Reger Andrang herrschte am Sonntag vor den Wahllokalen.

© APA/HERBERT PFARRHOFER

Politik Inland
09/30/2019

Viele blaue Wähler wurden türkis oder blieben zu Hause

Die ÖVP hat 258.000 frühere FPÖ-Wähler angezogen. Die Frage wird sein, ob Kurz diese halten kann.

von Rudolf Mitlöhner

Es ist eine der spannendsten Fragen nach jeder Wahl: Welche Partei hat an wen verloren bzw. von wem gewonnen und in welchem Ausmaß? Wohin also und wie kräftig sind die Wählerströme geflossen?

Zunächst geht es aber natürlich für jede der wahlwerbenden Parteien darum, möglichst viele Wählerinnen und Wähler vom letzten Urnengang bei der Stange zu halten. Am besten gelang auch dies der ÖVP: 86 Prozent der Wähler von 2017 machten aus diesmal wieder ihr Kreuz bei der VP. Einen ähnlich hohen Wert – freilich ausgehend von dem damals für die Partei desaströsen Wahlergebnis – gibt es für die Grünen: Sie konnten 80 Prozent ihrer Wähler von 2017 halten. Bei der SPÖ sind es 68 Prozent, bei Neos 55 und bei der FPÖ gar nur 54 Prozent.

Von der aktuellen Wahl ausgehend sehen die Zahlen natürlich anders aus. So kommen die Stimmen der Grünen nur zu 23 Prozent von eigenen Wählern der Nationalratswahl 2017; bei der FPÖ sind es 92, bei der SPÖ 90 und bei der ÖVP 78 Prozent.

Von Rot zu Grün

Den größten Zuwachs von außen erhielt der Wahlsieger von der FPÖ: 258.000 blaue Stimmen (das sind 15 Prozent der VP-Stimmen) wanderten zu den Türkisen. Von der SPÖ kamen immerhin 74.000 Stimmen (vier Prozent).

Der zweite große Gewinner des letzten Sonntags, die Grünen, sahnten vor allem bei der SPÖ groß ab: 29 Prozent ihrer Stimmen (193.000) kommen von ehemaligen SP-Wählern. Der Anteil an Ex-Neos- und -Liste-Jetzt-Wählern macht 14 Prozent aus (je rund 90.000 Stimmen).
Der große Verlierer des Wahlabends, die FPÖ, verlor ihre Wähler abgesehen von der ÖVP auch noch an die Nichtwähler. Immerhin 235.000 FP-Wähler von 2017 blieben diesmal zu Hause. Externe Zugewinne für die Blauen blieben bescheiden: 27.000 Stimmen kamen von der SPÖ, 11.000 von der ÖVP.

Die SPÖ, die ebenfalls ein deutliches Minus hinnehmen musste, konnte ihre Verluste an Grüne und ÖVP durch kleine Zugewinne von der FPÖ (36.000 Stimmen) und Nichtwählern (45.000) nicht kompensieren.

Verloren hat aber natürlich auch der überragende Wahlsieger: 83.000 VP-Wähler von 2017 gingen an Neos und 54.000 an die Grünen. Bewegungen in die entgegengesetzte Richtung fanden indes so gut wie gar nicht statt. Das ist freilich nicht sonderlich überraschend und angesichts des Gesamtergebnisses für die Türkisen verschmerzbar.

Für Neos sind die Zuflüsse von der Volkspartei hingegen durchaus relevant – für die Pinken sind die Türkisen der größte Rekrutierungspool (22 Prozent) – von den eigenen Wählern abgesehen (40 Prozent). Dies umso mehr, als sie (siehe oben) gut 90.000 Wähler an die Grünen verloren haben, von diesen selbst jedoch kaum Stimmen lukrieren konnten.

Spagat für Kurz

Und die Liste Jetzt, die an der Vier-Prozent-Hürde gescheitert ist? Wie sagte Listengründer Peter Pilz am Wahlabend zu Ex-Parteifreund Werner Kogler? „Das letzte Mal seid ihr rausgeflogen, jetzt sind wir rausgeflogen.“ Dementsprechend hat Jetzt vor allem an Grüne verloren, aber auch an Neos und Nichtwähler.

Aus Sicht der künftigen Kanzlerpartei wird es also wohl darauf ankommen, die knapp 260.000 FP-Stimmen bei der Stange zu halten – auch wenn die Koalition mit den Blauen keine Fortsetzung finden dürfte. Man kann annehmen, dass diese Wählerinnen und Wähler beim nächsten Mal wieder zur angestammten Partei zurückkehren oder zu Nichtwählern mutieren, sollten sie ihre Anliegen in einer künftigen – beispielsweise türkis-grünen – Regierung nicht hinreichend vertreten finden. Hier den Spagat zwischen diesen Wählern und dem künftigen Koalitionspartner zu finden, wird für den großen Triumphator Sebastian Kurz gewiss keine geringe Herausforderung.

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