Wählen Sie KURIER als bevorzugte Google-Quelle

SOS Kinderdorf: Reformkommission legt Bericht vor - und es gibt neue Ermittlungen

Experten identifizierten vier „gefährliche Muster“, die dazu geführt haben, dass Missbrauch verschwiegen wurde. Ein interner Bericht, der nach KURIER-Bericht an die Justiz abgeliefert wurde, ist Gegenstand von Ermittlungen.
++ THEMENBILD ++ SOS-KINDERDORF SEEKIRCHEN

Die Reformkommission um Irmgard Griss, ehemalige Präsidentin des Obersten Gerichtshofes, hat am Freitag ihren Abschlussbericht an SOS Kinderdorf abgeliefert. 

Die Organisation war im Herbst vergangenen Jahres in eine schwere Krise geschlittert, nachdem über die Stadtzeitung Falter erst Missbrauchsvorwürfe in zwei Kinderdörfern und dann auch gegen den Gründer Hermann Gmeiner und den langjährigen Präsidenten Helmut Kutin publik wurden. 

Durchgeführt wurden seither mehrere Gespräche mit Menschen, die sich auf einen Aufruf bei der Kommission gemeldet haben, auch Kinderdörfer und Jugendhäuser der Organisation wurden besucht, erklärt Griss zu Beginn. Der Fokus ihrer Arbeit sei darauf gelegen, welche Strukturen den Kinderschutz fördern würden - und welche hinderlich bzw. sogar gefährlich seien. 

Irmgard Griss

Vier Muster

Die "hinderlichen und gefährlichen Muster" fasst Hedwig Wölfl, Geschäftsführerin der Möwe, in vier Punkten zusammen: 

  1. Alles tun, um den guten Ruf zu schützen. Fehler einzugestehen, falle schwer, sagt Wölfl. Der nächste Punkt schließt hier gleich an: 
  2. Probleme und Missstände nicht offen und konsequent bearbeiten: Es gebe mehrere Berichte und Studien, die aber in der Schublade verschwunden und nicht in Schutzmaßnahmen zugunsten der Kinder eingeflossen seien.
  3. Durchsetzung patriarchaler Macht: Es gebe eine Gruppe von Menschen, die SOS gegründet hat und auf die sich die Macht konzentriert habe. Gründer Gmeiner sei in dieser Struktur überhöht worden. Andere - vor allem Frauen - seien eher verschwiegen worden. 
  4. Fragmentierung von Wissen: Wer was wusste und wer wofür verantwortlich war, sei oft unklar gewesen. 

Als der Skandal im Herbst geplatzt ist, hat die Organisation begonnen, sich neu aufzustellen - es gibt jetzt einen neuen Aufsichtsrat und eine neue Geschäftsführerin, demnächst soll ein zweiter Geschäftsführer bzw. eine zweite Geschäftsführerin bestellt werden.

Neue Ermittlungen auf Basis von internem Bericht

Wölfl kritisiert im Zusammenhang mit dem Skandal die "mediale Skandalisierung", unter der die Kinder gelitten hätten. Medien hätten eine "wichtige Kontroll- und Aufklärungsfunktion", sagt Wölfl, fordert aber eine besondere Sorgfalt ein. Die Kommunikation von SOS Kinderdorf sei jedenfalls "offen und professionell" gewesen. 

Zur Erinnerung: Durch Medienberichte wurde der Fall Gmeiner überhaupt erst publik und die Reformkommission eingesetzt. Ein 991-seitiger Bericht der "Independent Special Commission" (ISC), der intern beauftragt wurde und dann jahrelang unter Verschluss war, wurde durch einen KURIER-Bericht an die zuständige Staatsanwaltschaft übergeben.

Dort heißt es am Freitag auf KURIER-Anfrage, dass zu den Vorwürfen, die dem Bericht zu entnehmen waren, Ermittlungen eingeleitet wurden. Details dazu - also um welche Vorwürfe es sich konkret handelt - kann der Sprecher der Staatsanwaltschaft Innsbruck nicht verraten. 

Erst durch Recherchen offengelegt

Auch die Tatsache, dass der langjährige Präsident Helmut Kutin vom Missbrauch durch einen Großspender wusste und diesen gedeckt bzw. ihm weiterhin Zugang zu Kindern ermöglicht hat, war nichts, das die Organisation von sich aus offengelegt hat. Nach und nach sickerten über Recherchen mehr Details zum ganzen Ausmaß durch (mehr dazu). 

Und als Ende November der neue Aufsichtsrat eingesetzt wurde, musste dieser die Geschäftsführung von der Schweigepflicht entbinden. Zu dem Zeitpunkt war die Griss-Kommission schon seit zwei Monaten eingesetzt und auch die Justiz ermittelte schon gegen einzelne Personen und unbekannte Täter innerhalb der Organisation.

Kutin, Gmeiner und der Großspender

Gegen die Schlüsselpersonen kann nicht mehr ermittelt werden: Gmeiner ist 1986 verstorben. Die Kommission identifizierte 16 Verdachtsfälle, acht Personen wurden bereits entschädigt, fünf weitere haben einen Antrag gestellt. Ob die Vorwürfe stimmen, "kann heute nicht mehr nachgeprüft werden", betont Griss. "Behauptet" werde schwerer sexueller Missbrauch. 

Kutin starb 2024, der mit ihm in Verbindung stehende Großspender zwei Jahre vorher, 2022. Ihm war vorgeworfen worden, in Kinderdörfern in Nepal Kinder missbraucht zu haben, einen jungen Nepalesen für einen längeren Besuch zu sich nach Niederösterreich geholt zu haben und Kinder in einer Einrichtung in Altmünster berührt zu haben. 

Auf kritische Nachfrage eines Journalisten, ob nachvollziehbar sei, dass eine Kinderschutzorganisation jahrzehntelang mit einem Missbrauchstäter geworben hat, verweist Wölfl auf Punkt vier der "schädlichen Muster": Die Vorwürfe seien so brisant gewesen, dass nur wenige intern darüber Bescheid wussten, und dabei Verschwiegenheit geherrscht habe. 

"Wir stellen klar fest, dass das weder state of the art ist noch günstig war und am Ende auch zur Rufschädigung geführt hat", sagt Wölfl.

Minus 14 Prozent bei Spenden

Jetzt aber soll der Neustart gelingen. Griss und ihre Mitstreiter sind zuversichtlich. Auf skeptische Nachfrage eines Journalisten, ob die Organisation als solche reformierbar sei, betont Griss, wie wichtig die Organisation sei und welch gute Arbeit sie leiste. 

Ja, "die Sache mit Hermann Gmeiner" habe viele verunsichert, weil ihr Bild der Organisation beschädigt worden sei. "Aber zu sagen, es ist alles schlecht, man muss alles ändern, das wäre völlig überzogen." 

SOS Kinderdorf müsse eine "lernende Organisation" sein, und aus dem Skandal die richtigen Schlüsse ziehen. Griss betont noch einmal: "Wir brauchen solche Institutionen." 

Der Skandal hat der Organisation jedenfalls massiv geschadet - das ist etwa am Rückgang bei den Spenden zu spüren. Für heuer kalkuliert SOS Kinderdorf im Budget mit einem Minus von 14 Prozent. 

Wie SOS Kinderdorf in Zukunft aufgestellt ist, werde auch davon abhängen, wie viel die Länder bereit sind, für die Betreuung der Kinder an Tagsätzen zu bezahlen, zudem gebe es Bemühungen zur Optimierung und Effizienzsteigerung, erklärt Christian Purrer, der als Wirtschaftsexperte in der Kommission sitzt. 

Kommentare