"Novomatic zahlt alle", sagte Strache im Ibiza-Video

HC Strache

© APA - Austria Presse Agentur

Politik Inland
11/24/2021

Straches Memoiren: Eine Abrechnung mit der FPÖ und Johann Gudenus

In seinen neuen Buch hat der gefallene Parteichef die Ibiza-Affäre noch einmal auf- und sich an Parteifreunden und Weggefährten abgearbeitet.

von Christian Böhmer

Es war ein „Attentat“. Nur im übertragenen Sinne, also ein politisches, aber immerhin. Heinz-Christian Strache hat nun also ein Buch verfasst. Es sind seine Memoiren, seine Aufarbeitung der Ibiza-Affäre. Und er nennt es schlicht „Das Ibiza-Attentat“.

Warum er diesen so harten Begriff wählt, legt der gefallen FPÖ-Chef auf rund 300 Seiten dar. Zum einen hat die Ibiza-Affäre binnen  weniger Tage seine jahrzehntelange Karriere zerstört; zum anderen ist Ibiza für den früheren Vizekanzler ein Attentat, weil das Komplott "jahrelang geplant" war und sich in eine ganze "Reihe von Angriffen" einreiht, die er in seinem Oeuvre auch detailliert schildert. 

Straches Abhandlung ist durchaus bemerkenswert. So bietet der frühere Spitzenpolitiker - zumindest Stellenweise - Einblicke in seine persönliche Verfasstheit.

Kalte Nächte

Man erfährt von einer schwierigen Kindheit. Der Sohn einer Alleinerzieherin musste mangels Geld ins Internat, er fühlte sich dort so gar nicht wohl, geschweige denn zu Hause. "Ich erinnere mich noch mit Schaudern an die kalten Nächte im Internat, ebenso an die oft fragwürdigen Erziehungsmethoden", schreibt Strache. Im Unterschied zu vielen anderen Buben, die im Internat eine „lebenslange Traumatisierung“ erlitten hatten, hätte er die Probleme besser verarbeiten oder überspielen können. Wörtlich berichtet Strache von einer „depressiven Stimmung“, wenn er ins Internat musste.

Vieles, was in seinem Leben folgen sollte - die Suche nach Vaterfiguren und auch die bisweilen fehlende Menschenkenntnis - erklärt sich auch aus dem persönlichen Werdegang. So erzählt der spätere FPÖ-Chef, dass er in der Burschenschaft Vandalia nicht nur sieben Mensuren gefochten, sondern "eine Art Ersatzfamilie" gefunden habe. Und: Er wolle nicht verhehlen, "dass sich auch in meinem engeren Umfeld immer wieder Personen mit fragwürdigem Charakter aufhielten".

Das eigentliche Kernstück, die Ibiza-Affäre, ist  weitgehend auserzählt. Für Strache handelt es sich nach wie vor um eine politische Falle, die er einfach nicht durchschaut hat. Retrospektiv habe er, Strache, vor allem einen fatalen Fehler gemacht, nämlich: sich "überrumpeln lassen". Er hätte einfach nicht zurücktreten dürfen bzw. müssen, glaubt Strache. Sein Fehler war also mangelnde Standhaftigkeit in der damaligen Regierungskrise - und nicht das, was er im Ibiza-Video gesagt hat.

„Schon bei der Ankunft dachte ich: In so einer bescheidenen Absteige wohnt doch keine Oligarchin!“, schreibt Strache über jenen Abend, an dem er und sein damaliger Parteifreund Johann Gudenus über mehrere Stunden in einer Finca gefilmt worden sind. "Ich spürte, dass hier irgendetwas nicht stimmt. Die ganze Szenerie wirkte seltsam und inszeniert." Es seien aber "möglicherweise enthemmende Drogen" gewesen, die ihn davon abgebracht haben, sofort aufzustehen und zu gehen. 

Der Rest ist  jüngere Zeitgeschichte.

Für Strache ist es wichtig zu erwähnen, dass er damals in Ibiza "jede Art von Korruption abgelehnt“ und sich „klar gegen eine Wasserprivatisierung“ ausgesprochen hat. An mehreren Stellen wiederholt er diese Haltung, dieses Anliegen. 

Die Schlüsselfigur in der Affäre wie auch in seiner späteren Demontage ist für Strache sein jahrzehntelanger Kompagnon Johann Gudenus. 

„Habt’s ihr alles, was ihr brauchts“, soll Gudenus angeblich an einer Stelle des Ibiza-Videos sagen. Gudenus habe ihn einst in die Falle gelockt, meint Strache. Gudenus bestreitet das vehement - auch seine Karriere endete ja mit dem Video recht abrupt.

Warum also sollte Gudenus ihn "gelegt" haben? Das ist "HC" selbst nicht so ganz  klar. Er vermutet, dass Gudenus erpresst worden ist, zu dumm war, Geld in Aussicht gestellt bekommen hat - oder dass alle drei Faktoren eine Rolle spielten. 

Politischer James Dean

Weitaus spannender als die Darstellung der Ibiza-Nacht sind jene Passagen, in denen Strache über seine eigene Karriere, sein Verhältnis zu Jörg Haider ("politischer James Dean") und die inner-freiheitlichen Befindlichkeiten schreibt. Er erzählt von den großen und kleinen Fouls, die Parteigenossen wie Norbert Hofer, Herbert Kickl und Manfred Haimbuchner an ihm begangen haben sollen. Von Haimbuchner wird die Anekdote überliefert, dass dieser bei einer großen Parteiveranstaltung in Linz einen Parteifreund anwies, Straches Mikrofon "den Stecker zu ziehen, wenn der noch länger redet". 

An vielen Stellen dringt unverblümte Enttäuschung durch, wie schnell ihn die Partei und enge Freunde haben fallen lassen. Selbst „Weggefährten“, die „Mensuren gefochten hatten“, seien plötzlich spurlos verschwunden. "Treu- und ehrlos", habe man sich verhalten. Es gibt keinen schlimmeren Vorwurf an Mitglieder einer Gesinnungsgemeinschaft wie der FPÖ. 

Gegen Ende des Buches versteigt sich der 52-Jährige  in theologische Exkurse. Er wiederholt die These, dass die „christliche Nächstenliebe“ natürlich ihre Grenzen habe und zwar für "die eigene Familie, den Nachbarn, Freunde und  Wegbegleiter“, nicht aber für die "Übernächsten" gelte. 

Und in seinem Ansinnen, die patriotischen Kräfte in Österreich und Europa zu bündeln, positioniert sich Strache mitten in dieser Pandemie  klar gegen alle Maßnahmen, die derzeit im Lockdown gelten: Er lehnt die Masken-, Test- und Impfpflicht ab. Und warnt vor "Chip-Implantaten als ID- und Kreditkarte".

 

Heinz-Christian Strache, Das Ibiza-Attentat, 302 Seiten, Verlag: TrustNet Medien GmbH, 24,90 Euro.

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