wer also eine Frau an der Spitze hat, wird tendenziell auch von Frauen gewählt. Sichtbar war das in Niederösterreich, wo Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner von beiden Geschlechtern fast gleich viel Zuspruch bekam – bei der ÖVP dominieren sonst männliche Wähler. "Sie wurde nicht gewählt, obwohl sie eine Frau ist, sondern deswegen", sagt Stainer-Hämmerle. Seit Waltraud Klasnic, die sich bewusst "Frau Landeshauptmann" nannte, hat sich viel getan.

Die FPÖ gendert

Ob eine Frau an der Spitze auch der FPÖ nützen würde? "Nein", sagt Stainer-Hämmerle. Frauen, die blau wählen, hätten ein anderes Rollenverständnis; eine Frau an der Macht zu sehen, sei ihnen nicht so wichtig. Dass man Frauen als Wählerschaft dennoch adressieren sollte, dürfte die Partei aber mittlerweile erkannt haben: "Sogar Strache und Kickl sprechen von Wählerinnen und Wählern", so die Politologin – sie gendern also.

Ob das was nutzt, ist freilich fraglich. Denn neben der "aggressiven Rhetorik", die Frauen abschrecke, sei es vor allem das repräsentierte Gesellschaftsmodell, das zähle: Männern hätten viel öfter Modernisierungsängste als Frauen – und das bedienen Rechtspopulisten. Besonders stark sieht man das bei den Jungen, wo es eine massive Polarität zwischen Rot/Grün und Blau gibt. Der Grund dafür ist ein simpler: "Für junge Frauen ist Modernisierung noch immer mehr Befreiung als Bedrohung", sagt Stainer-Hämmerle. Seit 1918 hat sich also doch nicht alles geändert.