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Interview
08/14/2021

Soziologe: "Militante Impfgegner sehen sich in einer Märtyrerrolle"

Soziologe Andreas Diekmann im KURIER-Interview über die Ideologisierung einer medizinischen Frage.

von Elisabeth Hofer

Wie ticken militante Impfgegner politisch? Wie kann man sie ansprechen? Ein Interview mit dem Soziologen Andreas Diekmann, emeritierter Professor der ETH Zürich und Mitglied der Deutschen Akademie der Wissenschaften Leopoldina.

KURIER: Herr Professor, warum regt das Impfen derart auf?

Andreas Diekmann: Die Impfung ist eben nicht nur Privatsache. Der Schutz der Gesundheit ist ein hoch emotionales Thema, das alle berührt. Je mehr Menschen geimpft sind, umso sicherer können sich die Menschen fühlen. Hardcore-Impfgegner versetzen sich dagegen in die Märtyrerrolle einer verfolgten Minderheit. Es ist erstaunlich, wie stark medizinische Fragen ideologisiert werden. In den USA ist Maskentragen bei Republikanern verpönt. In Deutschland zählen Anhänger von AfD, in Österreich Anhänger der FPÖ zu den Impfgegnern. Die Unterschiede zu den bürgerlichen Parteien sind markant.

Sind Impfgegner um ihre Gesundheit besorgt oder geht es um einen Protest gegen staatliche Autorität?

Es gibt beides. Rechtsextremen Parteien ist das Thema Migration abhandengekommen, also sind sie auf den Corona-Zug aufgesprungen. Auch außerhalb der Parteien gibt es „politische Unternehmer“, die von der Organisation von Protesten profitieren – auch finanziell.

Wie passiert die „Radikalisierung“ von Impfgegnern?

Verschwörungstheorien, Esoterik und auch prinzipielle Gegnerschaft bei Impfungen, oft unter gebildeten Mittelklasse-Eltern, gab es seit jeher. Soziale Medien haben aber der Verbreitung von Verschwörungstheorien einen gewaltigen Schub gegeben. Impfgegner beziehen ihre Informationen in der Regel nicht vom städtischen Gesundheitsamt. Man informiert sich in den einschlägigen Foren. Chatgruppen erzeugen zudem ein Gemeinschaftsgefühl. Den dort geteilten, oft völlig absurden Geschichten wird vertraut. Seriöse „Mainstream“-Medien gelten nur noch als „Lügenpresse“.

Wieso „zieht“ das Argument einer kollektiven Verantwortung nicht?

Die Neigung zu prosozialem Verhalten, anderen zu helfen, auch Fremden, findet sich bei einem Großteil. Verantwortung zeigen ist ein Motiv für die Impfung, so wie auch das Selbstinteresse, besser geschützt zu sein. Wir sind ja in der glücklichen Lage, dass – anders als z. B. bei der Verringerung von -Emissionen – Selbstinteresse und Schutz der Allgemeinheit in die gleiche Richtung weisen. Das hat die überwiegende Mehrheit erkannt. Nach einer Eurobarometer-Umfrage wollen sich bis Jahresende 81 Prozent der Österreicher impfen lassen.

Warum haben wir dann ein Problem mit Impfgegnern?

Der Skandal ist, dass es in den reichen Ländern eine Überdosis an Vakzinen gibt, die wegen der Impfverweigerung auf dem Müll landen, während in Entwicklungsländern Impfstoffe händeringend gesucht werden. Gerade einmal 1,1 Prozent der Menschen haben in Ländern mit geringem Einkommen eine erste Dosis erhalten. Die Folge ist, dass neue Varianten entstehen, die auch bei uns das Infektionsrisiko erhöhen.

Wie kann man möglichst viele Menschen zur Impfung motivieren?

Neben einem harten Kern der Impfgegner gibt es auch noch viele Unentschlossene. Außerdem gibt es viele, die Angst vor Nebenwirkungen haben. Helfen könnten niederschwellige Angebote, „Impfmobile“ bei Einkaufszentren und Veranstaltungen, insbesondere in Regionen und bei sozialen Gruppen mit geringen Impfquoten, dabei Angebote in allen Sprachen und von Unternehmen für die Belegschaften. Auch Geldanreize können Unentschlossene motivieren.

Würden sich mehr Menschen impfen lassen, wenn es die Ankündigung gäbe, es werde bald nicht mehr kostenlos sein?

Das wäre doch ziemlich riskant. Vor dem Stichtag wird die Impfquote voraussichtlich zunehmen, danach aber abflauen. Wenn letzterer Effekt überwiegt, würde eine solche Maßnahme das Gegenteil des Erhofften bewirken.

Welche Auswirkungen hätte die Einführung einer allgemeinen Impfpflicht?

Die Politik hat das Versprechen abgegeben, keine Impfpflicht einzuführen. Eine Impfpflicht wäre also ein schwerer Vertrauensbruch. Sie würde die Ideologie von Gruppen stärken, die ohnehin tiefes Misstrauen hegen. Eine Impfpflicht wäre ein Geschenk für Querdenker und rechtskonservative Parteien.

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