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Politik Inland
09/30/2019

"Dachte, die FPÖ wäre anders": Was die Blau-Wähler ernüchterte

Ibiza-Video oder Spesenaffäre? Der KURIER hat sich in einstigen blauen Hochburgen umgehört.

von Elisabeth Holzer, Stefanie Rachbauer

„Ach geh, hör’ auf damit“ seufzt Herr Toni und zupft seine Ärmel nach der Gartenarbeit zurecht. „Da hättest kein Hellseher sein brauchen, um zu wissen, dass das mit der FPÖ passiert. Das hab’ ich schon im Wahlkampf kapiert.“

Toni ist einer von 1.302 Wahlberechtigten von Bad Blumau – einem herausgeputzten Ort in der Oststeiermark, bekannt durch sein ausgefallenes Thermalhotel und die großen Glashäuser, die mit Thermalwasser beheizt werden.

Bis Sonntag war Bad Blumau, wenn auch in der Gemeindepolitik absolut von der ÖVP regiert, blau.

Dann kam die Ernüchterung: Die Gemeinde färbte sich so türkis wie das gesamte Bundesland. Das obligate „Danke“ klebt am Montag dennoch auf dem Konterfei Norbert Hofers.

Die FPÖ hat der ÖVP erst 2017 Rang eins abspenstig gemacht. In Bad Blumau verlor sie (mehr als im Bundesschnitt) 13,5 Prozentpunkte. Es ginge freilich noch schlimmer: Das Ranking der größten Verluste in der Steiermark führen die Gemeinden Sankt Martin am Wöllmissberg, Ranten und Ottendorf an der Rittschein an. Dort verlor die FPÖ im Vergleich zu 2017 am meisten, jeweils etwa 17 Prozentpunkte.

Die Spesen sind's gewesen

In Bad Blumau fiel die FPÖ von 41,5 auf 28 Prozent. Warum? „Der Strache und die Spesen, ganz klar“, glaubt Herr Toni. Eine Nachbarin deklariert sich als eine Wählerin, die die Farbe gewechselt und diesmal Türkis gewählt hat. Ihren Namen nennen will sie aber lieber nicht.

„Ich hab echt gedacht, dass die FPÖ anders wär’, nicht so auf Bonzentum. Aber da hab’ ich mich getäuscht“, ärgert sich die Mittvierzigerin.

Der angebliche Mietzuschuss für Heinz-Christian Strache habe sie mehr getroffen als das Ibiza-Video, gesteht sie – obwohl der ehemalige Parteichef gar nicht mehr zur Wahl stand. „So viel Geld musst einmal verdienen, wie er gekriegt haben soll. Das geht gar nicht.“

Wie sie dachten offensichtlich 136 weitere Bad Blumauer: So viele kehrten den Blauen am Wahltag den Rücken. Stimmen, die hauptsächlich die ÖVP, aber auch die Grünen bekamen.

Der einzige FPÖ-Ortschef

Ortswechsel. In Breitenau am Hochlantsch in der Obersteiermark ist die blaue Welt noch ein bisschen heiler, das Minus ist mit 8,8 Prozent kleiner ausgefallen. „Na ja, trotzdem beträchtlich“, kommentiert Bürgermeister Willibald Ebner.

Er ist der einzige FPÖ-Ortschef unter den 287 Bürgermeistern der Steiermark, Ebner kam im Zuge einer Halbzeitlösung mit der ÖVP 2018 ins Amt. „Am Abend im Stammlokal werd’ ich das mit dem Wahlergebnis schon zu hören bekommen. Aber damit kann ich umgehen.“

Die FPÖ kam in Breitenau auf 15,9 Prozent und auf Platz drei hinter der ÖVP und der SPÖ. „In den Wahlgang bin ich als Realist gegangen. Ich hab’ mir nicht viel erwartet“, betont Ebner.

Anders als die Bürger von Blumau sieht der Bürgermeister von Breitenau das Ibiza-Video als Auslöser. „Als Spitzenpolitiker muss man sich schon beherrschen können und darf nicht einfach sagen, was ein einfacher Bürger vielleicht grad noch sagen kann.“

Die Spesenaffäre sei nur noch „das Tüpferl auf dem ,I‘ gewesen“, vermutet Ebner. „Sowas tut man einfach nicht.“ Diese Stimmung unter potenziellen Wählern sei im Wahlkampf spürbar gewesen. „Jetzt braucht keiner so tun, als ob er es nicht bemerkt hätt’ und geglaubt hat, die Leut’ werden schon vergessen.“

Kleider Bauer statt Gucci

In Wien-Simmering, der einzigen blauen Insel in der Bundeshauptstadt, hat Bezirkschef Paul Stadler das Desaster ebenfalls kommen sehen: „Als das Ibiza-Video öffentlich wurde, sind die Leute gekommen und haben gesagt: ,Was haben die zwei blöden Buben da aufgeführt?‘ Die Spesenaffäre hat uns dann endgültig das Genick gebrochen.“

Er habe kein Spesenkonto, beteuert Stadler und gibt sich volksnah: „Ich leiste mir nur Kleider Bauer.“

Stadler war 2015 der erste FPÖ-Politiker, dem es gelang, in Wien einen Bezirksvorstehersessel zu erobern. Am Sonntag fuhr seine Partei in Simmering zwar ihr bestes Wien-Ergebnis ein – mit  12,18 Prozentpunkten aber auch einen ihrer größten Verluste.

Eine „Katastrophe“ nennt Stadler das. Die Partei müsse nun neu aufgestellt werden – und zwar ohne Strache. Der sei „politisch tot“ und „nicht mehr verwendbar“.

Für die nahende Wien-Wahl gibt sich Stadler dennoch zuversichtlich: „Es war eine Nationalrats- und keine Landtagswahl. Ich hoffe, dass die Wähler jetzt ihren Frust abgelassen haben. 2020 schaut wieder alles anders aus.“